Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Suite 256 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 22 politische Lage und die durch das Ostafrikaprojekt hervorgerufenen Zwistigkeiten ein Rückschritt befürchtet worden war. zeigte sich nichts dergleichen. Das Nationalfondsstatut, das zur Sicherung unseres Nationalvermogcns mit der grössten Vorsicht und in besonderer Berücksichtigung aller erdenklichen Garantie abgefasst werden musste, ist nun cndgiltig redigiert der Legalisierung zugeführt worden. Es wurde dies in ähnlicher Weise und mit verstärkten Garantien wie beim Jewish Colonial Trust erreicht. Es ist erfreulich, dass diese Angelegenheit, die seit einigen Jahren eine Anzahl hervorragender Juristen aller Länder bcsehäftigte, in einer auch den weitestgehenden Ansprüchen ge-!lügenden Weise zu Ende geführt werden konnte. Von nicht geringerer Bedeutung ist cs, dass die längst gewünschten und bereits vom dritten Kongresse vorgesehenen Aenderungen des Statutes der Koloniathank (J. C. T.) endlich in die richtige Fassung gebracht wurden. Es waren sehr eingehende und durch zahlreiche fachlich-juristische Erklärungen erweiterte Debatten, die dieser Fassung vorausgingen. Am Mittwoch begaben sich die Mitglieder des grossen A.-K., einer bereits in der •Eröffnungssitzung vorgebrachten Anregung Mr. Mosers folgend, in corpore zum Grabe unsercs verewigten Eiihrers, wo sic längere Zeit in stiller Andacht verweilten. Unterdessen war die Deputation aus Karlsbad zurückgekehrt und erstattete Ihren Bericht. Dr. Nordau war durch die Deputation von dem Wunsche des grossen A.-K. verständigt worden. Er hatte wiederholt, zuletzt in seinem Brief au das grosse A.-K., die Führerschaft unter Angabe gewichtiger Gründe abgelehnt. Auch der Deputation gegenüber erklärte er, dass er diese Gründe ifir richtig halten müsste. Es bedurfte besonderer, eindringlicher Vorträge aller drei Herren, che er anderen Erwägungen zugänglich wurde. Nicht ohne tiefen Eindruck auf ihn blieb cs, dass Dr. Katzenclsoln! eine Unterredung erwähnte, die er wenige Wochen vor Dr. Herzls Tode mit unserem Führer gehabt batte. In dieser Unterrredung bczcichnctc Dr. Hcrzl ausdrücklich Dr. Nordau als seinen Nachfolger.' N'ordau, so meinte Dr. Hcrzl, werde nicht nur aus Ergebenheit für unsere Sache, sondem auch aus Freundschaft für ihn das begonnene Werk fortsetzen. Schliesslich eiuiglcn sich die Herren mit Nordau, der in Anbetracht des Wunsches des Grossen, A.-K. und der grossen Mühe, der sich die drei Delegierten unterzogen hatten, diese nicht ohne endgültige Antwort zielten lassen wollte. dahin, das grosse A.-K. zu ersuchen, dem Kongresse zur Führung der Bewegung ein DreimännerkoUegium Vorschlägen zu wollen. Das Kollegium solle aus Dr. Nordau, Prof. Dr. W a r b u r g und D. \V o I f f s 0 h n bestehen. Das grosse A.-K. nahm diesen Vorschlag, wie fast alle anderen Beschlüsse dieser Tagung, einstimmig an und wird ihn dem Kongresse unterbreiten. Ueber die Anordnungen fiir den Kongress haben wir bereits berichtet. Die Fragen der Lokalisation des Kongresshurcaus und der WELT mussten nach längeren Debatten doch in der Schwebe bleiben und werden also erst am Kongross ihre Lösung finden. Nun heisst cs, mit Ernst die Vorbereitungen zum Kongress fördern, damit die vielen wichtigen Aufgaben, die seiner harren, in einer fiir unsere Bewegung und für unser Volk heilsamen Weise erledigt werden. Das Gemetzel von Shitomir Ans Uctersluirg wird der B. Z. AM MITTAG gesell riebe;!: Mir liegt ein Sehrütstück vor. das bereits zwei Wochen v״r Ausbruch de! barbarischen l:\zess.* in 5 I! i t o 11! i r von j mehreren Stadtverordneten der Duma überreicht wurde, ln der Stadt kursierten, wie aus dein Schriftstück hrrvorgeht. seit geraumer Zeit Gerüchte, die sowohl die christliche. als auch d e indische Bevölkerung' mit wahrem Schrecken ei füllten.!Mehreren Privatpersonen waren anmiune Briefe zugegangc!:. in denen mau sie mit dem Tode bedrohte. Auf d« in Markte und an stark freyuentiertei:!,unkten der Stadt wurden Po!- kiumationen verte '.t. die das Volk gegen die snid'erenJe .lugend, gegen die Gebildeten und Juden aufhet/.teii. Man sprach seit W ochc 11 von nichts anderem, als von einem nahe b e v o rstehenden Gemetzel. Im Hinbl'ek auf die tragischen Ereignisse von Kisclimew. Hornel, Baku und in allerletzter Zeh auch Jalta, wiesen die Stadtverordneten darauf hin. dass den un gehenden Gerüchten durchaus ernste Beachtung geschenkt werden müsse, zumal mitten in Shitomir schon zwei jüdische Knaben am hellen läge in Gegenwart enier grossen .Menschenmenge von zwei Arbeitern durch Messerstiche übel zugerichtet worden seien, ohne die geringste Veranlassung zu solch roher Ausschreitung gegeben zu haben. Die beiden Hooligans hattet: beim Wcglaufeu der Menge gleichsam als Entschuldigung ihrer Tat zugerufen: ..Einerlei zu Ostern werden sic ja doch alle zusammen ח i c d c r g c s t ״ c h e n werden.“ Alks sei überzeugt, dass Shitomir das Schicksal Kischincws harre. Man wisse aus verschiedenen tragischen Erfahrungen, dass das mit Kiscliinew gemachte Experiment an den verschicdencii Orten, wo cs wiederholt worden sek ncht nur jüdische, sondern auch christliche Opfer verlangt habe. trat hinaus, denn ihm ward, ganz beengt in dem dumpfen, engen Kämmerchen. ״ Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war er denn zum zweiten Mal verschwunden: ob man ihn wiederfinden würde — vielleicht einmal nach Jahren seine Knochen in einem trockenen Graben? ihn lebendig wieder zu selten, dazu war wenig Honung, und jedenfalls nach aclitundzwanzig Jahren gewiss nicht. Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandes morgens von einer Besichtigung :seines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heisscr Tag; die Luft zitterte, kein Vogel sang, nur die Raben kVächzten langweilig aus den Aesten und hielten ihre offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandes war sehr entlüdet. Bald nahm er seine von der Sonne durchgliihtc Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war alles gleich unerträglich, das Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Rings umher kein Baum ausser der Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und Hess sielt totmatt auf das beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch seine Glieder, dass er die Augen schloss. ,.Schändliche Pilze!“ murmelte er halb ittt Schlaf. Es gibt nämlich in jener Gegend eine Art sehr saftige Pilze, die nur ein paar Tage stehen, dann cinfallcn und einen unerträglichen Geruch verbreiten. Brandes glaubte solche unangenehme Nachbarn zu spüren, er wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und heilte ״VVns hast du da, Bell«? eine Katze?“ murmelte Brandes. Er öffnete die Wimper halb lind die Judenseltrift fiel ihm ins Auge, sehr ausgewachsen, aber doch noch ganz kenntlich. Er schloss die Augen wieder; der Hund fuhr fort zu bellen und legte ■endlich seinem Herrn die kalte Schnauze ans Gesicht. ״Lass mich in Ruh’! was hast du denn?“ Hierbei sah Brandes, wie er so auf dem Rücken lag. in die Hohe, sprang daun mit einem Satze auf und wie bcsessen ins Gestrüpp hinein. Totenbleich kam er auf dem Schlosse au; in der Jttdenbiidie hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem Gesichte hängen sehen. — ״Und du hast ihn. nicht abgefcchnittcn, Esel?“ rief der Baron. ,Xrrfsa» 1! c <־■