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Jüdische Rundschau · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 260 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 22 Jesuiten erkannten in dem ehrgeizigen und insbesondere rcdncrisdi begabten Mann bald das geeignete Werkzeug ihres Planes, die Rciehshauptstadt den Liberalen abspenstig und fiir die klerikale Reaktion reif zu machen. Sic unterstützten ihn als(» mit allen Mitteln und hatten in der Tat nicht falsch gerechnet. Sic verdanken ihm gewiss nicht weniger, als er ihnen. Einmal im Sattel suchte sich Lueger natürlich mehr und mehr von jener Kuiittelgardc zu emanzipieren, an der er zum Zwecke des Aufstieges seine Pemagogenkimste erprobt hatt^. Er wurde ein tüchtiger Verwalter, machte Geschäfte mit den ״.fudenbanken** wie nur irgend ein ״Judcnlibcralcr“ und regierte nicht anders, als man in Wien überhaupt regieren kann, nur dass er ein bisschen bessere Partcidisziplin hielt, als es die Liberalen getan hatten. Oie eigentlich klerikale Arbeit unter ihm besorgte sein Landesausschuss Or. ücssmaun; er selbst spielte sich mehr mtd mehr auf den österreichischen Patrioten und Wiener •Biedermann hinaus, dem alle braven Bürger und Steuerzahler ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung willkommen sind, so lauge sie keine Landesverräter, keine Preussenseuehler und keine Lumpensozis sind. Denn der österreichische und christlichkatliohschc Charakter der Haupt- Stadt muss gewahrt bleiben. Oie ganz zerschmetterte liberale Bürgerschaft batte sich auch an sein lauwarmes Regime schon gewohnt und die ehristlichsozialeAmterkimuiÜenuig und sonstige Korruption geduldet, wie sie früher die in den eigenen Reihen geduldet hatte: mir die Sozialisten, gegen die er im Aufträge seiner eigentlichen Bn»!herrcn am erbittertsten und Skrupellosesten kämpfen 1m1>s:e. % ergehen ihm den Spiesser- und Patrioteuhass doppelt und dreifach. Klug, wie er ist. weiss er. dass auf die Dauer ein Regiment sich d«K.h nur erhalten kann, wenn ihm die Massen treu bleiben, und dass ein Pemagog sieb mit denselben Mitteln behaupten muss, mit denen er in die Hobe gekommen ist. Lr macht also den Leuten von der schärferen Tonart gelegentliche Zugeständnisse, um sic und ihren Anhang nicht zu verlieren. Lines dieser Zugeständnisse ist die Nominierung des Bielololiwek zum Laudesausschuss an Stelle des zum zweiten Bürgermeister vorriiekeiiden ehemaligen Anstreichers Steiner, der sich i!t seine Obliegenheiten gar nicht übel cingcarbeitct hatte und auch sonst ein Mann von Maliieren war. Von dem neren ״Herrn Landesausschuss•* erzählt di! ÖSTERREICHISCHE WOCHENSCHRIET: ..Oie Saturnaliei werden zur ständigen Institution erhoben. Wir meinen jene; Lest, bei dem der Hausknecht das grosse Wort führt und Mer Bielolahwek gebietiger P4err wird über wichtige Gebiete de Kultur und Wissenschaft und über deren Lehrer und Verkündet die in rastlosem Eifer ihr Lehen dem Dienste der W issenschaf und der Menschlichkeit gewidmet haben, um schliesslich ab hängig zu werden von Herrn Bielolahwek. Und das vollzieh sich bei uns. als wenn das so sein müsste, als wenn es di! natürlichste Sache von der Welt wäre. Strohbach war Lehr mittelhandler. Er hatte so wenigstens gewisse entfernte Be Ziehungen zu jenen ״Büche!״", die Herrn Bielolahwek eilige standeiierniasscii einen solchen Horror einflössen, der w1!״ schon als Idiosynkrasie bezeichnet werden darf. Her Bicio lahwck ist Oemiseluwarenhändler. Ihn deshalb geritigzu Schätzen, wäre eine Torheit und ein Anachronismus. Imtiierhii musste aber ein Geinischtwarciihäudler d»»cl1 auch etwas ge lernt haben, etwas wissen, um sieh die Legitimation zu er werben, in den wichtigsten Lragen der Verwaltung und de Biidung das entscheidende Wort zu sprechen. Nun haben abe wohl selbst die begeistertsten Lreunde und Anhänger Hem 1 Jielolahweks den Mut nicht, zu behaupten, dass Herr Bicio lahwck auch nur etwas gelernt habe, auch mir etwas wisse Und wenn sie schon den erstaunlichen Mut hätten, so wiird sic doch jeder Satz, den er spricht, jedes Wort, das er schreib ־ er schreibt wirklich! - sofort und mit der unwiderstehliche Schlagkratt des klassischen Beweises gründlich eines Bessere; he ehren. Oie christlich-soziale Partei hat es herrlich wei gebracht. Ne dar! Herrn Bielolahwek auch in solcher Stelluu der Bev^kerung zumute״, und weder ein Sturm der Lntriistiu.; S’rh•״ ’?*"•״ ״vC I UlS,Sl 11,11 Cl״»«11 ״slüscliliclics Gelächter v״ 241 ״ ,VrSl,,lk"llß1vcrs.cllwillJ'■־''• kragt man, was e gtlc stet, forscht 111.111 nach seinen \orziigen. so kommt ma hat^er״mit״r '־ V hat c5״c kriliti^ klinge, und di zu dm». n«'״ A,is״r״cl‘ genommen, um gegen die Jude zu donnern. Das gelingt hei uns.‘* — Ja. ja — ’s gibt mir Kaiserstadt, ,s gibt nur a Wien —I Aus der Bewegung ן— Posen. In der Sitzung der Ortsgruppe vom 13. Mai referiertc Herr Referendar Or. D <> b r z y n s k I über das ״Jüdische Arbeiterproletariat‘'. — Die N a t i o n a I נ ־ ü! d i s c h c L r a u e 11 v c r e i 11 i g 11 n g. die bereits 25 Mitglieder zählt, hatte in der letzten Sitzung ein Referat des Herrn Or. Jeremias über: ״Geschichte und Organisation des Zionisums•‘. Daun gab Lrl. Rosa Jacobi eine übersichtliche Zcitiingsschaii. die mit der stimmungsvollen Wiedergabe der York-Steinerseheii Skizze: ..Hcrzl beim Scdcr*‘ schloss. — Pas erste Mal seit Bestehen der Alliance Jsraclitc haben liier jetzt Wahlen für das Lokalkomitee stattgefuiidcn, dessen Erneuerung das Statut eigentlich alljährlich fordert. Oie Anberaumung dieser Neuwahl musste, nachdem ein entsprechender Antrag der Zionisten und einiger anderer, für Ordnung und gegen Schlendrian in jüdischen Institutionen eingenommener Mitglieder abgeleimt war, durch Beschwerde beim Zentralkomitee und durch Drohung mit selbständiger Ausschreibung der Wahl erzwungen werden. Dass es gelang, bedeutete den ersten moralischen Erfolg; der zweite war der. dass von 17S hiesigen Mitgliedern •M an der Wahltiruc erschienen und damit ein über die Beitragslcistuug hinaus: gehendes Interesse bekundeten, wenn auch die meisten nur aus Angst vor unberechenbaren Aktionen der bösen Zionisten erschienen. Diese seihst hatten nur einen Gesinnungsgenossen kandidier: und keinerlei .Agitation entfaltet, da es ihnen zunächst auf die Otirclisetzmig des Prinzips ordmmgsmässiger Wahlen aukam; immerhin erhieit der zio:!istisc!1e Kandidat 16 von «G Stimmen. Hoffentlich wird das Lokalkomitee be/.w. dessen Vorsitzender. Herr Rabl». Dr. Eeilchenfeld. sich im nächsten Jahre zu Neuwahlen nicht erst zwingen lassen. * - In den Vorstand des ,.Israelitischen Parlehusvereins" wurde Og. Dr. Koilenscher gewählt. Gleiwitz. Resolution vom 23. Mai 1905. Oie Zionistische Ortsgruppe G I c i w i t z erklärt sich mit dem in No. IS fX. Jahrgang) der JÜDISCHEN RUNDSCHAU erschienenen Aufruf ״An die deutschen Zionisten" und den dort folgenden Erklärungen des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung fiir. Deutsch-!and völlig einverstanden und begriisst in dieser Erklärung mit Ereudc die Absage an den Tcrritorialismus und die Auf- Stellung eines Palästinaprogramms. Sie teilt nicht die anderweitig ausgesprochene Befürchtung, die Erklärung bedeute einen Rückfall, in den Chowewc-Zionistnus. Dessau, den 24. Mai 1905. Gestern fand hier eine Ver- Sammlung der hiesigen Zionistischen Vereinigung statt. Herr ,Blitz sprach über die Seiira. In zündenden Worten schilderte er die Zeit, in welcher der jüdische Landmanii glücklich und zufrieden an seiner Scholle haftete und zur Erntezeit mit der Omergabe nach Jerusalem wallte. Nach der Zer- Störung des jüdischen Staates habe sich diese Zeit Verhängnisvoll fiir die Glieder des jüdischen Stammes gestaltet. Der Umstand aber, dass man heute noch Omer zähle, sei ein Beweis, dass man au jene glückliche Zeit anknüpfen müsse. Hierauf sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Ascher über das Thema ״N ach H e r z I s Tod e". Er ging auf die Wirksamkeit Herzls ein. begleitete ihn in seinen zionistischen Ideen bis zu'seinem Tode und warf dann die Erage auf, was mm tun? In seinen Ausführungen kam er zum Schlüsse, dass wir an den von Hcrzl aulgestellten Grundsätzen unbedingt fcstzuhalten haben, wenn wir auch den veränderten Umständen Rechnung tragen müssten. Wir würden Hcrzl am besten ehren, wenn wir das tun, was er im gegenwärtigen Augenblicke geta.1 haben würde. Hierauf kam mau zum wichtigsten Punkt der Tagesordming, zur Stelliuiguame zum Beschluss des Zentralkomitees. Herr Blitz wog das Eiir und Wider jener Erklärung genau ab; viele Anwesenden griffen in die Diskussion ein. Herr Schnelling aus Hannover, der zufällig hier war, sprach sich warm für das unbedingte E'esthalteu des Baseler Programms aus. während andere meinten, dass mau anlässlich der kritischen Lage der Juden das ostafrikanische Projekt atmehmen müsse. Hierani wurde eine Resolution mit Stimmenmehrheit gelasst, durch welche sich die Versammlung mit dem Beschluss des Zentralkomitees einverstanden erklärte. Die Minorität stimmte dagegen. Leider war angesichts des Geschäftstages die Ver- Sammlung nicht stark besucht, so dass die Stimmung der hiesigen Ortsgruppe nicht ganz zum Ausdruck kommen konnte. Erfreulich war es, dass einige massgebende Männer, der Sekretär der hiesigen Baron von Coliii-Oppenheim-Stiitmig Herr Rosenbaum, und der Kurator, Herr Hofbaukier Märker, der Versammlung beiwohnten und sichtliches Interesse daran hatten.

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