Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Seite 249 No. 21 JÜDISCHE RUNDSCHAU A» demselben Tage, dem 7. Mai, fiel der Kommissar Kujarow. getötet von den Rcvolvcrkugcln eines der Sozialisten-Rcvohitionüre. Des Anschlags l>esclmldigen die Behörden einen Mann, Namens Sydurczuk, der wurde verhaftet «nd befindet sich gegenwärtig in dem örtlichen Gefängnis. Er wurde von den Spitzeln Marincrsztein und Umanski ergriffen. Die Schutzorganisation konnte trotz heldenhafter Anstrcngungen die Metzelei nicht aufhalten. Es war unmöglich, attgesichts der gleichzeitigen Metzeleien in den verschiedenen Vor- Städten und angesichts des Verhaltens der Regierung. Das Militär war vollständig untätig — ia noch mehr, es half den ״Huliganen", welche sich hinter das Militär versteckter und von dort aus die Juden mit Steinen bewarfen. Am nächsten Tage gingen fast gleichzeitig zwei Begrabnisse vor sich: des Kommissars Kujarow und der gefallenen Juden. Den ersteren begleiteten nur seine treuen Freunde und Mitarbeiter, die Polizisten und Gendarmen; zum Begräbnis der Opfer der Metzelei ging fast die ganze Stadt heraus. Die Metzelei ist, genau wie in Kischinew, ein vollkommen p 1 a um ä s s i g e s und zielbewusstes Werk der Regierung, ist ein Glied des breiten Planes, mit dem Zweck, Russland aus dem Wirrwarr der Revolution zu zielten. Das beweisen in völlig schlüssiger Weise die nachstehenden Tatsachen: I. Agitationstour des Kommissars Kujarow unter den umliegenden Racagen; 2. die verbreiteten Aufrufe, die zum Schlagen der Intelligenz und der Juden aufforderten und eine Preisliste augaheu: für einen getöteten Studenten! Rubel, für einen Schüler 5U Kopeken, für einen Juden .30 Kopeken; 3. die Tötung des Studenten Blmow durch den Polizeimeistcr Jarocki: 1־. die Untätigkeit der Polizei und des Militärs während der ״Metzelei; 5. der Aufruf des Gouverneurs, der erst nach der Metzelei verönentlicht wurde und nicht am Anfang; 6. als einige der Offiziere aui die Huliganen schiessen wollten, erlaubt? es der Gouverneur nicht; 7. unter de;; >;etöteten Hnbgani•:: waren verkleidete Polizisten; S. an einer Stelle wurden die Huliganen von dem Gehilfen des Kommissars ״zum Kampf" geführt; 9. die Polizisten feuerten die Totschläger an, nicht unlustig zu werden, boten ihnen ihre Revolver an. damit sic die Strasse besser ״reinigen" könnten; 10. in der Vorstadt Podolc, wo am meisten Opfer fielen, dauerte die Metzelei nur so lange, als das Militär die Totschläger beschlitzte; die Soldaten erlaubten den Juden nicht, sich zu wehren, nahmen ihnen die Waffen ab; erst als das;Militär wegging, vertrieb die Schutzorganisation die Totschläger auf die andere Seite des Flusses; 11. die Polizeispitzel, zeigten den Totschlägern auf der Strasse Studenten, welche diese nun anfielen und schlugen. Solche Beweise könnte man ohne Ende anführen, diese werden aber genügen. — Sie genügen! Aus Kischinew berichtet man, dass in ganz Bessarabien neuerliche Judenhetzen befürchtet werden, da die Regierung berüchtigten Hetzern gerade jetzt die Bildung einer ״Bessarab:- sehen Patriotcnliga“ gestattet hat. deren Zweck es angekündigtermassen ist, die Regierung ״in dem Kampfe gegen Feinde der fetzigen Staatsordnung zu unterstützen und fremde Ericdensstörcr unschädlich zu machen". Die Patriotcnliga, eine Grüdung Kruschewans, erfreut sich einer auffälligen Protektion der Behörden. Warschau, 17. Mai. Gestern Abend kam es in der Mirowskastrassc zu einer grossen Schlägerei zwischen j ü d i - sehen Arbeitern und Poifizeiagcntcn (d. h. Spitzeln). Ein Arbeiter wurde getötet. Im ganzen Stadtviertel herrscht Panik. SbnfcropoL lieber die Ursachen der Ausschreitungen finden wir im KRYMSKl WJESTNIK nachstehende Details: Am Morgen des 21. April M. Mai) begannen sich grosse Volksmengen an der Snfgirnaja vor dem Buciistabschen Hause zu versammeln. Den Anlass zu der Zusammenrottung gab ein Gerücht, wonach der dreizehnjährige Sohn des Apotheken־. Buchstab ein der Köchin gehöriges Heiligenbild in den Abort geworfen hatte. Gegen 11 Uhr vormittags nahm der Haufen eine drohende Haltung an und es wurden die Rufe: ״Schlagt die Juden” laut. Die vor dem Buchstabscheii Hause aufgestellten Polizeichargen erwiesen sich als zu schwach, um den immer mehr anwaciisenden Volkshaufen zu zerstreuen. Gegen 12 Uhr mittags erschien der Vize-Gouverneur, Grai M u r awjew, und forderte die Menge zum Auseinandergehen aui. Als sich alle Bemühungen als vergeblich erwiesen, requirierte der VJze-Gouvcrneur Militär das, nachdem es dreimal das Volk zum Auseinandergehen aulgeiordert hatte, auf den Befehl des Grafen auf die Menge eindrang und sie in wenigen Minuten zerstreute, wobei meinerc Personen durch Knutenhiebe Verletzuugen erlitten. Auf einen Offizier wurden auch aus der Menge Steine geschleudert, die jedoch ihr Ziel verfehlten. Bald trafen weitere militärische Verstärkungen ein, und die Ruhe konnte in kurzer Zeit hergestellt werden. Wenn man nur will, geht es also - - aber leider will man eben meistenteils nicht, sonst hätten wohl auch in Schitomir die dort liegenden drei Regimenter Militär die paar hundert Bauern zur Raison bringen können. Notabene: falls das ohne die ״amtliche" Auflictzung dieser Bauern überhaupt nötig gewesen wäre! , Der Korrespondent des STANDARD in Odessa meldet: Ich kann aus verlässlicher Quelle mitteilcn, dass die Nachricht von der Absicht der Regierung, den Juden unbeschränktes \V o 1111־ recht in allen Städten des Reiches 7,11 gewähren, falsch ist. Mehrere wichtige Verbesserungen in der Lage der Juden sind zu erwarten, aber selbst eine Konstituierende Versammlung, wie sic die Semstwofrcmtde verlangen, würde ein allgcmeines Aufcnilialtsrecht im ganzen Reiche den Juden nicht gcwähren. -־- Diese Nachricht hat durchaus den Charakter der Wahrscheinlichkeit. Es ist garnicht aiizuuchmeu und könnte nur die Folge vorläufig iuk;Ii durchaus nicht vorauszusehender allgemein-revolutionärer Erfolge sein, die auch den Juden diese unbeschränkten Rechte geben würden. Petersburg. Einer der schwicrgsten Fragen, der Judenfp'ge nämlich, hat sich das Ministerkomitee einfach entzogen. Einige besonders dringliche Erscheinungen auf diesem Geh etc wurden dem Senate zur Beratung zugeschohcn. die grundsätzsiche Seite der Angelegenheit aber soll ״den im Herba zusammentretenden VoJkstrctern zugewicseii werden". Wir haben also in den nächsten Wochen einen Erlass über die Judcnfrage zu erwarten der. wie der letzte, dem Auslande Sand in die Augen streuen soll. Von de*1 Volksvertretung des Herrn Bulygin Fabc.i die Juden nichts zu erwartet!. Wie iclt höre, sollen von den Ständen jedes Gouvernement.‘. 10— M Personen für die sogenannte Vorvcrsammltmg. d. h. für die Bulygin- Kommission, gewählt w.cruen, aus deren Zahl der Ka ser 2 3 zur 1 eilnahmc au der Vorvcrsammiung bestimmen soll. Auf diese Weise hätte das Volk seine ..gewählten Vertreter" und der Selbstherrscher seine ״vom Vertrauen getragenen besten .Männer aus der Nation". Was eine solche Versau׳.׳.•.׳. Iniig iiir den F'ortschritt tun kann und wird, ist unschwer zu erraten, und was gar ihr die Juden dabei heraus käme, bedarf keiner Erläuterung. Die A. I. U. in Holland Unser Gesinnungsgenosse Dr. Heu hat folgende Resolution der Abteilung Amsterdam der Alliance Israelite Universeile behufs Behandlung auf der nächsten Generalversatnmhing der Abt. Holland unterbreitet: ״Die Landessektion ״Nederfand“ (Holland) der Alliance Israülite Universelle fasst in dankbarer Anerkennung des vom Zentral-Komitee an den Tag gelegten Eifers in der Förderung der geistigen und materiellen Interessen der Israeliten in den Ländern, in denen, bis jetzt noch keine Emanzipation der Judenheit erzielt worden ist. den unten folgenden Beschluss, im Hitibl ck aui die Tatsache, dass die Presse in der jüngsten Zeit Tatsachen mtgctcilt habe, die das Prestige der Alliance beeinträchtigen können und zwar: a) einen Bericht von einer an der Universität in Genf stattgehabten Doktorpromotion, bei der Professor Montet nachdrücklicu betont habe, dass die Alliance IsraGite Universelle in Algier keine jüdische, sondern französische Kultur verbreitet, b) eine Mitteilung im FRANKFURTER FAMILIENBLATT, laut deren die Umgangssprache der Zöglinge von Mikweh-lsrael die französische sein soll und die alten, ehrwürdigen, jüdischen Bräuche und Traditionen daselbst nahezu verschwunden sein sollen: — im Hinblick auf die Tatsache, das« faut einem Berichte im Bulletin Mcnsuel der Alliance 1905 No.. 1 die Kinder der Schule in Teheran in der französischen Sprache als Umgangsspräche unterrichtet werden und in dieser Wese zu ״frauzösischen Israeliten persischer Nationalität" umgebiiJet werden, und dass laut demselben Bericht die französische Gesandt- Schaft diesen Erzielumgsmodus als ein die französischen lntcrcsscn in Persien förderndes Unternehmen anerkannt hat, im Hinblick auf die Ziele der A. L U., denen zufolge die Alliance die in ihre Pflege gegebenen Kinder sowohl in speeifiseh-jüdischcr Kultur erzielten soll, als auch sic zu guten Vollfüirgern des Landes, in dem sie wohnhaft sind. ausbHden soll; im Hinblick darauf aber, dass z. B. die Juden von Persien zu guten pcrs’schen Juden erzogen werden sollen, doch dass es eine unmögliche und gefahrvolle Arbeit ist, diese Kinder zu ״französischen Persern mosaischen Glaubens" umzubilden, — im Hinblick darauf, dass, abgesehen davon, dass die engl Ische Sprache eher als die französische imstande ist, d g f j ו י" 4 1! > i! ו ו i f i > l 4 t NWlftiXm V V /