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Jüdische Rundschau · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 259 No. 22 _ JÜDiSCHK R*JNDSCMAU Vereinigt Euch, schlosset Euch an der Selbstverteidigung! Zum Kampf, Brüder! Kaum wird der Pogrom beginnen, so schickt Euere Kinder mit den Frauen auf die oberen Stockwerke, doch die Männer versammeln sich an den Toren. Für die Ehre des Volkes, für das Leben der Frauen und der Kinder! Das nationale Komitee für Selbstverteidigung des Judentums.!u Anschluss daran zitieren wir aus einem z i o 11 i s t isehe n A u f r u f, der iit Massen unter unseren russischen Gesinnungsgenossen verbreitet wurde, folgenden Passus: .... Wir erklären, dass das jüdische Volk für sich volle bürgerliche und nationale G l c i c h l> d r e c 11tigung fordert, und dass es keineswegs sich zufrieden geben würde mit halben Konzessionen oder teilweise!! Verbesserungen, Und in Anbetracht des Umstandes, dass nur und allein eine starke Organisation des Jüdischen Volkes ihm die uneingeschränkte Freiheit wird verschaffen und erhalten können, fordern wir die Zionisten auf, Ihrerseits die Initiative zu ergreifen zur Organisation der jüdischen Volksmassen für die Verteidigung ihrer Rechte und Interessen.” L’EUROPEEN. der diesen Aufruf abdruckt, fügt hinzu: ..II serait ä souhaiter que les grauds juifs d'Occident qui uaguere se montraieut si coniplaisants envers 1’ autocratie cn lui negociant pour de fortes commissions des empruuts ne craignent pas de s'ass<!cier aux revendicatinns de leurs coreligionnaires russes. La lainciisc solidarite juive, taut decriec par les antisemites, le cotmnanderaif. si toutefois eile uctait pas uu mytlie.’' Leiüer. leider wird diese berühmte jüdische Solidarität auch in diesem Falle sich als eine Mythe erweisen. Diese ..grands jinis" lassen sich nur allzu gern von der russischen Regierung wieder beruhigen, denn dann brarcht mau ja nichts zu tun und kann dem Zaren weiter borgen. Wenn abe! deutsche Juden, deutsche Zionisten diese Solidarität in sieh fühlen und den .,}rüdem jenseits der Grenze in ihrem nationalen S e I b s t b c i r e i 1111 g sw c r k mit materieller Hilfe heisteheu wollen, so sind wir jeder Zeit bereit, die Vermittelung zu übernehmen. Die Antisemiten von Wien Es ist den Wiener Christlichsozialcn gelungen, wieder einmal von sieh reden zu machen. Der Tod des Vizebürger־ mcisters S t r o h b a c 11, so schreibt man der FRANKFURTER ZEITUNG aus Wien, hat die missfarbige Masse die sich schon zu setzen und zu klären begann, wieder aufgcquirlt und viel Bodensatz in die Höhe gebracht. Die vielen Ämter, die de! ehemalige Platzhalter Luegers im Bürgermeisteramt zum Danke für seine Parteidisziplin im Laufe der Zeit auf sich vereinigte und die mm alle vakant geworden, erregten den Appetit der unterschiedlichen Parteigrössen, lockerten für einen Augenblick die Entweihung des Sabbaths auch cinreisscn. So hat sich auch der hochwürdige Rabbiner Herr D r. Hirsch geäussert, dass er gerne an der Spitze des Unternehmens stehen würde, wenn nicht die Besorgnis vorhanden wäre, dass dadurch der Sabbath 11. dgl. entweiht würde. 2) Ein anderer Einwand richtet sich darauf, dass die dortigeri Bewohner sich nicht mit Fleiss der Arbeit hingeben würden, und der Zweck hierdurch unerreicht Weihe. 3) Am meisten aber betont man die Unsicherheit des Besitzes in Palästina; die arabischen Horden würden der jüdischen Landbevölkerung die Ernte rauben. Doch alle diese Einwände sind leicht widerlegt. ad) J) Was die Entweihung des Sabbaths betrifft, so müssen Aufseher allgestellt werden, die streng darüber wachen, dass nicht nur die Gesetze des Sabbath, sondern alle mit dem Landbau in Palästina im Zusammenhang stehenden Gebote aui's Gcnaucste beobachtet werden; und dass jede Ucbertrctung mit Entziehung des zucrteilten Besitztums bestraft werden müsse. Herr Hausdorf in Palästina hat mir Rabbiner namhaft gemacht, die es sich gern zur heiligen Aufgabe machen würden, das Amt solcher Aufseher zu übernehmen, und das Volk über Alles zu belehren, was nach dem jiid. Gesetz beim Landbau zu beobachten sei. das sonst so stramme Regiment, das der Obergewaltige führ:. Und um die imponierende Ordnung in seinen Bataillonen wieder hcrzustcllen, musste er auch den Untersten Konzessionen machen, die er vielleicht sonst unterlassen hätte. Eine dieser Konzessionen ist die bevorstehende Wahl Biclolahwcks zum Laudesausschuss, die einen Entrüstungsschrci von der äussersten Rechten bis zur äussersten Linken und selbst in einem Teile des christlichsozialcn Lagers hervorgrufen hat. Bielolahwck, der ehemalige Peutschmeistenetdwcbcl, Landesausschuss und Chef sämtlicher Spitäler, Irrenanstalten und Hun1a11itätsinstio־‘e! Der Mann ״der 's schon p.’tressen hat, wenn er a Biichcl sieht,“ der Vorgesetzte von Professoren und Ärzten, der Kraftprotz der Gemiitsroheit, Vorsteher aller Armenhäuser und Spitäler! Das war doch auch den Gelassensten zuviel und man setzte dein Herrn Oberbürgermeister Lueger, der sonst ja ein kluger Manu ist, gründlich zu. wegen dieser unerhörten־ Provokation aller Elemente, die sich mit dem mm einmal unabänderlichen christlichsozialcn Regime mehr schlecht als recht schon abgcfuudcii hatten. Freilieli ohne Erfolg. Herr Lueger kann nicht t anders. Auch er ״muss folgen, weil er Führer ist.“ j Mau dar! die Christlichsozialer! in Wien und Niederster־ ' reich ebensowenig als eine einheitliche Partei annassen. als; uie antisemitische Gesinnung aus einer einzigen Quelle fliesst.; In jener sonderbaren Geisles Verfassung, die eine Heilung aller : sozialen Schäden von der Verdrängung eines bestimmten durch ‘ Glauben oder Abstammung gekennzeichneten Bcvölkcruugsteils : erwartet, sind die Nachwirkungen der verschiedenartigsten Einiliisse zu erkennen. Es gibt einen Antisemitismus der ..Hiesiger!‘' oder Ansässigen, ־zu denen auch viele jüdische Eamilien gehören, gegen die ״Ibhergelaufenen“. die Parvenüs und die östliche Einwanderung, die natürlich nicht aus lauter erfreulichen Elementen bestellt: einen arisch-teutonischcn An־ tisemitisnius. der auf Züchtung des blonden Rassenideals ausgelit und vorwiegend ästhetischer Natur ist; einen Kleinbürgerliehen wirtschaftlichen Antisemitismus der kleinen Geweihe-; treibenden und Beamten, der vom Neide diktiert ist und sich vor allem gegen die findigeren und rührigeren, wohl auch besser situierten jüdischen Konkurrenten wendet — der ״So-; zialisinus der dummen Kerls von Wien", und endlich den reinen, j aes atavistischen Instinkten stammenden blutgierigen Judenhass, wie ihn die Hefe der Bevölkerung fühlt und ausser ihr I noch ein paar Spekulanten der schärferen Tonart, wie der j Mechanikus Schneider, Gregorig und eben jener jetzt avan-; zierende Bielolahwck, Gemisciitwarenhändler und Zeitungsherausgeber seines Zeichens. Den Oberbürgermeister Lueger selbst darf man keiner dieser Spielarten zurechtten. Dieser Urwiencr. der heute noch mit einer Menge Juden aut dem Duzfusse steht, hat stets in Abrede gestellt, dass er ״Antisemit“ sei und sich immer nur Antikorruptionist genannt. Er ist vermutlich keines von beiden. Er hat sich vom Liberalen zum Demokraten und endlich zuitt Christlichsozialen durchgchäutet, bis er dort angelangt war, wo er die meisten Chancen zur Befriedigung seines Ehrgeizes hatte. Töne jeglicher Art hatte er ja auf seiner Leier. Die ad 2) Die Untätigkeit der Palästinenser wird auch zu sehr übertrieben; ich habe im Gegenteil viele Briefe aus Palästina erhalten, ־aus denen hervorgeht, dass die jüdischen Arbeiter nichts sehnlicher wünschen, als arbeiten zu können, und sei es auch für noch so geringen Lolin. Die kürzlich aus Marokko dahin ausgewanderten Juden, von denen die Zeitschriften berich- Uten, sind sogar nur an Ackerbau gewöhnt, und würden gern zur Linderung ihrer elenden Lage den Pflug In die Hand nehmen. ad 3) Die räuberischen Einfälle der Araber können schon aus dem Grunde nicht Vorkommen, da bekanntlich der gegenwärtige Pascha sehr gereefitigkcitsliebcnd ist. und jeden Raub oder Diebstahl, der an seinen Untertanen verübt wird, streng bestraft. Tuen wir also, teure Glaubensgenossen, vor Allem unsere Pflicht, machen wi! mir den Anfang; der Ewige, dessen allgnädiges Auge ganz besonders auf Palästina gerichtet ist. wie cs in. der heiligen Schritt ausdrücklich hetsst״ .־Ein Land; au{, v,cl dies beständig das Auge Gottes gerichtet ist, vom Anfang des Jahres bis zum Ende,“ wird in seiner Allgiite uns schon bei- Stehen und die Sache zu einem glücklichen Ende führen. Von Palästina aus wird er daun seinen Segen und seinen Frieden entbieten auf die ganze Welt bis in Ewigkeit. Sein! ני משם יצוד, ה׳ את הנדבה היים עד העולם (תהילים)

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