Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 22 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 255 Sitzung des Grossen Aktionskomitees Nachdem Sonntag, am 21. Mai, der Dreizehnerausschuss getagt und die dem grossen A.-K. zu unterbreitenden Vorlagen eingehend beraten hatte, wurde am Montag, 22. d. M., die Sitzung dieser obersten Körperschaft unserer Bewegung crötinet. Die Präsenzliste ist in unserem vorläufigen Bericht in voriger Nummer bereits publiziert worden. Im Namen des engeren A.-K. und des Drcizclutcrausschusses begriisste als Vorsitzender der Sitzung (die Herrett des engeren A.-K. führten abwechselnd das Präsidium der Sitzutigen) Herr Dr. Leopold K a h n in warmen Worten die Anwesenden. Kr wies auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Beratungen hin, zeichnete in kurzen, kräftigen Strichen das Bild des jetzigen Standes der Bewegung und schloss seine Ansprache damit, dass er ״in dem Momente, der einen Abschnitt in der Tätigkeit •!cs engeren A.-K. bedeute, jenes grossen Mannes gedachte, dessen Verdienste um unser Volk und unsere Idee trotz aller Anfechtungen immer gedacht werden würde, denn Theodor II e r j. 1 sei derjenige gewesen, der die Judenfrage des Ghettos zu einer Weltfragc emporgehoben habe. Um dieses Verdienstes willen, von allen anderen abgesehen, werde er stets im Gedächtnis unseres Volkes bleiben.” Pie Versammelten hatten diese Worte des Gedenkens stellend angekört. Hieran! erklirfe Pr. Kahn die Sitzung für cröraet lind schlug im Namen des Dreizehuerausschusscs folgende Tages- Ordnung vor: 1. Referat über den Bericht der Ostafrika-Expcdition (der Bericht lag den Versammelten in deutscher und englischer Sprache vor) und anschliessende Diskussion. 2. Stand der Bewegung und Aktion für die nächste Zukunft. 3. Per Kongress. -1. Organisation. 5. Nationalfond. 6. Stituteuäuderung des Jcwish Colonial Trust. Nach der Genehmigung der Tagesordnung durch die Vcr- Sammlung wurden die Entschuldigungsschreiben der abwesettden Mitglieder zur Kenntnis genommen. Besondere Aufmerksamkeit erregte der von Architekt O. M a r m o r e k verlesene Brief Max N'ordaus. Dr. Nordau entschuldigte sein Fernbleiben von der Sitzung in triftigster Weise und besprach hierauf in dem Briefe ausführlich die gegenwärtige Lage, die Ostafrikafrage und die künftige Leitung der Bewegung. Herr D. Wolffsohn brachte ein längeres Schreiben Prof. Richard Gottheils zur Kenntnis der Vcr- Sammlung. Pr. A. Friedemann einen Brief Dr. Moses’ (Mannheim), der die Frage der Judenwanderung der besonderen Aufmerksamkeit.des grossen A.-K. und des Kongresses empfahl. Aut Antrag Pr. K a t 7, c 11 e I s 0 11 n s wurde beschlossen, eine dreigliedrige Deputation an Dr. Nordau, der zur Zeit in Karlsbad weilt, abzusenden, die mit ihm über seine vom A.-K. aufgestellte Kandidatur für das Präsidium unserer Bewegutig verhandeln sollte. Trotzdem die Herren, um Mittwoch dem A.-K. Bericht erstatten zu können, zwei Nächte Im Wagen zuziibringen batten, nahmen die Gewählten, Dr. Kahn, Dr. K a t z c n c 1 s 01111 und Herr W o I f f s o 11 11, die Mission an. j Hierauf referierte Prof. Dr. O. W a r b u r g über den vor-! liegenden Bericht der Ostafrika-Expedition. Der Bericht er-! .scheint demnächst in extenso in der WKLT. Nach langer, sehr eingehender, durchaus sachlicher Debatte, an der sich die meisten Anwesenden beteiligten, fiel die von unseren Gesinmingsgeuosscii liberal! mit Spannung erwartete Entscheidung des A.-K.: Einstimmiger Beschluss des Grossen A.-K. betreffend Ostafrika, i ״Das zionistische Aktionskomitee erklärt, nach eingchendem Studium des vorliegenden Berichtes der nach Ostafrika . entsendeten Kommission, nicht in der Lage zu sein, der zionisti- I sehen Organisation die Ausführung des Ostafrikaprojektes zu empfehlen. Gleichzeitig schlägt das Aktionskomitee dem Kon- ■ grosse vor, der britischen Regierung seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen für das durch ihr hochherziges Anerbieten dem : Jüdischen Volke erwiesene Wohlwollen." i Der Beschluss wurde allseits mit grossem Beifall auf- * genommen. ן Damit war einer der wichtigsten Punkte der Tagesordi mmg erledigt. Da die Versammlung den Bescheid Dr. Nor- J da us resp. die Rückkehr der drei Delegierten abwarteu 1 wollte, ehe man die Punkte 3 und 4 der Tagesordnung in : Beratung zog, so beschloss man, nach den Berichten über den Stand der Bewegung das Nationaliondstatut und die vor- ן geschlagenen Statutenänderungen des Jewisli Colonial Trust , zu beraten. Aus den Berichten über den Stand der Bewegung war der erfreuliche Fortschritt derselben zu konstatieren. Selbst in Russland, wo durch den Krieg, die gegenwärtige Gutsherr, ״ich weiss nichts von ihm; aber geschwind den Jäger gerufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige Krüppel,“ setzte er bewegt hinzu, ״auch nur in einen trockenen Graben gefallen ist, so kann er nicht wieder heraus. Wer weiss, ob er nicht gar eines von seinen schiefen Beinen gebrochen hat! — Nehmt die Hunde mit,“ rief er den abziehenden Jägern nach, ..und sucht vor allem in den Gräben; seht in die Steinbriiclic!“ riet er lauter. Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie batten keine Spur gefunden. Herr von S. war in grosser Unruhe: ״Wenn icli mir denke, dass einer so liegen muss wie ein Stein, und kann sicli nicht!teilen! Aber er kann noch leben; drei läge hält’s ein Mensch wohl ohne Nahrung aus.“ Er machte sielt selbst auf deit Weg; in allen Häusern wurde •nachgefragt, überall in die Hörner geblasen, gerufen, die Hunde zttttt Suchen augehetzt — umsonst! — Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des Bredcrltolzcs -sass und an einem Löffel schnitzelte; er. schnitt ihn aber ganz entzwei,“ sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen. Nachmittags fand sielt wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ihn att der anderen Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er int Gebüsch gesessen. dai; Gesicht aut den Knieen, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brcderholz herimtgclriebeit. ״Wenn nur t’ps verdammte Buschwerk nicht so dicht wäre! da kann keine Seele hindurch.“ sagte dei Gutsherr. Matt trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hallote und kehrte endlich missvergnügt heim, als man sich überzeugt, dass die Tiere den gattzeit Wald abgesucht hatten. — ״Lasst nicht nach! lasst nicht nach!" bat Frau von S.; ״besser ein paar Schritte umsonst, als dass etwas versäumt wird." Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sic. Seine Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes’ Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden. Er liess sich die Kammer des Verschollenen aufschlicsuen. Da stand sein Bett noch ungenvacht, wie er es verlassen hatte, dort hing sein guter Rock, den ihm die gnädige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel und eine Schachtel. Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie auftnerksam. ״Ein Andenken von Mergel,“ brummte er tmd