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Jüdische Rundschau · 1905-05-12 · Heft 19 (12.5.1905) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 19 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 221 I d:c die Judenc.csetzc von Grund aus veründer teil. Simferopol, •1. »Mai. Unruhen, die!1 er entstanden waren, wurden durch Truppen schnell unterdrückt. Der Vizcgouverneur ritt mit einer Eskadron der Krimdivision durch die Strassen und beruhete die gegen die Juden erregte Bevölkerung. Dünaburg. Wie dem RUSSJ mitgcteilt wird, werden seit einigen Wochen in Diinaburg gedruckte Proklamationen versandt, in denen de Bevölkerung aufgefordert wird, de Juden zu überfallen, wobei die Vorgänge in Kischinew und Hon.ei als vorbildlich hingestcllt werden. hl welchem Umfange die Agitation beirieben wird, lässt sch daraus ersehen, dass in c.'1:cr Woche allein mehr als lono Proklamationen durch die Stadtpost zur Versendung gehängten. inzwischen ist die blutige Saat in Russland wieder einmal aufgegangen. Bei Redaktionsschluss wird eben nachstehende י Meldung bekannt: Petersburg, 9. Mai. In der Hauptstadt Wolhyniens Schitornir fanden schwere antisemitische Unruhen statt. Ein von Agitatoren aufgehetzter Haufen stürmte die Magazine un!L Buden jüdischer Besitzer. Da die Juden eben* falls bewaffneten Widerstand leisteten, fand eine regelrechte Schlacht statt. Soweit bis jetzt icstgestellt ist, wurdeu 15 Personen getütet und über .50 verwundet. Viele Moskauer Juden erliieleii Telegramme aus Schi!ornir mit der Bitte; ausreichenden' Schutz, bei der dortigen Behörde naclizusucheii. da noch grössere Unruhen beverzustehen scheinen. In B e s s arabien und dem Gouvernement Tanibow werden gleichfalls Unruhen beuirchtet. Nach dem K i s c hine wer Kreise sind zwei Eskadronen Dragoner gesandt worden; der Gouverneur wie der .Untersuchungsrichter haben sich ebenfalls dorthin begeben. Es wirkt wie eine Ironie, wenn diese Behörden, die mittelbaren, intellektuellen Urheber der Verbrechen, nachher ausziehen. um ihre eigenen Opfer zu bestrafen. Erfreulich ist nur. dass die Juden wenigstens zum Widerstand gerüstet und bewaffnet waren, sodass zu hoffen ist, dass nicht alle Gefallenen unter ihnen zu suchen sind. Die Juden als Offiziere Die Erörterungen über die lang zurückliegende Debatte, ob Juden ins O i 1C z i e r k o r p s aufzunchmen seien, dauern immer noch an. Die KREUZ-ZEITUNG schrieb kürzlich: ״Wenn die Juden eine besondere Passion und Qualifikation für den Militärdienst hätten, so wäre cs allerdings töricht, ihnen die Piorte zu demselben nicht weit aufzusperren. Träfe das aber zu. so würde es sicher viele jüdische Feldwebel. Sergeanten und U n t c.r o f f i z i e r e geben; denn dass den Juden die Unteroftizierlaufbahn verschlossen wäre, wird selbst die FRANKFURTER ZEITUNG nicht behaupten wollen. Schreiber cVeses hat schon viele aktive und gewesene Offiziere gefragt, cb ihnen Juden in diesen Stellungen bekannt geworden seien, und man bat ihm nicht ein einziges Beispiel anfiihreii können. Daraus schliessc ich. dass der jüdische Drang nach den Epauletten sich weniger au! den Waffendienst an sich, als auf die?!•gesehene soziale Stellung des Offiziers und alles, was drum 1!nd dran hängt, bezieht. Man will offenbar weniger ein an Strapazen gewohnter Eeldsoldat. als ein ״Salonlöw.e" in Unitonn sun. als ..vornehmer Herr" betrachtet w erden, was sonst manchem trotz reichen Masses irdischer Güter recht schwer fällt." Dagegen schreibt nun die FRANKFURTER ZEITUNG: Man könnte die KREL'ZZEI TUNG-Kreise recht in Verlegenheit setzen, wenn man den Spiess umdrehte und fragte, warum denn die Junkcriamil. en mit ihren Sahnen nur die Offiziersstellen des Heeres besetzen, die Untcroüiziersstcllcn aber ganz dem .Volk" überlassen, und man könnte im Sinne des KREUZ- ZEITUNGS-Einsenders noch besondere Betrachtungen darüber ai.stellen, warum wohl diese Familien gerade gewisse Truppengi’Uungcn bevorzugen, die als besonders ..vornehm" gelten «ml eie dadurch als ״Salonlüw en" zur Geltung br'ngc:־.. Das Oiiizkrkorps wird es auch kaum als Schmeichelei auffassen können, als ״Salonlöwcn“ im Gegensätze zu den ״an Strapazen gewöhnten Feldsoldaten" gekennzeichnet zu werden, und es nta״ sich dafür bei dem van ihm sonst so bevorzugten Junkerblatte bedanken. Aber auch ganz abge-ehen von der Kehrse'te dieses Vergleichs :st er gerade iur die verfassungswidr ge Behandlung der Juden so wenig am Platze wie nur möglich. weil er die tatsächlichen Verhältnisse einseitigund verkehrt darstellt. Dass es nicht viele jüdische Unteroffiziere gibt, ist richtig. Die Gründe liegen aber doch auf der Hand und sind keineswegs in der mangelnden Ne:gung zum Militärdienst zu suchen. Zum Teil s'nd sie darauf zurückzuführen, dass die Juden in den Bevölkermigsschichten, aus denen vorzugiweise die Unteroffiziere hervorgehen, prozentual nur w'cnig vertreten sind — eine Folge der früheren Aus- Schliessung der Juden von den meisten Berufen. Der wesentliebste Grund aber .'st der. dass die konfessionelle Abschliessung des Offizierkorps und die in ihm vielfach vorhandenen und rieht selten ofien geäusserten antisemitischen Tendenzen cs den jüdischen Soldaten begreiflicherweise nicht ratsam ersehe neu lassen, die Unteroffizierkarriere einzuschlagen, bei der sie ja gegen Schikar/.cruugen ia.-t wehrlos sein w ürden und sielt immer darauf gefasst machen müssten, dass man — wenn mit ihnen auch wirklich ausnahmsweise zu Beginn kapituliert würde — sic doch nicht den Zivil vcrsorguints־ schein erreichen lässt. Und gelingt ihnen letzteres wirklich, so haben sie in zahlreichen Vcrwaltnugszwcigen mit ähnlichen Vorurteilen zu kämpfen und mir recht wenig Aussichten auf eine Ansteilung im Zivild'eust. Dass ehie so ungcwisse und wenig aiis-iclitsvolle Karriere keinen Anreiz bieten kann, ist selhstv erstäudlich; aber trotz dieser Schw ierigkeiten wenden sie!; immer noch Juden ihr zu, scheuen also nicht die Strapazen des Feldsoldaten." Juden in Grossstädten Nach den letzten aitul. Feststellungen wohnten im preussisehen Staat insgesamt 392 322 Juden ״der l.N v. M. der Gesamthewohnerschait. Diese Verlüiltniszahl ist i;1 den letzten 2u Jahren stetig zuriickgegangeiL. denn es wurde:; 1880 1.33. 1885 1.29. 1 >90 1,21־ und 1895 1.19 v. H. Juden im Staate ermittelt. Welchen Anteil die jüdische Bevölkerung an der Ue• samteinwoiiuerschait der 22 preussischei; Gressstädte, d; s heisst also der jenigen städtischen Gemeinwesen hat, die im preussischen Staat bei der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 mehr als 100 000 Einwohner zählten, ergibt folgende Zusammensteüung. Auf je 1000 Einwohner kauten in diesen 22 Städten an Juden in: 1. Frankfurt a. M. . . 76.0 12. Stettin . . . 1-1.9 2. Charlottenburg . . 51,2 13. Dortmund . . 13,5 3. Posen. 51,2 R Altona . . 12,4 •1. •Berlin. 48,S 15. Aachen . . . 11.7 5. Breslau. 46,7 16. Elberfeld . . , # 10.6 6. Köln. 26,2 17. Essen . . . 10,3 7. Kassel. 23,0 18. Düsseldorf . . 10,0 8. Königsberg .... 21.0 19. Magdeburg 8,4 9. Hannover .... 19,3 20. Halle .... 8,0 10. Danzig. 17,•1 21. Barmen . . . . , 4,2 11. Krefeld. 16,7 22. Kiel .... 3,2 Jüdische Schüler in Berlin Die Anzahl der j ü d i s c 11 e n S c h ü I e r und Schülerinnen in Berlin ist auf den einzelnen Lehranstalten sehr ungleich verteilt. Aus Spruths Schulkalendcr ergibt sich darüber 101gendes: Von den Gymnasien weist die niedrigste Ziffer das Humboldt-Gymnasium auf. 21 bei einer Gesamtzahl von 323 Schülern; dann folgt nach oben das Lcssing-Gynmasium mit 38 (511). An der Spitze stehen das Sophien-Gyinnäsium mit 2-19 (56S) und das Wilhelms-Gymnasium in der Bellevuestrasse. Hier wo die Söhne der reichen Besitzer des Tiergarten-Viertels mit Vorliebe!ungeschickt werden, ist die Zahl der jüdischen Schüler die höchste, 250, bei •1S7 im ganzen, macht also mehr als die Hälfte der Gesamtheit aus. Das letztere trifft beim Französischen Gymnasium beinahe zu. das unter 217 Schülern 102 jüdische hat. Die ungleiche Verteilung erklärt sich aus der Lage der Lehranstalten. Sehr viel geringer ist die Zahl der jüdischen Schüler, sowohl absolut wie relativ, auf den Realgymnasien und Realschulen. Offenbar werden die Gyrnnasien besonders bevorzugt. Von den öffentlichen höheren Mädchenschulen weist die wenigsten jüdischen Schülerinnen die königliche Augustaschule auf, 22 unter 400, die höchsten Ziffern zeigen die Sophienschulc, 29S unter 679 und die Charlottenschulc. 331 unter 710. Jüdische Ferienkolonieen Dem Komitee für Ferienkolonien jüdischer Kinder ist es infolge besonderer Förderung durch den Berliner Verein für Ferienkolonien im Vorjahre ermöglicht worden, der stattlichen Zahl von •100 Kindern die Wohltat eines vierwöchentlichen Sommcraufeuthalts zu gewähren. In Bad Eimen waren in der Eugen und Amalie Rosenthal-Stiitung 60 Mädchen und 30 Knaben untergebracht. Das Königliche Salzamt in Schünebecck stellt in liebenswürdiger Weise unter Streichung der Kurtaxe den kurbedürftigen Kindern die Benutzung der

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