Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 20 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 233 einer vertieften Bildung nur von Nutzen sein. Ihr Wissen wird sie weder hindern, beiden Eigenschaften in vollkommenster Weise gerecht zu werden, noch daran, als Frau ihrem Gatten ciic gemütvolle Häuspehkeit zu schaffen. Als Mutter wird sic ihr reiches Wissen, besonders, wenn cs sich mit tiefer Herzensbildung paart, ihren Kindern zugänglich machen und so dazu helfen, dass die kommenden jüdischen Generationen immer besser ausgerüstet in den Kampf treten für ihr individuelles Dascfci und das ihres Volkes. ״Christliche Liebe — Jüdischer Rachegott“ (Ein Berich t.) 111 unserm christlichen Nachbarrcich bricht die ..Kultur“ zuweilen spontan durch. Es ist gut. dass sich in Russland die jiid sehe Jugend auf Selbst wehr vorbereitet hat. Denn wenn nicht unsere kräftige Jugend auch in Shitomir entschlossen gewesen wäre, ihr Lehen für Eltern und Geschwister in die Schanze zu schlagen., so wäre nicht ahzuschen gewesen, wie viel jüdisches Blut die Wahrheit von neuem hätt ל beweisen müsse;!, dass da־ Christentum die Religion der Liebe, das Judentum nur die Rache* lehrt. Auch so sind Juden genug ums Leben gekommen. Denn die telegraphisch berc'ts kurz, gemeldeten Ausschreitungen gegen JV Juden in Shitomir waren nach den jetzt!'׳rieflieh einlauünden Privatberichteu weit ernster, als man nach den bisher'gcii kurzen Berichten annahm. Die (Irene! von Kisehinew schienen sieh zu wiederluilcn. Zwei Tage lang waren n ie Läden der Stadt geschlossen, und cs war unmöglich, auch nur d e notwendigsten Lebensmittel zu erhalten. W.ie irreführend d e ..Beschwichtigungsriote“ der russischen Regierung■, welche dieser Tage von der stets gefügigen Petersburger Tekzraphen-Agemur verbreitet wurde, gehalten war. erhellt mit klarer Sicherheit aus nachstehendem, dem HANNOVERSCHEN ANZEIGER zur Vcrfügung gestellten Privatbrief, der d;c blul gen Vorgänge saclilieh schildert: Shitomir, 26. April (9. Mai). Mein 1. S.. heute morgen habe ich in meiner Aufregung nicht v:el schreiben können. Jetzt will ich Dir in etwas ruhigerer Verfassung -- wenn man von Ruhe überhaupt sprechen kann — die Vorgänge schildern. Es begann am Sonnabend gegen 7 Uhr abends. Schon den Tag vorher gingen Gerüchte um. am Freitag werde man die Juden schlagen. Es schien aber noch keine Veranlassung Vorgelegen zu haben. Am Sonnabend war sic endlich gefunden. Es begann mit Steinewerfen nach einem Kahn.;n dem jüdische Jungen sassen. Die Jungen feuerten in ihrer Angst c'nen Schuss in die Luft ah und wollten flüchten. Die Bauern liefen hinterher und aui dem Pawlikowkahcrge entspann sich der Kampf. Das Gerücht vom Kampfe verbreitete *;ch wie c n Lauffeuer durch die Stadt und eine tausendköpfige Menge wogte durch die Strassen nach dem Schrcckensorte hip. Aber das herannickende Militär und die Polizei versperrten den Weg und!!essen die Menge nicht vordringen. Die Bauern warfen ungestört Steine, d e ihnen ihre Frauen in Körben hcrantrugen. nach den Häusern der Juden und verwundete!! viele Leute. Die hcransprengenden Kosaken zertraten einen armen Judenjungen •mit ihren Pferden und vcrwundctc« tödlich einen alten Juden, dann sahen sie zu. wiev die Bauern Steine nach den Juden warfen und sorgten dafür, dass s'c nicht gestört wurden. Der Polizeikonunissar Jarotzki rief laut und uiigeircrt: ״Schiagt die Juden! Ihr werdet keine Verantwortung tragen!“ Die Juden wurden zuriiekgedrängt und das Mditür postierte sich zwischen den beiden Parteien, das Gesicht und die Ernten nach den Juden gerichtet. Der Polizeinvaster kam und licss 50 Bauern abführtn, nachdem er ihnen versprochen hatte, sie den nächsten Tag gleich irei/.ugeben. Dies Versprechen hat er auch gehalten: den nächsten Tag konnten sie mit ihrer ..Arbc't“ ungehindert fortfahren. Am Morgen kamen Deputationen auf unseren Hof. Juden mit zerschlagenen Geschient. Väter, die ihre Kinder verloren haben, schreiend njeh Schutz. Man eilte zum Gouverneur, zum Polizeimeister ־ überall he«s es. cs sei alles Mögbclic] zur Wiederherstellung der Ruhe getan. Aber wie! Am Vor-' mittag sammelten sich die Bauern schon wieder. Der Tag verstrich langsam in Schrecken und Todesangst. Die Posten standen da und sahen zu. wie die Bauern sich ansammeltcn, und keiner riihrtc auch nur einen Finger, tun die Sache zu vcrhindern. Ahf dem Domplatz hielt der Erzbischof eine Rede, die, wie uns jetzt ein christlcher Arzt mitteilt. einen sehr schlechten Eindruck aufs Volk ausüben musste. Es hatten sich wieder zwei Lager gebildet: die Juden auf der einen, das Militär und die Bauern auf der anderen Sc'tc. Plötzlich — es war gegen 7 Uhr abends — liicss es. der Polizeikonunissar Kujanow, der Hauptaufwicgler, sei erschossen. Sein eigener Schriftführer, ein Christ, hatte ihn in der Kiewstrasse vor dem Hotel de Rome nicdergeknallt. Der Mörder wurde durch einen Juden festgenommen und sofort abgeführt. Die Nachricht gab den Anstoss. Auf dem Domplatz trat ein christlicher Student vor und bat das Volk, sich zu zerstreuen. Er appellierte an ihr menschliches Gefühl, sagte. Juden seien doch auch Mensehen und hätten doch nichts Böses getan. Er wurde auf der Stelle niedcrgehaucn. Dann riss man cuen Juden von der Strasscnbalin herunter und schlug ihn vor den Augen der Soldaten und der Polizei tot. Und nun begann das Mordei•-. Auf dem Podo! schlug man zwüü Leute tot. zwölf hoffnungsvolle junge Leute, verwundete schwer an 6U Leute und zerstörte alles was man fand. Fensterscheiben kbrrten und braelicn, mit Steinen und Aexteu schlug und verwüstete man alles. Die Sache scheint tadellos organisiert gewesen zu sein. Die Augrciier waren vollkommen mit Gewehren versehen und batten zu Anführern die Polizeibeamten. Es spielten sich herzzerreissende Szenen ab. Eine junge Frau rettete sich mit drei Kindem. Das vierte wurde von den Mördern crgriiieii. da sprang ein jüdischer Junge hinzu und stach e'nen Bauer tot. Im michsteil Augenblick lag er selbst zerschmettert am Bodui: es war ihm aber doch vorher gelungen, das Kind durchs Fenster zu heben und so zu retten. Wer weis;, wie es jetzt um u.-tsere Stadt gestanden hätte, wenn die Juden nicht selbst zu den Walten gegriffen hätten, um ihr Gut und Blut zu verteidigen. An manchen Stellen lc'steten sie verzweifelten Widerstand, und nur die teilweise unvollkommene Organisation nid der Mangel an Munition licss sie schliesslich ihren a!1 Zahl und Stärke weit überlegenen Feinden unterliegen. Und die Soldaten sahen zu — sic blieben sogar nicht imjätig. sondern rissen Steine aus dem Pilaster und warfen sie nach den Juden. Und der Gouverneur hatte nur eine Antwort: .,Ich habe alles getan, was ich konnte.” Am Morgen gab cs keine Droschken, uni die Toten und Verwundeten fortzubringen, und Studenten Fellen sich Privatwagen und verkleideten sieb als Kutscher, tun den Gefallenen den letzten Dienst zu erweisen. Der Anblick der Getöteten und Verwundeten soll erschreckend sein, und wer sic einmal gesehen hat, vergisst sic im Leben nicht. Manche wurden mitten auf der Strasse hinterrücks erstochen. So der Taldmud.toralclirer Friedman!:, 36 Jahre alt, der einen Moment aus dein Hause gegangen ist, um seinen Sohn zu suchen. F.r bekam einen Stich vorn und einen iiti Rücken und starb gestern im Sp tal. Dann ein Jude namens Olszanski. Er war aus dem Tore getreten, als man gerade eine Anzahl Bauern nach dem Gefängnis abführte. Plötzlich riss einer der Bauern das Bajonett des vor ihm gehenden Soldaten an sich, stürzte auf Olszanski los, durchstach ihn und kehrte in seine Reihe zurück, ohne fcstgcstellt worden zu sein. Im Spital liegen vie’e im Sterben, mit entstellten, zerschmetterten Gesichte.n und Gliedern. Manche haben mehrere Wunden davongetragen und waren gleich tot. Unter den Leichen befindet sich auch die eines Hjührigen Jungen. Den Kopf auf die Seite gebeugt, liegt er da — ein Bild der Unschuld. Das Spital ist überfüllt und kann die Ausgaben nicht bestreiten. Es mangelt an Wäsche und Betten. Die ungestümen Forderungen der beraubten lind zu Tode gehetzten Juden haben schliesslich Montag eine Kommission zusammentreten lassen, um Massrcgcln gegen die herrschenden Grcucltaten zu ergreifen. Viele Christen, Stadtverordnete, Aerzte usw. sprachen ilire Entrüstung aus. und die ganze Vor- Sammlung bejab sich zum Gouverneur, um Rechenschaft von ihm zu verlangen. Auf den Strassen flüchteten sich die Bauern vor der anriiekenden stattlichen Menge. Ein christlicher Stadtrat namens Sagurski rief dem Gouverneur entrüstet zu: .Bei einer politischen Demonstration hätten Sie genug Leute gefuuden. um die Menge zu zerstreuen, und nun. wo Leute in den Strassen gemordet werden, finden Sic kc uc Mittel zur Rettuiig!" Das Ergebnis dieses Ganges war, dass der Gouverneur eine Bekaimtmachunj crliess. wonach jeder Mensch arretiert werden sollte der es versuchen würde, eine Menge um sich zu versammeln. Aber noch immer bekamen die Soldaten keinen Befehl, zu schiessen. Erst nachdem Dienstag früh neue Verwundete• nach dem Sptal' gebracht wurden und eine tausendköpfige Menge an das Gouverncurhaus hcranrückte, nachdem mein Onkel ״edroht hatte, auf die Soldaten zu feuern, um sie zum Schiessen zu zwingen, ist der Befehl erteilt worden, und eine zweite Bekanntmachung brachte die Androhung