Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 236 JÜDISCHE RUNDSCHAU _ _No. 20 verbreitet. Seit einigen Tagen hat sich auch viel unbekannter Pöbel eingestellt, der die Läden aufsucht, aber nichts kauft: anscheinend, um sich zu informieren. Vor einigen Tagen * richtete ausserdem noch das hiesige Regierungsblatt die Beschulditmng gegen die Juden, dass sie sich vom Militärdienst diiickcn, welcher Umstand ״die. Pogrome gegen die Juden rechtfertige.“ Als darauf die Juden eine Berichtigung cinsandten, dass von den Verwundeten und Gefallenen aus dem Gouvernement Mohilcw die Juden 21־ Prozent ausmachen, während ihre Bcvölkcrungszahl im Vcrhältnis zu den Nichtjuden nur 12 Prozent ist, verweigerte der Redakteur die Aufnahme dieser Berichtigung! Deutsche jüdischen Glaubens ln einem Artikel ״Jüdische Absoudcrungsbestrcbuugcn“ hatte die KÖLNISCHE ZEITUNG das Programm der Jüdischen Turnerschaft abfällig kritisiert. Dazu äussert sich nun ein ״Deutscher jüdischen Glaubens“, indem er folgenden Schreibtbriet an das Blatt richtet, den wir ntit einer belanglosen Ausiassung wörtlich wiedergeben. weil er ein gar zu köstliches Dokument ist für den Geisteszustand gewisser Leute und das Gefühl, das diese selben Leute für persönliche \V ii rde haben. Iler ״jüdische Leser in angesehener Lebensstellung‘• schreibt also: ..Ich unterschreibe jedes Wort, mit welchem Sic die Zuschrift des jüdischen Turntages begleitet haben. Wie ich denke, so denken weitaus die meisten Deutsehen jüdischen Glaubens. Wenn die Bewegung, welche mau Zionismus nennt, den Zweck hat. das Los der Juden in Russland. Rumänien und Galizien durch Auswanderung nach fernen gesegneten, freiheitlichen Länden! zu verbessern, so kann man dieses Ziel nur billigen und im Interesse der Menschlichkeit nur wünschen, dass auch manchen im geistigen und materiellen Elend lebenden christlichen Bewohnern Halbasiens eine gleiche Hilfe zuteil werden möge. Mögen die Zionisten Zusehen, wie sie die Hilfe gestalten, die sic den Armen und Elenden zuteil werden lassen; ihre sich um hierauf beschränkenden Bestrebungen sind der Sympathie aller Gebildeten sicher. (Dankend abgelchnt! D. Red.) Wenn sie aber darüber hir.ausgreiien und ans unser über alles heissgelichtes deutsches Vaterland verekeln (?) oder auch nur in unser deutsches Lehen irgendwie trennend oder hemmend cii:- greifen wollen, so kann ihnen nicht energisch genug zugcrufcit werden: ״Hände weg!” Es ist traurig genug, dass Deutschland an konfessioneller Zerrissenheit seit Jahrhunderten zu leiden hat, aber unserseits sollte nichts gescholten, diese noch zu vcrmehren. Es ist ja leider wahr (sic! sic!), das wir Juden in Deutschland, namentlich in Prcusscn, weit weniger in Baden und Bayern, über mancherlei Zurücksetzungen zu klagen haben. Zurücksetzungen, die man in andern Ländern alter Kultur nicht keimt, und dass diese dazu geführt haben, Vereinigungen auf konfessoneller Gcuudlagc zu bilden, über deren Existenzberechtigung sich streiten lässt. Niemals dürfen diese Vercinigütigen etwas anderes sein als solche von Deutschen jüd'.schcn Glaubens, nicht aber Konvcntikcl auf national-jüdischem Boden. Dem erkenne ich in Deutschland keinerlei Existenzberechtigung zu. Wenn ein Kind sich vor. seiner Mutter gegen seine Geschwistcr zurückgesetzt sieht, so wird es als gutes Kind abwarten, bis die Mutter auch ihm mit gleicher Liebe und Gerechtigkeit eutgegerikommt, aber seine Liebe zu der Mutter wird darum nicht geringer werden. So lieben auch wir unser deutsches Heimatland — trotz der bedauerlichen Zurück• Setzungen — und rufen jedem, der uns die Ercude an ihm bewusst oder unbewusst stören will, die Worte des Unsterbliehen zu. der in diesen Tagen von aller Welt gefeiert wird. ״Uns Soldaten mag er schimpfen, den Feldherr» soll er uns nicht verunglimpfen.“ Unser Feldherr, unser Führer ist die Liebe zur deutschen Heimat, und die wollen wir uns durch die Auswüchse des Zionismus nicht trüben lassen. Je energischer wir den Zionismus in seine ursprüngliche» Schrauken znrückweiscn, umso besser für uns und für ihn.“ Nun will ein neckischer Zufall, dass dieser ״Deutsche jüdischen Glaubens*• einige Tage später von seinem Leihhlatt selber arg abgcfcrt'gt wird. Anlässlich einer Kölner Turnvcrcinsversaniinhmg beschäftigte sich die KÖLNISCHE 7Fl- TUNG noch einmal mit dem Programm der Jüdischen Turner- Schaft und nennt dabei die Absichten der TurucrseUatt. unseres Erachtens sehr missverständlich, ״jüdisches Scharfmachertum“. Indes ‘kennzeichnet sie sehr gut die 111 k (1in sequenz der Jüdischen Turiicrschaft in deren Stelhmc zum Zionismus, indem sie sagt:.Und dabei handeln d.ese Extremen durchaus ohne Foleer'cluigkcit. Ist das Pathos, mit dem sic die eigenartigen Feinheiten der jüdischen Rasse, Kunst und Kultur, und deren Bedeutung für die Gesamtkuitiu der Menscheit Vorbringen, echt, so ist die einzig konsequente Hand hing auf solch einen grossen Gedanken hin, dass sic diese Feinheiten unverfälscht erhalten, was nur möglich ist im üidischcn National Staat, den der Z i o 11 i sm u s verkörpern will. Mit Folgerichtigkeit müsste - sich aus den Tendenzen dieser Abschliessungsbestrcbiingen der jüdischen Turncrschait eine Vertretung des zionistischen Gedankens ergehen, dem auch wir stets freundlich gegenüber gestanden haben, ohne uns au. eine Untersuchung cinziilassen. oh er eine Utopie ist oder ein erreichbares Streben. Die jüdischen Turnvereine sind aber keineswegs begeisterte Anhänger des konsequenten Zionismus. Deshalb klingt das Pathos ein wenig hold. Einen Staat im Staate aber kann und darf cs nicht geben, wenn der deutsche Staat seine notwendige politisch-kulturelle Einheit wahren will.“ Was sagt der Deutsche jüdischen Glaubens nun? Und was ragt auch die jüdisch-nationale, nieht-zionistischc Jüd sehe Turnerschaft dazu? Denn so unrecht ist das mit dem ״hohlen Pathos" nicht! Antisemitischer Wahlsieg Das Ergebnis der am 7. Mai in Berlin stattgehabten Wahlen zu den kaufmännischen Schicdsgc. ic 11teil in der W'ahlkurie der kaufmännischen Angestellten wird von dein antisemitischen deutschuati־malen HandhingsgehilfcnverbamJ als ein Frfolg, der angeblich seine kühnsten Erwartungen übertroffen habe, ausposaunt. Gar so überwältigend ist nun der ״Sieg" des Verbandes keineswegs. Die Peiitschuationalen haben zwar a!1: ihrer Liste die relativ grösste Stimmenzahl vereinigt, s'nd aber an den insgesamt abgegebenen Stimmen noch nicht mit einem Drittel beteiligt: von den 100 gewählten Besitzern sind Al Deutsclmatimialc. Von der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmern 1>M71. sind auf ihre Liste nur .32J7 entfallen. Es wäre den drei andern grossen Organisationen der Handelsangesuüten und den ihnen an gesJilossenen kleineren Vereinigungen durch eine noch engere Zusammenfassung der Verbände ein leichtes gewesen, die Deutsclmationalen auch aus der relativen Mehrheit zu verdrängen. — So meldet eine liberale Korrespondenz. Wir könneu dazu nur bemerken, dass es dann eben sehr traurig ist. dass diese so leicht mögliche ״engere Zusammenfassung" nicht tatsächlich erfolgte. Mit schönen Redensarten hinterher bescitigt man den gegnerischen Sieg nicht mehr. Fromer verkehrt ״Tomer verkehrt“ Der Schützling jenes Prof. Ludwig Geiger, der die Staatsbürgerrechte den Juden entzogen wissen will, die in treuer Liebe am alten Stamniestumc hangen, der frühere Bibliothekar der Jüdischen Gemeinde Berlins hat nach seinem Artikel gegen das Judentum in der ZUKUNFT des früheren Juden Isidor Wittkowsky, auch noch mit aus der gleichen Unkenntnis flicsseiiuen Vorurteilslosigkeit ein Buch geschrieben, das sich ä la Harnack ״Das Wesen des Judentums“ betitelt. Ob Herr Fromer dem gleichen Bekenntnis wie sein Freund «Vittkowsky angeliört und schon als jüdischer Gcmeindcbeamter angehörte, soll hier nicht erörtert werden. In einem Artikel der GEGENWART über das bereits der Vorgänge 11heit angchörcndc Frotnerschc Buch nennt ihn freilich Herr Johannes Gatilkc lächerlichcrweisc .,einen orthodoxen Juden”. Was sich der Mann darunter vorstellt??!! Herr Gatilkc rühmt die Sachkenntnis Fromcrs über das Judentum. Sic ist die gleiche wie die seinige. Nicht wahr, Herr Gaulke, das will nicht zu viel besagen. Und doch schätzen Sie diese auch noch zu gross ein. Herr Gaulke meint, dass der ״orthodoxe Jude Fromer seine Leute wohl kennen dürfte," wenn ״er eine Kritik fällt, wie sie wohl herber selten über das Judentum, seine Idee und seine Bestrebungen gefällt sei." Nun, vielleicht hätte dann Gaulke sieh auch seine Leute anscheu sollen, ehe er sein Urteil hi er s׳e abgab. Der Mann, der da so als europäischer Kulturgdst dem Judentum entgegentiitt, der sich in seine ästhetische Brust wirft, der sein Deutschnun ä la Gemer leuchten lässt, war ein Jude, war ein russischer Jude ohne Bildung, wurde in Galizien naturalisiert und auf diesem Umwege und in sonst ungewöhnlicher W'cisc deutscher Staatsangehöriger. Jetzt ist er Doktor — Magister sogar — des christlich-germanischen Geistes gegenüber den deutschbürtigeii Juden. ״Mau muss sich seine Leute ansehen." Herr Gaulke, ehe mau sic zu Autoritäten ernennt. Eine Stelle aus Gaulkes Artikel in der GEGENWART mit einem Zitat aus Fromer soll׳ tmsern Lesern nicht vorenthalten bleiben. Es gehört frtlich eigentlich n'cht hier her, sondern in unsere ״Lustige licke": ״Eine Bewegung, die das Judentum aus seiner dumpfen Sphäre befreien und in das Land seiner Väter zurückiiihreii will, der Zionismus, teilt das Schicksal aller jüdischen limanzipationsbestrehimgen, nämlich der Lächerlichkeit anheimzufallen, bevor noch etwas rechtes geschaffen ist." Fromer cltarakterisiert die Zionisten und ihre Anhänger mit den Worten: