Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 20 JO DJ S C HE RU N D S C HAU _Scitc237 ״Die Narren sind jene paar Schriftsteller, die zwar den Talmud nicht kennen, auf die aber auf atavistischem Wege der Qeist des talmudischcn ״Turner verkehrt" (vielleicht umgekehrt) gekommen ist. Mit diesem Geiste haben sie alle Kulturwcrtc und -Werke auf den Kopf gestellt . . . Ich kenne einige Zio- 11 sten von der Zeit her, da sie noch weder von Herzl noch vom Zionismus etwas wussten. Sic hatten mit Vorliebe christliche Kreise aufgesucht und sich dort eine korrekte Sprache und leidliche Manieren angewohnt. Nach einigen Jahren fand ich s'c als Zionisten wieder und war erstaunt, wie diese Menschen inzwisehen verwahrlost waren! ... Sie faseln und träumen von einer jüdischen Kultur, Renaissance uuj Kunst. Auch das jüdische Herz und die jüdsche Seele wollen sie entdeckt haben!" So wo t (]:u lke ut'd h'ranicr. — Die ״korrekte Sprache" und die •,leidlichen Manieren" — ״Manieren" des Herrn Frottier! - - A propos! Herr Gaulkc, lassen Sie sich die Namen jener angeblichen Zionisten nennen. In der Öffentlichkeit nennen! War das zu der Zeit, wo Herr Fromer noch ein ״orthodoxer Jude" in Polen war? Namen nennen. Namen! Noch eine Frage an Herrn Gaulkc, den wir deshalb beachten zu dürfen glaubten, weil er über die ״Lex Heinze" e ח recht nettes Brosclmrcheu geschrieben hat und neben seinem Crundriss und seinen Hagenows und Auswanderern doch auch du! Wilde ganz hübsch übersetzt: Wie würden Sic einen unwissenden Deutschen nennen, der sich erst etwa in Holland und später ״als Holländer‘■ in Frankreich naturalisieren lässt und der, nachdem ihm das wider Fr warten gelungen, als Germanischer Philologus französischer Nation unwahrhaftige Schmähschriften gegen die deutsche Nation Schreinen würde? Wie heiru so’n Kerl auf gut Deutsch. Herr Gaulkc? Ein trauriges Eingeständnis Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenbeiten ersucht uns um die Veröffentlichung des folgenden Zirktilars: 111״ den Frühjahr- und, Sommermonaten schwillt in der Regel die jüdische Kmigration sehr stark an. Infolge der überaus traurigen Verhältnisse in Russland wird dies in diesem Jahr ganz besonders der Fall «ein. Fs erscheint daher angebracht, gerade jetzt auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, mit denen die jüdische Auswanderung zu kämpfen hat. Vor jeder unüberlegten und mit unzureichenden Mitteln unternommenen Auswanderung muss aufs allerdringendste gewarnt werden. Der Arbeitsmarkt in den Ländern, nach denen sich der Hauptström der jüdischen Ausxvanderer ergiesst. ist keineswegs verlockend. Die meisten, die vermeinen, dass sie durch eine Aus- Wanderung dem Elend in ihren Heimatländern sich entziehen können, sehen sich in dem neuen Lande nur noch grösserer Not ausgesetzt. Den Ort haben sic g e w e c h s c 11, die Not ist geblieben. Solche Wanderungen können dem Elend im Osten Europas nicht steuern. Sie tragen vielmehr nur dazu bei, den um eine Existent: ringenden hungernden Massen, die bereits in den Immigrationsländern sich befinden, den schweren Kampf noch schwerer zu machen. Es ist unbedingt notwendig, dass der Zuzug nach den Ucberseeländcrn eine Zeit lang vollständig aufhört, damit de:! Armen drüben Zeit gelassen wird, sich emporzurafien. Ganz besonders vermieden muss cs werden, Frauen und Kinder nachzusenden, bevor nicht der vorausgefahrene Ernährer finanziell so gestellt ist, dass er die Ueberiahrt seiner Farmhc bezahlen und sie in geordneter Weise nach ihrer Ankunft ernähren kann. Ebenso xvie der Arbeitsmarkt ist die Gesetzgebung in den vor allem in Betracht kommenden Ländern derartig, dass eine weitere Einwanderung auf Schwierigkeiten stösst. England ist dabei, durch gesetzliche Beschränkungen die Einwanderung einzudämmen. Ein darauf hiiizielendcr Entwurf ist bereits in zweiter Lesung angenommen. Amerika handhabt die Gesetze, welche die Immigration beschränken, mit üusserster Strenge. Die Schiifahrtsgesellschäften prüfen, ehe sie einen Auswanderer an Bord nehmen, sehr rigoros, oh der Auswanderer den amerikanischen Be- Stimmungen entsprechend wird landen können. Jährlich wetden etwa 15 000 von den Schiffahrtsgesellschaften zurückgewiesen, weil sic den Anforderungen, welche die Landbehörden an die körperliche Beschaffenheit und die Vermögens- Verhältnisse der Ankömmlinge stellen, nicht genügen, abgesehen von den vielen Tausenden, die in den Häfen Amerikas selbst noch zurückgewiesen werden. Auch Canada schliesst sich mehr und mehr dem Vorgehen Amerikas au. Angesichts dieser Situation erwächst den jüdischen Organisationen die Pflicht, streng an den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz festzuhalten, dass die Auswanderung unter keinen Umständen durch Geldmittel unterstützt oder sonstwie gefördert werden darf. Ganz abgesehen davon, dass in dem wichtigsten fiinwandcrungsland die unterstützte Einwanderung gesetzlich verboten ist und schon infolgedessen nicht angängig erscheint, kann durch derartige Unterstützungen aus den oben angegebenen Gründen, die Lage unserer leidenden Brüder in! Osten nicht gebessert werden, dagegen die Verhältnisse in den EinwanderungslütvJern so verschlechtert, dass dies zu schweren Schädigungen der Gesamtjudenheit führen kann. Die einzige Hilfe, die jetzt seitens der Organisationen geleistet werden kann und muss, ist. d .ר ss man an Ort und Stelle, wo. ein Notstand im Osten auftrltt nach M a s sgäbe der finanziellen Kräfte helfend eingreift, um dem allcrsch wersten Elend abz u h e I f c 11." Wenn cs nicht ein so trauriger Ruhm xväre, das Schlimme richtig prophezeiht zu haben, würde der Zionismus darauf hinweisen können, dass diese Kundgebung sich aiisninunt. xvie ein Zitat aus einem der ersten Kongressprotokolle. Die Erkenntnis von der wahren Lage des jüdischen Volkes ist da; ob auch die Konsequenz gezogen werden wird? W ie aber nimmt sich gegenüber dem traurigen Eingeständnis der Ohnmacht, dass in dem letzten Satze enthalten ist, der stolze Ausspruch der .hochgeschätzten Leipziger Persönlichkeit jüdischen Glaubens” im LEIPZIGER TAGEBLATT aus: ״Das Hilfswerk an den notleidenden Glaubensgenossen wird bekanntlich seit vielen Jahren von den verschiedenen israelitischen Hilfsvercinen ohne de n nationalen Aufputz mit gute m E r i o l g c d t! r c hgeführt.” Mit gutem Erfolge, nicht wahr, Sielte oben! Russisch-Sachsen In Sachsen treibt der Antisemitismus xvunderliclie Blüten. Jetzt wird ‘jüdischen Kindern schon der Schulunterricht verweigert, weil man mir einen bestimmt c tt Prozentsatz jüdischer Schüler haben will! Das ISRAELITISCHE FAMILIENBLATT lässt sich aus Dresden schreiben; Seit ca. zwei Jahren existieren hier R e a I g y m n a s i a Ik lassen für Mädchen, welche von Fräulein Anna N'olden hier. Königsbrückerstr. 9, geleitet werden. Zu diesen Realgyinuasialklasseu meldete vor längerer Zeit auch ein Glaulensgenosse seine Tochter an, worauf er von Fräulein Anna Nolden das folgende, russischen Rezepten entsprechende Schreiben erhielt: .Als Sie heute fort waren, sah Ich aus dem Zcugnisbuch Ihrer Tochter, dass sie Isarelitin ist, da sic ReÜgior.sstuudcn nicht mitgenommen bat. Ursprünglich wollte ich keine Israelitinnen in die Realgytmiasialklasse aufnehmen, cbetisowcnigwic in die Schule, habe mich aber entschlossen. die Sache •dahin abzuämk rn. dass unter zehn Schülerinnen eine Israelitin sein kann. Diese eine ‘st «:chon seit letzten Ostern angemeldet, und da picht vorauszuseheii ist, dass die Schiilcrinnenzahl bis auf 20 wächst, bedauere ich, Ihre Tochter nicht aufnehmen zu können. Es tut mir leid. Ihnen dies schreiben zu müssen, aber ich handele hier gan z im Einverständnis mit den Lehrern, von denen mehrere atu V i t z t b u m s c b c n Gymnasium unterrichten, wo dieselben Grundsätze gelten. Das Zcugnisbuch werde ich mir erlauben, baldmöglichst zurtickzusenden. Hochachtungsvoll Anna Nolden.“ Mit Recht erinnert das genannte Blatt daran, dass diese Praxis, den Prozentsatz der jüdischen Schüler zu beschränken, ganz und gar russischen Bräuchen entspricht. In Russland werden bekanntlich auch nur drei bis fünf Prozent Juden — je nach der Laune des jeweiligen Unterrichtsministers — in die Lehranstalten und Hochschulen ausgenommen. Man steht also in Sachsen durchaus auf der Höhe russischer Geisteskultur! Auch e'u Ruhm! Der Dresdener ״Glaubensgenosse" aber hat hoffeiit’bch den Glauben an die ihm gewährte Gleichbcrcchtiguiig nicht dadurch verloren. Antisemitisches Bubenstück Aus Strassburg i. Eis. wird gemeldet: Am 1. Mai wurden durch, bis jetzt noch unbekannte Pc״soncn aut dem jüdischen Friedhöfe in Königshofen 2S Grabsteine umgeworfelt. — ״Nulta dies sine Inea" muss man »tt 20. Jahrhundert übersetzen: Keine Woche ohne antisemitische Grab' Schändungen! Die Korrespondenzen der STAATSBÜRGER- ZEITUNG versagen merkwürdigerweise in diesen Fällen mit konstanter Regelmässigkeit!