Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 248 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 21 י■י־ Rundschau •« Die Gemeindestube In der letzten Reprüsentanten-Versnmniiung der Jüdischen Gemeinde Berlin wurde nach Annahme verschiedener Zuwendüngen eine Vorlage zur Kenntnis genommen, in der die vereinigten Synagogenvorstände Berlins empfehlen, dasc ein Be- Sucher au einen! Festtage nie mehr als eine Mizwah oder Alijah erhalten soll. Zur Vornahme von Reparaturen an den Gemcindegrundstiickcu werden 56 000 Mark bewilligt. In den Vorstand des Schul- und Talmud-Torah-Vorstandcs wird Pr. Werner gewählt. Zu gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Feiertagen werden gemietet die Säle des Langenbeekhauses, Ziegclstrassc, der Saal Beuthstrassc 20, der Saal Deutscher Hof. Luckauerstrasse 15. der Fiebigschc Saal, Acker- Strasse. Eine längere Diskussion über Anstellung eines Schulinsbektors entspinnt sich gelegentlich der Bewilligung von Subventionen an die Religionsvcrcine Ahawath Scholaum (2500 M l. Betli-Zion (2500 M.). Oranienburger Vorstadt (3000 M.), den Lippniaim-Tauss-Syiiagogenvercin (2500 M.), das Kaiser Franz Joseph-Hospiz in Karlsbad <150 M.), eines Beitrages zu den Kosten des Religionsunterrichtes an der Brühlschen Mädchenschule (J00 M.). Pie Vorlage, betr. des Schulinspek.ors betinJct sich seit einem Jahr beim kgl. Provinzial-Schulkoüegium. be/w. beim Ministerium. ־ - Einige Bewilligungen von üclüilteni usw. werden in geheimer Sitzung erledigt. . Ferner fand die Einführung des zum Acltestcn- Stellvertreter gewählten Herrn Leopold Badt statt. Aus Russland Die in Shitomir erscheinende Zeitung WüLVNJ bringt iolgende Notiz: ״Die amtliche Bekanntmachung über die l'r- Sachen der Unruhe:: in Sliit. mir lezeicnnct cs ais c:1׳c uubestreitbare Tatsache, dass Juden auf das Bild des Kaisers geschossen halten. Indessen ist diese Sache von niemandem fest gestellt und ist nichts mehr als ein unkontrollierbares Gerücht. Die politische Polizei hat bis jetzt keine Untersuchung cingeleitet, was doch sonst sicherlieh der Fall gewesen wäre. Da die amtliche Mitteilung eine schwere und tendenziöse Beschuldigung der Juden enthält, so sehen sich die lokalen Behörden veranlasst, dein .Ministerium des Innern eine amtliche Mitteilung ״־ zwecks oifizielten Dementis — darüber zu machen. Aus zuverlässigen Quellen körnten wir niitteilen. dass die lokale Administration von der Durchschiessung dem Ministerium nichts mitgeteilt hat. so dass• die offizielle Note iiir die Lokalbehörden eine ebensolche Ueberraschung war wie für die jüdische Bevölkerung.'׳ Sowe:t das Blatt WOLYNJ in seiner Nummer von! 3716. Mai. Dabei ist noch liervorziiheLen, dass diese Zeitung natürlieh unter Zensur erscheint, so dass also die lokalen Be- Horden von Shitomir unter-ihrer Aufsicht eine Darstellung publizieren lassen, die die Zentralbehörden in Petersburg direkt einer tendenziösen, auf lügnerische Angaben gestützten Ent- Stellung der Wahrheit und damit der Aufhetzung verschiedener Kreise der Bevölkerung gegeneinander zeiht. Aber in Petersbürg hat man eben durch die lange Übungszeit des russisch-japanischen Krieges eine grosse Geschicklichkeit in der Fabrikation von ״Origiualtelcgrurnmcii” erlangt. Aus Kiew erhält das BERLINER TAGEBLAT'' von einem russischen Beamten, die nachfolgende, überaus interessante und charakteristische Mitteilung, deren Zuver- Lässigkeit das Blatt verbürgen kann: ״Wir, die wir den Ercignissen nahe stehen, die siel: soeben in Shitomir abgespielt haben, waren auf das Ausserste überrascht über die offiziellen Nachrichten ans Petersburg, die von dort über Ur- Sache und Verlaut der Judemnas^akres in Shitomir verbreitet worden sind. Bekanntlich behauptete die offiziöse Petersburger Telcgraphenagentur, dass die Juden die Schuldigen und die Angreifer gewesen sind. Zur grössten Überraschung aller anständig gesinnten Einwohner von Shitomir -- und ihre Zahl ist heute keine geringe mehr — erschienen diese Angaben auch im dortigen Lokalblatt. Das war dam doch der ortsansässigen Intelligenz zu viel. Pie Entstellung wa!־ so haarsträubend, dass eine Anzahl angesehener Einwohner sich zu dem Gouverneur Kataley von Shitomir begaben und ihn fragten, ob dieser lügenhafte Bericht auf ihn zurückzufiihren sei. Schon die Tatsache, dass eine Deputation aus der Bevölkcrung einen Regierungsbeauiteii gewissermassen zur Rechenschaft zu ziehen sucht, ist charakteristisch für den Um- Schwung der Zeiten. Weit beachtenswerter aber ist und! die Antwort, die Herr Kataley gegeben hat. Er erklärte rund heraus, dass er die veröffentlichten Daten nach Pctcrsburg nlcht geliefert habe, ja, dass er seinerseits von aen in der offiziellen Darstellung gegebenen angeblichen Tatsachen nicht einmal Kenntn i s h a b e. Er habe weder seinen Vorgesetzten noch anderen Personen eine derartige Darstellung geliefert. Dieselben Angaben hat Herr Katalej auch gegenüber den Vertretern zweier Zeitungen wiederholt: die Zeitungen sind der ODESSKl LISTOK und der RUSSKOJE SLOWO. Hieraus geht also hervor, dass mau von Petersburg aus die j u d e 11 - feindliche, absolut unwahre Darstellung lau ziert hat, ohne sich um die wahren Tatsachen zu kümmern. Damit reihen sich die Vorgänge in Shitomir durchaus denen von Kisciiiucw und Hornel an. wäiireng sie sich von den Massakres von Baku wesentlich unterscheiden. In ,Baku waren die lokalen Behörden die Hauptschuldigen. In Shitomir, in Kischinew׳ und in Hornel sind zwar auch die lokalen Belokalen Behörden von Schuld keineswegs freizusprechcr, aber ihre Haltung war bedingt durch die Winke, die sie von I’eiersbürg aus erhalten haben. Und hierüber ist die Empörung bei allen anständigen Elementen des Gouvernements eine ganz ausserordentliche und eine um so grössere, als sich in Shitomir noch folgende charakteristische Besonderheit abgespielt hat. Die wohlhabenden Juden wurden geschont, weil mau ihre einflussreichen Verbindungen fürchtete, und die Wut unserer unglücklichen ungebildeten Landbevölkerung wrude vor allem gegen die armen und ärmsten Juden gelenkt. (Das war bekanntlich auch in Kischinew der!'all. D. Red.) Das Schicksal der einzelnen ist ein überaus trauriges, aber man darf heute sagen, dass ihr Blut doch nicht ganz unnütz vergossen worden ist. Die Zahl derer, die keine Juden sind, und die sich mit der Jtidem'rage bei uns zu beschäftigen begimmen. und die Zahl derer, die ein Regie! imgssystetn verdämmen, das mit solchen Mitteln arbeitet, wächst beständig. Dies mag man im Auslände im Auge behalten, wenn man sein hartes Urteil über russische Barbareien abgibt. In vorzüglicher Hochachtung v. K. Den schlissigen Beweis, wem! es eines solchen bedürfte, der Schuld der russischen Regierung an der letzten Judenmetzelt; liefert e'ne Korrespondenz, welche der NAPRZOl) von einem angesehenen Bürger aus Schitomir, 12. Mai, erhält. Die Korrespondenz lautet, nach dem VORWÄRTS: Schon einige Wochen vor dem russischen Feiertagen schwirrten in der Stadt Gerüchte, wonach der Polizeikommissar Kurajow und der Polizeimeister Jarocki in! Einverständnis mit dem Gouverneur Kataiej in den benachbarten Döriern, die von den sog. Racagen bewohnt sind, umherreiseii, diese mit Schnaps tränken. Messer und Feuerwaffen austeilen und schliesslich Drucksachen angeblich vom Zaren -- verbreiten, in denen alle treuen Rechtgläubigen zum Schutze des Zaren, des Glaubens und des Vaterlandes gegen die Juda! aufgefordert werden. Diese Gerüchte, die aus verschiedenen und glaubwürdigen Quellen kamen, und von zahlreichen Beweisen gestützt waren, wiederholten sich so hartnäckig, dass die ganze Stadt vpn Unruhe ergriffen wurde. Es war unmöglich, die Metzelei passiv abzuw arten, eine Metzelei, die mit solchem Zynismus von den /arische» .Behörden vorbereitet wurde. Man musste die Verteidiguug vorberciten. Da begannen die örtlichen Organisatione» des jüdischen Bundes, der russischen Sozialdemokraten, der Sozialrevolutionäre und der Zionisten Mittel zur Verteid gung zu sammeln und organisierten 3U0 mit Revolvern. Messern. Eiscnstübe» usw. bewaffnete Männer. Wir erwarteten die Metzelei am zweiten Feiertage, d. ii. am 1. Mai. Der Tag verging aber ruhig. Es schien, als ob die Polizeiprovokation vergeblich gewesen seien. Da, am Sonnabend, den 6. Mai, tauchte in der Stadt die Nachricht auf, dass einige hundert •ICH) — Racagen nach Pawlikowka. dem hauptsächlich von der jüdischen Bevölkerung bewohnten Ausseiistadttcil. eilen. Schon wurden die Türen aufgcbrochen. schon bedeckten die zerschlagenen Scheiben die Strassen, als die bewaffnete Scliutzorganisatiou erschien. Die von ihrer Arbeit verscheuchte» Totschläger wurden von der herbeieilenden Militärabteilung umgeben und auf die Polizeiwache geiührt. Hier enthess sie die Polizei ״aufs Wort”. So kamen dem! an diesem Tage keine Totscblagsversuclie mehr vor, selbstverständlich nicht wegen des ״Wortes" der herausgelassenen Banditen; sic waren einfach in zu kleiner Zahl und fürchteten sch angesichts der drohenden Haltung der Schutz- Organisation. Am nächsten Tage, einem Sonntage, kamen viel mehr Racagen in die Stadt und die Metzeleien brachen auf einmal at! niclii'crcu Stellen aus. Es war klar, dass die Tot- Schläger nach einem von vornherein ausgearbeiteteu ,.stratcgischen Plane“ handeln.