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Jüdische Rundschau · 1905-05-19 · Heft 20 (19.5.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 226 JÜDISCHE RUNDSCHAU Brutalität ist der Satz: ״Am 9. Mai war die Stadt ruhig; es wurde nur ein Jude leicht misshandelt . .. Dabei ist selbstverständlich die ganze Darstellung verzerrt und schiei und verlogen; und die förmlichen Schlachten, die nach zuverlässigen Berichten stattlanden, und die auch allein die hohe Zahl von über hundert Verwundeten, da* runter fünfzig S c 11 w e r verwundeten, erklären, verwandeln sich unter der Hand in unbedeutende Unruhen. Das Tollste aber leistet siel! die Petersburger Regierung in ihrer ״Erklärung“ der Krawalle, die in folgender Form vom russischen Regierungsboten gebracht wurde: ״Dass die Zahl der Opfer bei den Unruhen in Shitomir verhältnismässig gering ist, ist den energischen Massnahmen zuzuschreiben, die die Regierung zur Unterdrückung und zur Verhütung von Un* ruhen ergriffen hat. Bereits ■seit dem 21. April haben die Juden in Shitomir eine herausfordernde Haltung an den Tag gelegt; so gebrauchten sie zum Beispiel das Bild des Kaisers als Ziel für & c h i c s s ü b u n g c n. Dem Ministerium des Inneren, so fährt das Blatt fort, liegt eine Reihe von Berichten über von Juden auf der Strasse gegen Christen verübte tätliche Beleidigungen vor. Am 25. April wurde in Shitomir ein Aufruf des Wohlhynischeti Komitees der Sozialrevolutionären Partei verbreitet, worin eine Judenhetze angekiindigt wurde. Die Verantwortung hierfür!‘alle der Verwaltung am Orte 7u wodurch ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufgereizt sei Das oben erwähnte herausfordernde Betragen der von der revolutionären Propaganda beeinflussten Juden habe nicht nur die Massnahmen der Verwaltung gegen die Unruhen beeinträchtigt, sondern sogar Konflikte ge* schaffen. Um solche unmöglich zu machen, habe der Minister des Inneren den Gouverneuren vorgeschriebe!!, neben energischen Massnahmen auch dem gutgesinnten Teil der Juden nahezulcgeu, dass sie im Interesse der jüdischen Massen ihre in den politischen Kampf hineingezogenen Glaubensgenossen vor einer Feindschaft erzeugenden herausfordernden Haltung gegen die Christen warnen mögen.“ In dieser Darstellung •) vermisst man tatsächlich nur noch die Behauptung, dass eigentlich die Juden sich selber misshandelt und totgeschlagen hätten! Natürlich sind diese offiziellen Berichte eitel Heuchelei. Wenn einer der russischen ״Grossen“ einmal offen ausspricht, was er und Seinesgleichen sonst nur denken und als Maxime ihres Handelns benützen, so klingt es andens. Als der Krieg ausgebrochen war, sagte ein sehr gut unterrichteter russischer Patriot, ein harter Gegner der russischen Juden zu einem Mitarbeiter des KLEINEN JOURNAL spöttisch: ״Der Krieg ist kein Unglück für Russland, wenn es auch dabei Unglück haben sollte. Aber er ist eine Katastrophe für die Juden. Man wird so viele man nur kann als Kanonenfutter ver• wenden und die anderen für Krieg und Niederlagen verantwortlich machen. Man wird sic plündern und erschlagen, wenn die Japaner siegen, um dem patriotischen Schmerze Luft zu machen, und man wird ihnen die Häuser über dem Kopfe anzünden, wenn man Freudenfeucr wegen etwaiger Siege benötigen sollte. Die •) Es muss hier bemerkt werden, dass das Regierungshulletin, das die russischen Provinzzeitungen bringen mussten, noch weit unmöglichere Dinge leistet als obiges. Aber es Hesse wirklich Druckerschwärze und Papier vergeuden, den heillosen Unsinn dieses weitschweifigen Pamphlets hier zu wiederholen. Sein Resultat muss in den Augen der Bauern sein: Immer schlagt weiter auf die Juden! 4 i . No. 20 Kriegssteuern wird sich der Muschik bei ihnen holen wollen, und der Obrigkeit wird das weit sympathischer sein, als wenn sie einen rechtgläubigen Russen durch den Pfändnngskoniniissär von Haus und Hof vertreiben müsste. Noch schlimmer wird es ihnen aber gehen, wenn der Fricd.cn wieder g e sc 111 o s s e n wird. Das z 11 r ü c k k e 11 r e n d c Heer wird sich an ihnen für die Unbill, die Entbehrungen in! Felde sc ha d los halten wollen.“ - - Ja was wäre denn dann für die russischen Juden die Rettung? — ״Wenn sie nicht mehr leben würden oder wenigstens nicht in Russland“*, war die prompte Antwort. Und als dann die revolutionäre Bewegung ausbrach, meinte derselbe Kenner der Höhen und Tiefen seines Vaterlandes: ״Jetzt sind die Juden verloren. Stellen sie sich in die Reihen der Revolutionäre, so erwürgt sic die Regierung, weil sic Hochverräter sind, und bleiben sie zu Hause, so ermorden sie die andern, weil sie die ״gute Sache“‘ verraten.‘.‘ Das heisst nichts anderes, als die Niedertracht zum politischen Prinzip erheben! Aber in der Sache wird dieser russische Patriot natürlich recht behalten. Und man beachte nur. wie er heute schon den zurückkehrenden Truppen die nötigen Winke giebt. Es liegt eben System in dieser Sache. Genau wie System darin liegt, dass diese Regierung ihre einzige Stütze einerseits in einer durch und durch verrotteten und korrupten Beamtenschalt und andererseits nur in einem noch halb tierischen Kricgcrstanune, den Kosaken, finden kann. Dieses Russland ist noch ganz und gar ein barbarisches Land; vom Recht ist keine Rede, die Faust regiert. Und der einzige Lichtblick in dem trüben, trüben, Bilde, das sich uns bietet, und das uns die nächsten Wochen und Monate wohl weiter entrollen werden, ist die zur Tat gewordene Einsicht der Juden in diesen Zustand, ist die Tat der Selbstverteidigung. Dafür gebührt unseren russischen Brüdern die vollste Anerkennung, dass sie es unter so unglaublichen Schwierigkeiten zustande gebracht haben, sich eine relativ vorzüglich organisierte Selbstwehr zu schaffen, die ihnen wohl in Zukunft noch weiter die guten Dienste wird leisten können, die sie in Shitomir geleistet hat. In Zukunft! Denn wir glauben nicht an die amtliehen BescliwichtigimgBpillen, die jetzt natürlich wieder gereicht werden. So berichtet man ia schon, dass den Juden volle Bewegungsfreiheit in Russland werde gewährt werden. Aber schon die Details dieser Meldung zeigen die Unlauterkeit der dahinter steckenden Absichten. In den Dörfern sollen die Juden kein Wohnrecht erhallten, weil die Regierung ״nicht gewillt ist, ein zweites Kisehincw wiederaufkommen zu lassen." Also: Kischincw ist ein Don, und die Organe der russischen Regierung haben ihr Möglichstes getan, um ״Kisehincw" zu verhindern! Man erkennt die Redlichkeit dieses Wohlwollens fiir die Juden. Nein, nein — Judenhetzen werden in Russland Vorkommen, solange die gegenwärtige Rcgienmg existiert. Und die Juden sollen nur weiter darauf bedacht sein, sich das bekannte Kaiserwort zu eigen zu machen: Wer nur auf Gott vertraut Und feste um sich haut, Der 11 a t auf keinen Sand gebaut. ib.

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