Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. •19 .L Seite 220 an der sich die Herren Israel, Michael. Mr. Marcus, Joel, Behrend, Lewisohn, Estcrntami, Dr. Victor, Dr. David, Stiebei und Frau Margulics beteiligten. Es wurde eine Kommission gewählt, di<? die Gründung einer Lesehalle bezw. die Nct/belebung der bestehenden in die Wege leiten soll. (Bravo! Man vgl. den Bericht ans Frankfurt am .Main in heutiger Nummer. Auch die Berliner ״Jüdische Lesehalle“, die am 12. Januar auf das erste Jahrzehnt ihres segensreichen Bestehens zuriickblicktc, wurde vom damaligen einzigen zionistischen Verein Deutschlands dem kleinen, aber um so rührigeren ״J u n g ־ I s r a e I" gegründet. Hier ist eine eifrige Nachfolge aller gcsinnungsgcnössischcn Vereine dringend erwünscht Die Red.) Würzburg. In der jüngsten zionist'schen Versammlung sprach der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe, Herr Dr. 1‘iitczpwer über: .,Moses Hess“. Die sachlich klaren u1׳d ic.rmschönca Ausführungen beleuchteten die philosophische pstionalökonomi-chc und nat'onaljiidischc Bedeutung dieses Mannes. Das Referat fand grossen Beifall. Jüdischer Zahnarzt kann in einer grossen Gemeinde Süddeutsch lands ״ute Existenz finden. Anfragen zu richten an die Redaktion der JÜDISCHEN RUNDSCHAU, Berlin N.W. 52. Melanclith mstrasse Junger jüdischer Arzt (Zionist) such: eine Steile als V e rt r c t c r bis zum 7. Kongress. Offerten au die Redaktion Jer JÜDISCHEN RUNDSCHAU. *■» Rundschau Aus Russland ln den Petitionen, welche die russischen Juden an Herrn von Witte oder an lokale Behörden ger'chtet haben, um die Notwendigkeit der v ö 1 i g c n Gleich- Stellung der Juden mit den übrigen Einwohnern darzutuu. findet man manche interessante Daten über die Lage der JuJen. So heisst cs tri einem von den Vertretern der jüdischen Genieinde Kowno an das Stadthaupt Brzezowski gerichteten Schreiben־ In der Stadt K o w n (י machen die Juden nicht weniger als 50 Prozent der allgemeinen Bevölkerung aus und unter den. Zahlen der Stadtabgaben bilden sic eine erdrückende Mehrheit. Die Gcrcchrgkcit verlangt, dass die Juden in der Stadtverwaltung, die. wie aus oben Gesagtem ers-chtlich. all ihre Interessen so tief berührt, gleich allen übrigen National!'- täten vertreten seien: dagegen sind sie aber, der Gercchtigke't und selbst der einfachsten Zweckmässigkeit zuwider, von jeglicher Teilnahme an der städtischen Selbstverwaltung ausgeschlossen. Die von der Regierung ernannten Stadtverordneten können, da sic nicht von der Bevölkerung gewählt sind, auch nicht als deren Vertreter erscheinen und im Namen der Bevölkerung sprechen. Die in jeder Beziehung anormale Rechts- und ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung in den Städten muss• uuvermcidlich auf die ganze Art des städtisehen Lebens einen Einfluss ausüben und dies ist auch in der Tat der Fall. Die Rechtbcschrönkungen haben das Sinken des Wohlstandes zur Folge, sic halten den stüdt'schcn Handel und die Industrie auf einem niedrigen Niveau; Armut hat die Verschlimmerung der sanitären Lage der Stadt, die Vermeilrung der Kraukhcits- und Todesfälle, die Entwicklung des Frevelhaften im Charakter der Bevölkerung zur Folge. Die Interessen der einzelnen Klassen der Bevölkerung sind durch tausende von Fäden miteinander verknüpft und es liegt nicht nur im Interesse derjeit'gea Personen, d e unter den unnormalen Rechts- und ökonomischen Bedingungcr. direkt leiden, sondern auch der ganzen Bevölkerung. diese Zustände aufzuheben. Eine bemerkenswerte ,Aeusserung findet sich in einer an Herrn von Witte gerichteten Petition der jüdischen Bevölkerung des Ortes Duhrow no rin Gouvernement Mohilcw. Es heisst dort nämlich: Wir haben Veranlassung, zu hefürcliten. dass bei Besprechung der Massregein. die auf Punkt 7 des Allerhöchsten Ukascs vom 12. Dezember 190-1 Bezug haben, das M'nistcrkomitcc sich mit dem Verhör von nur z w c i bi s d r e i v o r 11 e h in c n Vertretern der jüdischen Geld-Aristokratie, die mau gewöhnlich als Vertreter der Interessen der viele Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung Russlands zu betrachten pflegt, begnügen wird. Deshalb glauben wir, dass 1*11 gegenwärtigen Augenblick jede jüdische Gemeinde, wie klein sic auch sein mag, verpflichtet ist. ihre Stimme direkt vor dem Min sterkomitee zu erheben und demselben auf diese Weise die Möglichkeit zu geben, aus der Gesamtheit der eingereichtei! Vorlage» einen Schluss hezügllch der Bedürfnisse und des Verlangens des russischen Judentums zu ziehen. Gleichwohl ist cs als ausgeschlossen zu betrachten, dass cs im günstigsten Falle 3nders kommt, als hier angedeutet, dass nämlich zwei oder drei Gcldjudcn als ״Volksvertreter“ berufen werden, die dann alles Mögliche, nur nicht das \olk vertreten. Aus B i a I y s t 0 k im Gouvernement Grodno wird in Ergäiizung unserer letzten Mitteilung geschrieben, dass einige Kosaken in das dortige jüdische ,Bethaus auf der Kirchhofstrassc eindrangcii mia Ule dort Anwesenden ueruit mit ihren Nagaikas bearbeiteten, dass ein Greis von 70 Jahren und eine ebenso alte Jüdin ins Hospital gebracht werden mussten. Zur Erklärung dieser Roheit wird angeführt, dass am Tage vorher ein Kosak aut' der Strasse meuchlings von einem Juden erschossen worden sei, der entkam, und dann den einzigen Polizisten, der in der Nähe war und auf ihn zulief, ebenfalls durch mehrere Schüsse aus dem Revolver tötete. Am selben Tage sei auch ein Revieraiifsehcr auf der Strassc so stark durch Schüsse verwundet worden, dass er nach einigen Stunden starb, und am Abend habe ebenfalls ein Jude auf einen Otfizier geschossesn. ohne ihn zu treffen. Mehrere in der Nahe befindliehe Kosaken hätten den Mann so bearbeite?, dass er kaum imstande war, sich zwischen den Kosaken ins!,olizeiamt zu schleppen. In Südrusslaiu! wird ein Aufruf folgen* den Inhalts verbreitet: ,..Die Gesellschaft der Nationalisten zu Kiew, mit Zweigvereinen in Nikolajew, Odessa. Cherson, Kischinew, Bender, Akkerm.an erkennt die Ursache der l'i!־ Zufriedenheit, die sich gegenwärtig in Russland breit macht, in der jahrzehntelangen Gleichgiltigkeit des russischen^ \ olkes gegeiiiiner den A n d e r s g i ä tt b i g c!1. Die Rufe ״Fort mit der Selbstherrschaft!‘' ״Nieder mit der Regterur.g!" ״Nieder mit dem Zaren!'' - unscrni Väterchen — das sir.J Rute jener Blutsauger, die Juden heissen; auch Armenier, Polen, Grusinier und andere wünschen alles i:1 ihre raubgierigen Klauen zu nehmen und über das strenggläubige Volk zu herrschen, das seit Jahrzehnten sein Blut vergiesst ihr seinen Glauben und für Väterchen Zar. Unsere Gemeinschaft, die augenblicklich 297 365 Mitglieder zählt, passt den Juden und andern Nationalitäten auf, die mit Geld nicht sparen, um die Arbeiter zu bestechen, utn mit deren Hilfe den Aufruhr hervorzubringen, den sie nötig haben, um die Herrschaft an sich reissen zu können. Dank den Juden sind Frankreich und Polen gefallen, und das gleiche wollen sic auch mit Russlandvrreichen. Freunde, nehmt Euch vor den Juden in Acht! Doch bald wird wohl die glückliche Zeit in Russland anbrcchcn. da cs keine Juden mehr gehen wird. Alle Not, alles Elend unseres Lebens sind die Juden. Nieder mit den Verrätern, den Juden, nieder mit der Konstitution! Es lebe der Zar!" Man erkennt dje gemeinsame Fabrikmarke aller dieser Aufrufe, von denen wir einige bereits publiziert haben. Typisch ist die Massenhetzc gegen alle א i e h t r u s s e n mit besonderer Betonung der Juden, wobei mau sogar nicht verschmäht, die ״anderen" noch mit gegen die Juden zu hetzen, welchem Zweck einzig und allein der Hinweis auf den Fall Polens dienen kann, den natürlich auch die Juden verschuldet haben. Wie aber nicht nur unwissende Schwätzer, sondern auch Männer der .,Wissenschaft" sich zu der Judenlietze hergeben, zeigt folgende Meldung, die grosse Erregung hervorgerufen hat: Petersburg. Vor einigen Tagen hielt P r i v a t d ״ z e n t Mikolski dem Zaren eigen Vortrag, worin er als einz i g e 11 M a c 111 i a k t o r in Russland die Jude n bezeiclinete und. von K‘>kowzcw, Bulygiu und Trepow unterstützt, energische Massregein gegen die Juden forderte, w ährenJ er sonst die .freiheitliche Bew egung als geringfügig und leicht zu u11te.rdrückeu schilderte. Petersburg 2. Mai. Der letzte T o I c r a n z c r 1 a s s weckt /.war unter den Christen aller Konfessionen grosse freudige Erregung, doch wird in politischen Kreisen mit Besorgnis darauf iiingewiesen. dass die Jude» völlig u 11 b e r ii c ksichtigt geblieben sind. Der Erlass verliere dadurch an »Bedeutung, der Grundsatz der Duldung sei verletzt und eine Ursache grossen Elends und der Willkür sei nicht beseitigt. ' Kalisch, 3. Mai. Hier wurden heute Mittag drei Israeliten verhaftet, bei denen Proklamationen. Schusswaffen. Patroneu und rote Fahnen gefunden wurden. Die Stadttore sind geschlossen, die Patrouillen, welche die Stadt durchziehen, werden mit Steinen geworfen. Petersburg. 4. Mai. Von e'ngew eihter Seite höre ich. der Diiidungscrlass müsse auch für die Judo:• als günstig hezeichnet werden (?). Es seien bereits Arbeiten in! Gang..