Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651416--02431-2659315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 4× ep/1000834
OCR text
Seite 25S Jüdische Bürgerwehr Bei Jeder Gelegenheit, besonders auch anlässlich der letzten Ereignisse von Shitomir. haben wir betont, dass cs int Augenblick für die Juden in Russland keine andere Parole und keine andere Hoffnung geben kann, als selbst sich mit Waffen zu versorgen und, wenn das Mordgcsindel wieder loslcgt, zu schlagen und zu schiessen, wohin nur eine Waffe reicht. Das haben die Juden in Russland ja auch sehr bald selbst eingesehen, aber nur wer russische Verhältnisse eiiiigermassen keimt, kann sich eine Vorstellung davon machen, welche unglaublichen Schwierigkeiten der Verwirklichung dieser Absicht sich entgegen stellten. Gleichwohl ist esgclungcu, und cs ist in b c w iindcruiißswiirdiger Weise der Ausdauer und dem Mut russischer Juden gelungen, eine fast mustcrgiltigc Organisation zur Selbstverteidigung zu schaffen, über die Einzelheiten zu veröffentlichen natürlich Jetzt nicht der Moment ist. Aber in der jüdischen ticschichte unserer Zeit wird dieser Organisation, an der auch unsere Gesinnungsgenossen hervorragenden Anteil haben, ihr Platz gesichert sein. Wir publizieren hier einige Aufrufe des ״Nationalen Komitees für die Selbstverteidigung des Judentum s” in Odessa. An das Publikum! Ostern rückt heran! Die Juden Russlands allerorts erwarten Progrome. Zu Zehutauscnden werden gehässige Pamphlete, welche zu Mord und Plünderung der Juden auffordern, mit Hilfe der Polizei unter den Massen verbreitet. Vielleicht schon in diesen! Augenblick wird uns ein neues Blatt in der blutdurchtränkten Geschichte der Juden in der Diaspora hinzukommeu. Wohl sind wir uns bewusst, dass wir machtl״s sind, der heranrückcndeii Gefahr vollständig zu begegnen. Aber wir haben beschlossen, nicht zuziilasseu. dass dieses neue Blatt ein Schandfleck für unser Volk werde. In den Orten Russlands, wo unsere Brüder wohnen, kennt man jetzt die Parole der bewaffneten Selbstverteidigung. Sämtliche Studenten haben sich bereits organisiert: mit den Waffen in der Hand werden sie den Exzcdenten und dem ״schwarzen Tausend”, das sich hinter den unwissenden Massen versteckt und sie durch Schnaps und dergleichen irre führt, ciitgegentretcn. Auch Odessa will 11ic.1t Zurückbleiben, wir haben zu diesem Zwecke ein Komitee gebildet, das alle Vorkchrungen für die Katastrophe getroffen hat. Es hat sogar dafür gesorgt, dass Berichterstatter der grossen ausländischen Zeitungen sich auf dem Kampfplatz cinfinden werden, um selbst alles wahrzunehinen und der Welt Bericht zu erstatten, wie die Polizei und die örtliche Administration sich verhalten werden, damit so nachher von der Regierung nichts entstellt werden kann. Wir sind uns zwar dessen bewusst, wie traurig eine solche Selbstverteidigung ist. Wir sehen im Voraus, dass — ebenso wie in Hornel — die Polizei und das Militär uns am Selbst- No. 22 verteidigen zu hindern, sich bemühen werden. Das alles sehen wir voraus und anderes erwarten wir nicht von der rassischen Bureaukratic. Unsere Worte sind nicht an diese gerichtet; wir wenden uns an die öffentliche Meinung Russlands und der ganzen Kulturwclt. Stehend an der Schwelle des Unglücks, wollen wir alle redlichen Leute erinnern, dass nicht wir dieses Unglück heraufbeschworen, dass nicht wir die Angreifer, sondern jene, die uns die Waffe in die Hände gedrückt haben. Und wenn j unser trauriges Schicksal uns zwingt, Blut anderer zu ver-; giessen, daun möge das fallen auf das Haupt der Hetzer; wir tragen die Verantwortung nicht; wir können nicht ruhig zusehen, wie die Ehre unserer Brüder und Schwestern, wie die Ehre unseres Volkes mit Eiissen getreten wird. Odessacr nationales. Komitee für jüdische Selbstverteidigung. Odessa, April 1905. Brüder! Juden! Alle Massrcgelu gegen den Pogrom sind getroffen. Bewaffnete Scharen sind bereits zum Schutze der jüdischen Bürger organisiert; vergesset jedoch nicht, dass dieser Schutz nicht genügend ist, und sage sielt deshalb niemand. dass er seinerseits nichts zu tun braucht, da die Mannschalten der Selbstverteidigung da sind. Jeder von Luch muss sich bewaffnen, und wenn die Zahl der Revolver nicht ausreicht, dann nehmt Euch scharfe Messer. Holzj׳;!d Eisen- Stangen oder Nagaikas mit Blei oder Steinen in den Riemen. Die Brauen sollen kochendes Wasser. Vitriol und dergl. vorrätig halten. Bringet jedem von Luch die Notwendigkeit der Sclostverteidigung bei. vereinigt Luch mit l;urc!1 Nachbarn und stellt Wächter an alle Ecken der Strassen! Die l'rauen und Kinder bringet auf die oberen Stockwerke. Ihr Männer aber tretet auf den Kampfplatz und kämpfet geschlossen! Nur so könnt Ihr standhaften vor dem Ansturm des Leindes, kämpfet tapfer Liner für den Andern und erwidert Schlag für Schlag, nur so tapfer werdet Ihr die Schmach des jüdischen Volkes, wie die in Kischincw. beseitigen! . Schützet das Leben Eurer Kinder und die Ehre Eurer Brauer! und Eures Volkes. Das nationale Komitee für Selbstverteidigung des Judentums. Odessa, April 1905. Brüder! Juden! Das Osterfest der Russen naht heran, mau erwartet Demonstrationen seitens der Arbeiter. Um aber die Sache zu verhindern, bereitet sich die Polizei vor. einen Pogrom gegen die Juden zu veranstalten. Sie besticht die Exzcdenten, verteilt unter ihnen Waffen und hetzt sic gegen die Juden auf. Bereitet Euch — wie es sein soll ־- für den .Empfang der Beindc vor! Gedenket, dass die Exzcdenten Leiglingc sind und nur deshalb wagen, die Juden zu überfallen, weil sic keine Gegenwehr der Juden erwarten. Lasset Euch und Euer Volk nicht beleidigen, erwidert den Kampf und schreckt nicht zurück vor den verächtlichen Betrunkenen! JÜDISCHE RUNDSCHAU Aus Kalischers ״Drischath Zion“ Schlusswort Wir fassen zum Scliiuss unsere in diesem Werke niedcrgelegtcn Ansichten und Beweise für die dringende Notwendigkeit der Kolonisierung Palüstina’s in toigeuden Hauptpunkten zusammen. Erstens spricht dafür das Prinzip der N a t i o n a 1 i t ä t. Wir sehen, wie die Völker alle für ihre nationale Sache cintretcn, wie sie mit der grössten Opferfrehdigkeit ihr Gut und Blut einsetzen für die Erhaltung oder Wiedererlangung ihrer National!- tät, und wir Juden sollten die Hände in den Schoss legen und nichts tun, um unser nationales Besitztum, das heiligste Erbgut unserer Väter wiedcrzucrlangcn? Wir sollten tatenlos bleiben, wenn man uns auf Palästina, als auf unser eigentliches Vaterland verweist? Dass hiessc unsere Nationalität, auf die wir stolz zu sein ein Recht haben, ganz und gar vcrläugnen. Es ist zweitens eine heilige Piliclit der Wohltätigkeit, unseren in Palästina wohnenden und dahin wallenden frommen Brüdern hilfreich beizustehen; aber blosse Almosen und Spenden genügen nicht und machen lene zu Bettlern; wir müssen ihnen vielmehr die Mittel an die Hand geben, wie sie durch eigenen Fleiss und selbsttätige Arbeit sich ihren Broterwerb verschaffen können. Dies geschieht am praktischsten durch die hcabsichtigte Kolonisierung Palüstina’s; sie wird das beste Mittel sein, der zunehmenden Armut und dem wachsenden Elend daselbst zu steuern. — והדלת נהנין ציגיע כפם. Es spricht drittens für die Verwirklichung dieses Planes die dadurch ermöglichte Erfüllung so vieler Gebote unserer heiligeu Thora, die an den Boden Palüstina’s geknüpft sind, und zu welchen ein jeder Israelit verpflichtet ist. Demi der blosse Gedanke ohne Ausübung reicht bei weiten! nicht hin und bietet keinen geniigenden Ersatz, u ie w ir das in diesem Werke aus den Gesprächen im Kusari erwiesen haben. Wer nur seinen Teil beiträgt zur Verwirklichung dieses grossartigen Planes, der hat auch au der Erfüllung jener Gebote seinen Anteil erworben. Durch die Erreichung dieses Zieles bringen wir viertens auch die göttliche Erlösung um einen grossen Schritt näher, denn wir erfüllen dadurch die Vorbedingung zu unserer einstigen Erlösung, w׳ie wir das in dieser Schrift aus vielen jüdischen Werken erwiesen haben. Da sich gegen die Realisierung dieses Planes auch mancherlei Bedenken erhoben, so wollen wir dieselben nicht verschwelgen, sondern hier der Reihe nach anführen und mit Gründen widerlegen. 1) Der hochgelehrte Herr Rabbiner D r. Hildesheimer zu Eisenstadt hat in einem Schreiben an mich den Einwand erhoben, dass, wie sehr er auch dem ganzen Unternehmen geneigt sei, er doch Besorgnis liege, cs könnte bei den Landbebaiiern