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Jüdische Rundschau · 1905-05-19 · Heft 20 (19.5.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 20 Seite 232 und auch heute geschaht dieses noch von dem weitaus grössten Teile unserer erwerbenden Frauen. Während sich diese nun früher fast ausschliesslich als Verkäuferinnen betätigten, ergreifen sic heute mit Vorliebe die Berufe der Korrespondentin, Kontoristin, Fakturfstin usw. Die Umwälzung in allen gesebüftliehen Betrieben hat besonders dem offenen Vcrkaufsgcschäftc chie ganz andere Richtung, Ausdehnung und etwas Schablonen* haftes m Bezug auf Aushldutig des Personals gegeben. Bei einer ganzen Anzahl von Geschäften werden die iungen Mädchen, besonders aber, wenn sic weder genügende Schulbildung noch Sprachkcnntnissc oder hervorragende lute'.ligenz bc* sitzen, auf den einen oder anderen Artikel cingedrillt. den sic nun dem Pubbkum Jahraus, jahrein mit denselben spärlichen, monotonen Worten an preisen müssen. Diese auf solche Art durchaus unzureichend vorg'cbildctcn Verkäuferinnen werden selten zu einer guten Stellung gelangen. Es fehlt dagegen an g r ü n d 1 i c h vorgcbildctcn Verkäuferinnen von guter Er* Ziehung, die eine genügende Ausbildung bcstzen und fremde Sprachen beherrschen, welches letztere bcsonders an Plätzen mit regem Fremdenverkehr ein imcrlass- Fehes Erfordernis ist. Hingegen nimmt die Zahl der ober* fläch lieh ausgeh'ldctcn Bewerberinnen immer zu, was naturgemäs« auf die Entlohnung äusserst ungünstig cinwirkt. Tüchtige brauche* und sprachkundige Verkäuferinnen werden sich immer eine Position schaffen können, die einem strebenden Mädchen wohl Zusagen dürfte. Beim Kontorpe rsonal unterscheiden wir ebenso die mechanische Arbeiterin lind uic• gründlich v o r g c b i 1 * dete Kontorstin. F.rstere bat vielleicht für die Dauer n.eh* rcrer Wochen oder Monate eine Fortbildungsschule besucht, das Maschinenschreiben erlernt; ihre Schulbildung ist minder* wertig. Sie wird schlecht, oft elend bezahlt und hat selten Aussicht, etwas zu erreichen. Ganz andere Chancen hat dagegen d e allgemein imd kaufmännisch aus gebildete Kontoristin, die sxh gleich dem jungen Manne eine gute Schulbildung au* geclg'net, eine regelmässige Lehre bestanden oder aber eine Handelsschule besucht hat, deren cs schon mustcrgiltigc in ver* schiedencn Städten gibt. (Vorzüglich bewährt hat sich z. B. die Handelsschule für Mädchen In Kö Fn a. Rh., die. mit einem Ucbungskontor verbunden ist, das Kaufmänirschc Lehre überflüssig macht.) Die Nachfrage nach Handelsschiileriuuen seitens der Grossbetriebe ist, wie ich höre, eine sehr rege. Auch beim kaufmännischen Berufe sollte übrigens die Begabung und nicht die Mode ausschlaggebend sein. Der moderne kaufmännische Betrieb Ist vielseitig und spezialisiert •;!ich sich immer mehr. Neigung und Veranlagung müssen auch hier die Art des Berufs diktieren. Dazu müssen die Eltern sich in jedem Falle verstehen, den Mädchen cfiic vollwertige, gründliche Ausbildung zu geben, denn nur gleichwertige Ausbildung ermöglicht glcichw’crtigc Leistungen mit dem anderen Geschlecht und verhütet die so stark gefürchtete Konkurrenz der Frauen durch Unterbietung der Gehälter. Unsere jüdischen Eltern w erden sich um so!echter hierzu verstehen, als sie, was die Er- Ziehung der Kinder betrifft, an Opfcrwilligkcit das Menschenmögliche leisten. In der Putzwie in der K 0 11 f e k t i o n s b r a n c h e. dem ureigensten Gebete der Frauen, klagt inan seit Jahren bitter darüber, dass der Mangel an intelligenten, tüchtigen Gclulfinncn sich immer fühlbarer macht. Und doch bieten beide Branchen ein ergiebiges Arbeitsfeld auch für die Töchter gebildeter Stände. Geschmack und Farbensinn, selbstverständlich auch hier Neigung zum Beruic, müssen vorhanden sein. Der Berufs-Spezialitäten auf diesen Erwerbsgebeten gibt es viele. In den grossen Ateliers, welche die Wunderwerke im Reiche der. Mode kreieren, können junge Mädchen mit Zeichen talcnt sch zu gut bezahlten, sehr gesuchten Zeichncrinncn, Direktricen mit hohem Einkommen, die bei einigem Gßlck später selbst ein solche« Geschäft aufmachcn, Empfangs-Damen jisw. atisbldcn. Auch die Putzbranclic bietet fast immer gute Aussichten. So lange die Frauen der in unserer Zelt so besonders lauimehcn Göttin Mode hu!d gen — und hierin wird sich ja wohl so locht keine Acnderung vollziehen — dürfen junge Mädchen, die Geschmack besitzen, sich mit aller Ruhe und Aussicht auf Erfolg diesem Erwerbszweige zuwenden. — Auch auf einem ganz anderen Gebete, das 60 recht das Arbe tsfeid der Frau ist, sind in neuerer Zeit jüdische junge Mädchen hervorragend tätig, auf dem Gebiete der K r a n k c 11pflege. In vielen jüdischen Krankenhäusern, in Privat- und Armenpflege, betätigen sich dAc jüdischen Schwestern mit vielem Erfolg. Gewiss gehört ein ernster, opfermutiger Wille. Geduld, e'n grosser Fonds von Liebe und Glitc und vor allem eine geschickte, H'chere Hand und kräftige Konstitution Je/.:, um desen Beruf ausfiilleu zu können. Aber auch in tietnncrster Seele muss diejenige, die sich ihm zu eigen gibt, sich zu ihm berufen fühlen, wem! Lust und Ausdauer nicht erlamnen;ollen. -- - Wenden wir uns nun den gelehrten Beruf e n zu, die lange als für die Frau gänzlich ungeeignet, dem Manne allen Vorbehalten waren. Die Zulassung der!•'rauen zum Uuivcrsitätsstudinm schien etwas ganz Unmögliches. Vir wissen, dass Frauen Gymnasien und Hochschulen besuchen, mit grossem Ernste ihrem Studium obliegen, und sieh wohl in einer• Beschäftigung fühlen, der sie mit Lust und Liebe naciigeheu und die ihren indivldtielien Anlagen entspricht. Nun ist aber durchaus nicht zu befürchten, dass deshalb Scharen von jungen Mädchen, insbesondere von Jüdinnen, den Universitäten zuströmen werden. Das Studium entspricht nicht den Anlage» sehr vieler Mädchen, ebensowenig w'e denienigen vieler Knaben. Dazu kommt noch, dass die Zahl derjenigen junge» Mädchen, die einen Beruf wählen werden, der jahrelange Studien auf Gymnasium und Hochschule bedingt, immer gering!)leiben wird, schon aus dein einfachen Grunde, well die Mädeben, was ja auch natürlich r'st, wenn sic irgend können, de» Beruf der Hausfrau jedem anderen verziehen. Die Frau will ja auch nur Freiheit der Berufswahl, damit sie, wie auch der Mann, die ihr verliehenen Anlagen frei entwickeln kann. Es hat sich denn auch gezagt, dass keineswegs der grosse Zulauf zu den Gymnasien, der befürchtet wurde, stattfiudet, und dass nur eine beschränkte Zahl wirklich begabter Mädchen die Gymuasien frequentieren und absolvieren. Für die Gesundheit dieser Mädchen ist nichts zu befürchten. Für e'n begabtes und körperlich nicht zu schwaches Mädchen bietet die ruhige Ausbildung auf einem Gymnasium bei regelmässiger Lebensweise und guter Ernährung ke'nerlci Bedenken. Für die intelligente jüdische Tochter, welche den Drang in sich verspürt, ein Universitätsstudium zu absolvieren, um cs praktisch zu verwerten, bietet einstweilen die Mcdizcn die meiste Aussicht auf einen praktischen Erfolg. Sie ist als A c r z t i!1 zugclasscn und kam! ihre Staatsprüfung auch au deutschen Universitäten ablcgcn. Mangel herrscht nur noch an Assistcntcnstellc». F raue n- und Kinderarzt i n , auch Z a h!1 ä r z ti n, das »si das eigentliche Feld der Frau auf dem Gebiete der Heil- Kunde. Jurisprudenz zu studieren, ist für eine Frau im allgemeinen noch wenig aussichtsvoll. Als Rechtsanwalt ist sc nicht zugclasscn. So bleibt nur die Betätigung als juristscher Beirat bei Vcrsiehcnmgsgcsell xhaiten oder in grosse» Industrie-Etablissements, wo ihnen indes ihre männlichen Kollegen wohl fraglos den Rang meist noch mit Erfolg streitig machen dürften. So sehen wir, dass das Unrlvcrsitätsstudium den Frauen im allgemeinen, besonders aber den jüdischen, noch keine allzu glänzenden Ausrichten bietet. — Wie dem auch sei, der Frau, welche es zu ihrem Berufe erwählt, wird, auch wenn sie später das Glück haben Millte, ihrem eigentlichen Berufe entsprechend, im a'gcttcn Helm als Hausfrau und Mutter zu walten, der Besitz

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