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Jüdische Rundschau · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 257 No. 22 JÜDISCHE RUNDSCHAU Das Gefühl der Schutzlosigkeit zwinge die Juden aus Selbsterhaltungstrieb sich zu einer B ii r g c r \v c h r zu organisicren, während die Ueberzeugung von völliger Straflösigkeit andererseits die bestialischen Instinkte der Menge reize. Es könne möglich werden, dass die Stadt sich in zwei icindliche Lager spalte, und dass, wenn diese einmal einander gegen- Überstunden, das Blut unschuldiger Menschen iliessen werde. Die Stadtverordneten, eingedenk ihrer heiligen Pflicht, da! Einwohnern gegenüber, könnten nicht teilnahmslose Zuschauer bei den bevorstehenden Gräueln sein, sondern müssten alles tun. was in ihrer Macht stände, um die Einwohnerschaft zu schützen, deshalb beantragten sie. die Duma solle beraten, wie den Schrecken vorgebeugt werden könne und. wenn sic es für möglich hielte, bei der Administration um Schutzmassregelu gegen das sich vorhere'tendc Unheil nachsuchen. Berichten von durchaus glaubwürdigen Augenzeugen der Vorgänge in Shitomir entnehmen wir folgende Schilderungen: Während schon au diesem und jenem Punkte die Plünderer an ihr Werk gegangen waren, die jüdische Bürgerwehr. ein. Häuflein Studenten. Arbeiter und Handwerker, sich zum Empfang der Hooligans bereit machte, verhielt sich die Paliz c i u n d d a s Militär ganz passiv. Dr. Bienstoek und der Student Blinow (Christ) eilten zum Poüzcimelster v׳!,• Sls'tomir. Janowizky. uni ihn zum Einfchrciten gegen die Plfinderer zu bewegen. Er versprach mit״־dann gegen die Plünderer vorztigchcn. wenn die jüdische Bürger w e 11 r den Platz räumt. Dr. Bienstoek und Student Bünow versprachen, d'ese Bedingung zu erfüllen. Naclulem'sie das Versprechen der Biirgerwelir. sicli unverzüglich zu zerstreuen, erhalten hatten, kehrten sie zur Stelle zurück, wo der Pulizeimeistei sie erwarten sollte, aber er war nicht zu finden, und sie standen einer Menge Plünderer gegenüber, die sich sofort auf die beider, stürzten. Dr. Bienstock rief dem diensttuenden Offizier und Polizisten zu: ..Sehen Sie. was hier geschieht!■* Aber diese hieben untätig auf ihrem Posten, während die Schläge aui Dr. Bienstoek niedersausten, hin zufällig vorübergehender Oiiiz'cr packte den Misshandelten und entzog ihn den Händen der Plünderer. Bliuow blich in ihrer Gewalt. ״Das ist ein Soziale t.“ ruft jemand. ..der die .luden vertc'digt. der ist noch schlimmer als ein Jude!“ Unter den Kniippeisciilügcu fällt d»■*־״ Student zu Boden und wird auf bestialische Weise zu Tode geprügelt. Dabei soll ein Polizist den Plünderern geholfen haben, hin paar Augenblicke später ist Blinows EiVclie eine unkenntliche Masse. Kurz, vorher war au einem anderen Punkte ein gewisser Kuccr den Plünderern erlegen. W׳e ־• י׳ Schnellfeuer durcheilt die Nachricht von diesen bestialischen Vorgängen die Stadt und erfüllt alle mit Schrecken. Gegen 7 Uhr abends verbreitete sich das Gerücht, mit Stöcken. Hinten. Beilen und Revolvern bcwaiiuetc Bauen! zögen aus der Vorstadt Malcwauko nach Shitomir, um die jüdische Bevölkerung zu massakrieren. Sofort eilte die jüdische Bürgerwehr den Piüitdcrern nach dem sogen. Podolj (der Miihlcnstrassc am Ufer der Kamenka) entgegen, um die dort lebenden Juden zu schützen und den Plünderern den hintritt in die Stadt zu wehren. Trotzdem! die Juden sich tapfer hielteil und die ihnen drei- bis vierfach überlegenen Plünderer mit Todesverachtung zuriiekwiesen. gelang cs ihnen doch nicht, sich lange zu behaupten. Von e nem Hügel Wurden grosse Steine auf sic herabgeworfen. Flintenschüsse krachten. Bald waren ihre ohnehin nicht zahlreichen Reihen stark gelichtet: ein Teil war gciaÜeii. der andere schwer verwundet, und als die Plünderer ihnen in den Rücken fielen, hieb ihnen nichts anderes übrig, als rch diirchzusehlagcn und die Flucht zu ergreifen. In diesem Kampfe waren der Student Wniustein. der Kommis Nussinow, der Tischler Tsclickes. die Arbeiter Pak. Menaker und Sc'.imulsolui auf dem Platze geblieben, schwer verwundet wurden die Studenten Bursch und Alexander Schuh! . dir. Arbeiter Prcssmaim. Kitzer und viele andere. Bald aber erhielten die Juden Verstärkung, und es entbi/iimtc eine 11 c u ר Schlacht. Mehrere Male gelang es du. Juden, die au Zahl vielfach überlegenen Plünderer zurückzudiiingeit und ihnen den hintriit in die Stadt zu wehren. Die Plünderer gingen in voller Ordnung vor, als handelte cs sich um geschulte Trupcn. first um II Uhr trafen Soldaten ei1׳. die dem Gemetzel für den Moment ein linde machten, und das. trotzdem eine grosse Menge von Juden seit Stunden den Gouverneur um hinschreiten der Truppen bat. lis ist charakteristisch, dass nicht die im Zentrum der Stadt postierten, miissig dastehenden Regimenter aui den Platz, abkommandiert wurden, sondern Soldaten aus Wrangelewka, ia>t zehn Kilometer vom Kampfplätze entfernt, den Juden zu Hilfe geschickt wurden. So leistete der Gouverneur den Juden Beistand ’. Am selben Abend kamen noch mehrere’ Juden um. Der Hausbesitzer. Ascliansk* aui eine besonders cl1arakte!isti>ci־.c Art. Als gegen 111 i Utr ein Teil der Plünderer von Patrouille י eskortiert, vom Platze abgefiihrt wurde, sprang einer aus der Reihe heraus und stach Aschans! ’. d׳׳r an der liir sentes Hauses stand, mit dem i icsser nieder. Pie Zahl der au diesem Tage Verwundeten übersteigt c'h Viele von ihnen sind den Kopfwunden von Stockhieben erlegen. Die gefundenen Leichen sind meist bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Montag, am Tage darauf, änderte das Bild sich wesentlich. In kleineren Gruppen durchzogen die Plünderer die Stadt und, wo weniger Militär zu sehen war. überfielen sie die Jude׳!, prügelten sie oder machten sie auch nieder. Sic drangen in jüdische Wohnungen und Fabriken, demolierten und raubten, was sie fanden. Dabei kanten mehrere Juden ums Leben. Pie umhergehenden Patrouillen schüchterten sie im ganzen wenig ein. denn die Offiziere hatten trotz wiederholten Buten vom Gouverneur nicht die Erlaubnis erhalten, von der Waffe Gebrauch zu tuac 11 e 11. Und dabei stimmen die meisten Offiziere in der Ansicht überein, dass eine A b t e i P u n g Soldaten genügt h ä tt e . um allen GrcucliLVorzubcugcn. ,,Herr,“ keuchte Brandes, ״wenn Euer Gnaden dagewesen wären, so wüssten Sie wohl, dass der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, cs seien die Pilze!“ — Dennoch trieb der Gutsherr zur grössten Eile und zog selbst mit hinaus. Sie waren unter der Buche angelangt. ״Ich sehe nichts," *sagte Herr von S. — ״Hierher müssen Sic treten, hierher, an diese Stelle!“ — Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine eigenen abgetragenen Schuhe. ״Gott, es ist Johannes! — Setzt die Leiter an! — so — nun herunter! — sacht, sacht! lasst ihn nicht fallen! Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.“ Eine breite Narbe ward sichtbar; der Gutsherr fuhr zurück. ״Mein Gott!“ sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche, betrachtete die Narbe mit grosser Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer Erschütterung. Dam» wandte er sich zudem Förster: ״Es ist nicht recht, dass der Unschuldige für den Schuldigen leide; sage es nur allen Leuten: der da" — er deutete auf den Toten — ״war Friedrich Mergel.“ Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt. Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 17S9. Die hebräische Schrift an dem Baume heisst: ״Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird cs dir ergehen, wie du mir getan hast." Ende Lesefrüchte *Die mosaische!» Bücher enthalten namentlich in betreff der uiäwiik, zumal der durch das Rciigionsgesetz befohlenen, in einem heissen wasserarmen Lande, bei einem zur Sauberkeit wenig geneigten Volksstamme doppelt wichtigen ..Reinheit“, Vorschriften, welche für die Weisheit ihrer Urheber ein glänzendes Zeugnis ablcgcn.“ Prof. Haeser - Breslau: Übers, d. Qesch. der Chirurgie . . in ״Deutsche Chirurgie“, hrsg.voti Bill roth <5c Luecke. Stuttgart 1S79, Lfg. 1. S. 5. (Wir müssen dazu bemerken, dass Prof. Haeser in seinem % Seite langen Absätze .Judaca" nicht ein Wort über die ״Geschichte der Chirurgie“ sagt. Er hat den ganzen Abschnitt nur wegen dieses einen Satzes geschrieben. Immerhin müssten nach dieser Theorie die Stammesgenossen des Herrn Prof. Haeser einen noch unendlich viel grösseren Schatz von Rcinheitsgesetzen haben. Aber ihr so üppig wuchernder Aberglauben kennt nur die ״Drcckapothcke“.) A ׳1 V

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