Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 21 JÜDISCHE RUNDSCHAU ___Seite 243 rufsfrage weit schwieriger zu löse» ist; als bei der christlichen, breitet doch derselbe feindliche Geist, der überall den Juden an seinem Fortkommen hindert, auch über die Lebensfrage des jüdischen!Mädchens seine schwarzen Flügel aus. Ich kann den Optimismus, der in dem mir eben mitten in der Arbeit zu Händen kommenden Artikel in Nr. »9 der JÜDISCHFN RUND- SCHAU, der in dankenswertester Weise unsere Töchterfragc behandelt*), betreffs des Berufs der letzteren, nicht teilen, denn wie schon gesagt, sind uns hierin sehr, sehr enge Schranken gezogen. ,B a h n und Po s t, die hunderten von Mädchen heute schon Beschäftigung geben, sind der Jüdin, als solcher, verschlossen, die akademischen Studien sind für die wenigsten geeignet und ancli zum grössten Teil aussichtslos, eine jüdische Erzieherin findet leider nur ausnahmsweise Stellung -- so bleibt noch der kaufmännische und der gewerbetreibende Beruf, die allerdings geeignet sind, tüchtige leistungsfähige Frauen reichlich zu versorgen. Aber hier haperis eben wieder, hier ist einer der wundesten Punkte, au dem unsere heutige Töchter e r z i c h u 11 g krankt. Denn nicht nur, dass der begüterte Mittelstand es immer verzieht, seine Töchter im Gewände hauswirtscliaftlichcn und anderen Miissiggangs aut den Manu warten zu lassen, statt sic in einer geordneten Berufstätigkeit zum tatkräftigen, selbstvertrauenden Menschen zu machen, auch die Mutter der wenig bemittelten jüdischen Schichten, die doch durch die eigenen beschränkten Verhältnisse den Zug der Zeit besser verstehen sollte, macht auch jetzt noch grösstenteils -- nur der Not gchorchend, nicht dem eigenen Triebe den von aussen auf sic cindräi.genden und auch eventuellen Forderungen ihrer Töchter selbst einige unzulängliche Konzessionen. Es ist traurig aber wahr: wir Juden sind in dieser Be- Ziehung unbedingt weit rückständiger, als die andern uns umgebenden Völker. Denn unsere Töchter, die von Haus aus schliesslich dennoch ins Erwerbsleben geschickt werden niiissen, kommen dann meist mit der mangelhaftesten Vorbildung für dasselbe dahin und können es, da die Lehrzeit nur eine kurze, das Gcldvcrdiciien aber eine recht nahe Zeit sein soll, z. B. im Handelsgewerbe, gewöhnlich nur zu den untersten, schlecht bezahltesten Stellungen bringen. Sie vermehren dadurch das Kaufmaimsproietariat, rufen durch das minimale Ge- *) ״Was wird aus unseren Töchtern“, von B. Leiser- Köln. Es war am Vorabende des Weihnachtsfestes, dem 24. Dezember 1788. Tiefer Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwöli Fuss hoch, und eine durchdringende Frostluft machte die Fensterscheiben in der geheizten Stube gefrieren. Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte Lichtchen aus den Sehnceltiigeln, und in jedem Hanse lagen die Einwohner auf den Knicen, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit Gehet zu erwarten, wie dies in katholischen Ländern Sitte ist, oder wenigstens damals allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine Gestalt langsam gegen das Dorf; der Wanderer schien sehr matt oder krank; er stöhnte schwer und schleppte sieh üusserst mühsam durch den Schnee. An der Mitte des Hanges stand •er still, leimte sich auf seinen Krückenstab und starrte unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still überall, so tot und kalt; man musste an Irrlichter auf Kirchhöfen denken. Nun schlug es zwölf im Turm: der letzte Schlag verdrülmtc langsam und im nächsten Hause erhob sieh ein leiser Gesang, der, von Hause zu Hause schwellend, sich über das ganze Dort zog: halt, für das sie immerhin eine grosse physische Arbeit leisten, den oft gerechten Unwillen der männlichen Kollegen hervor, während sic cs bei ihrer angeborenen Intelligenz durch sachliehe und ausgiebige Lehre zu den höchsten, bestdotierten Stellen bringen könnten. Auch wird meines Erachtens viel zu geringschätzig auf den Beruf eines Hausmädchens, einer Köchin, oder, wie man heute besser sagt, einer Hausbeamtin, herabgesehen und doch muss man gerade diesen bei der bestehenden und immer mehr um sich greifenden Dienstbotcunot eine ganz bedeutende, geachtete und gutbezahlte Zukunft, die ja teilweise schon Gegenwart ist, prophezeihen. Indessen — vor meinem Auge steht noch ein anderer Bcrui - nein Herz ist mit den heiligsten Erinnerungen seligster Kindheit und Jugend damit verknüpft, und mit ganzer Seele zicht's mich immer und immer wieder zu ihm hin. Es ist dies das alte ureigenste Arbeitsgebiet Israels, der Garten- und Ackerbau. Wie frischer Erdgeruch, wie Blumenduft und Sonnenschein durchströmt cs meine Adern, wie Vogelgcsaug, Waldesrauschen und Qucllengcriescl klingt cs in mein lauschendes Ohr, wenn ich jener fernen Zeiten gedenke, in denen Feld und Flur, Wiese und Garten die Tummelplätze meiner Kindheit und später der Boden meiner Jugendtütigkeit war. O. dass m.r die Gabe der Dichtkunst verlieben wäre, dass ich mit Engelszungeu auf mein Volk cinrcdcn. ihm die Herrlichkeit eines geordneten Baüernwesens, den Frohmut eines geregelten, persönlichen Arbeitsgefühls unter Gottes freiem Himmel schildern könnte, und dass ein Teil wenigstens unserer Töchter u n d unserer Söhne wieder dahin zuriickkcliren wollte, von wo einzig ein Gesunden unseres Volkstums zu erhoffen ist. Wiederholt schon versuchte ich, hier Boden zu fassen und meinen allerdings geringen Einfluss geltend zu machen. Bei einzelnen, wie in Vereinen habe ich um Gunst geworben, es ist aber bis jetzt immer nur ein Predigen in der Wüste gewesen. Eine erschreckende Verständnislosigkeit macht sich leider gerade in dieser Hinsicht breit, die Väter schütteln die Köpfe — die Mutter befällt ein heimliches Grauen, wenn sic sich ihre Söhne und Töchter als Ackerbauer und Gärtner vorstellen soll. Eine Gänsehaut überläuft s'c und mit dem unwahren Schlagwort, der Ackerbau rentiere nicht mehr, glaubt man eine solche tietcinsclmcidende Frage kurzer Hand abtun zu können. Als ob sich die Menschen nicht immer noch von Brot und Obst, von Fleisch und Gemüse nähren mussten, als ob nicht noch immer der fleissige Landwirt, gerade im Klein- Ein KitKlcIein so Iöbelich Ist uns geboren heute, Von einer Jungfrau säuberlich, Des freu’n sich alle Leute; Und war’ das Kindlein nicht gebor’n, So wären wir alle zusammen verlor’n, Das Heil ist unser aller. O du mein liebster Jesu Christ, Der du als Mensch geboren bist, Erlös uns von der Hölle! Der Manu am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder Stimme eiiizufallcn; es ward mir ein lautes Schluchzen daraus, und schwere, heisse Tropfen fielen in den Schnee. Die zweite Strophe begann; er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war goendigt und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der Mann sich mühselig aut und schlich langsam hinab in das Dorf. An mehreren Häusern keuchte er vorüber, dann stand er vor einem still und pochte leise an. ״Was ist denn das?“ sagte drinnen eine Frauenstimme; ״die Türe klappert und der Wind geht doch!licht.“ — Er pochte stärker. — ״Um üotteswillen, lasst