Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 19 Seite 217 JÜDISCHE RUNDSCHAU Deutschtum mosaischer Konfession In einem ״Der zweite Jüdische Turntag" übcrschriebcnen Artikel brachte das LEIPZIGER TAGEBLATT (Nr. 219) einen Auszug aus dem vom Ausschuss der Jüdischen Turucrschait verbreiteten Verhandlungsbericht, soweit er ״sich auf die n a t i 0־ na len Bestrebungen bezieht”, mit folgender Kritik: ״Diese Bestrebungen sind nicht geeignet, der jüdischen Bevölkerung Sympathien zu gewinnen. Die Voraussetzung der rückhaltlosen Aufnahme der Juden in den Volks- und Staats- Körper ist immer die Gewissheit ihrer deutschnationalen Maltung. Absonderungen von der Allgemeinheit und Betonung ihrer nationalen Sonderbestrebungen müssen aber Misstrauen erwecken. Die Juden sollten aus der Zustimmung, die die zionistische Bewegung bei den Antisemiten findet, lernen." Es ist kaum anzunchmeu. dass ein Mensch, der andern solch bodenlose nationale Gesinnungslumperei zuzutnuten wagt, selbst nationale Ehre besitzt. Wie könnte er sonst von An-! gehörigen einer Nation verlangen, die eigene Nationalität zu verleugnen, keine nationalen Se׳״!erbestrebungeu zu betonen; und hübsch deutsclmatiotial zu sein? Doch das beste ist j zweifellos die ״Voraussetzung der rückhaltlosen Aufnahme"! Ist nicht dieser Voraussetzung von unseren deutschen Juden bisher in vollstem Masse genügt worden, und wird ihr nicht auch noch heute von der überwiegenden Mehrzahl der deutselten Juden genügt? Tun sie nicht dcutschaationaler als \ Masse und Schönerer, deutschuational bis zum Ekel? Und j der Erfolg?! Ein ganz anderer, als der Arukdsehreiber zu meinen vorgibt Und dieser andere Erfolg nicht ganz mit Unrecht: Menschen, die ihr V o I k st u m zu Markt tragen sind nicht vollwertig! Doch welche Verfassung, welches Gesetz kennt in aller Welt eine solche Voraussetzung? ln den Volkskörper (als nationalen) wollen wir nicht aufgenoinmen werden, weil wi r das einfach nicht können, i Wir gehören wie die Wenden, Masuren usw. eben nicht zum deutschen Volksstamm, bilden aber natürlich alle zusammen mit diesem das deutsche Volk (in politischem Sinne). Denn in den Staatskörper sind wir alle gteichmüssig aufgcnomnten, mit ganz genau denselben Rechten und Pflichten. Diese letztere» lässt man uns treulich eriiillen. die ersteren 'veiss man uns mit allen Mitteln vorzucnthalten, so dass unsere Aufnahme in den deutschen Staatsverband allerdings fast nur auf dem Papiere steht. Doch dies Verfahren hat nicht einmal den Schein des Rechtes für sich *- ist Rechtsbeugung, nichts Orchester war glanzend, die erste Geige als anerkannte Künstlerin prädominiert, die zweite und eine grosse Hassviole mit drei Saiten, von Dilettanten ad libitum gestrichen; Branntwein und Kaffee im Ueberflusse, kostliches Fest. Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen himmelblauen Rock, und machte sein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die Gutsherrschaft anlangte. •S;׳ss er gerade hinter der Bassgeige und strich die tiefste Saite mit grosser Kraft und vielem Anstand. ״Johannes!“ rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem Tanzplatze, wo er auch seine ungelenken Beine zu schlenkern und eins zu jauchzen versucht hatte. Friedrich reichte ihm den Bogen, gab durch eine stolze Kopfbewegung seinen Willen zu erkennen and trat zu den Tanzenden. ״Nun lustig, Musikanten: den Pape 11 van Istrup!" Der beliebte Tanz ward gespielt und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, dass die Kühe an der Tenne die Hörner zurückzogen und Kettengeklirr und Gebrumme an den Ständern!!erlief. Fusshoch über die anderen tauchte sein blonder Kopi auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser übenschlägt; nn allen Enden schrieen!Mädchen aut, denen er zum Zeichen der weiter! Die deutsche Reichsverfassung wie die deutschen Staatsverfassungen verlangen nicht, was sie nicht verlangen können, sic verlangen von den Staatsbürgern keine dcutscbnationalc Haltung. Sic verlangen nicht m.ehr und nicht weniger als Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten und — implicitc — natürlich vaterländische Gesinnung; das ist aber etwas ganz anderes als deutschnationale Haltung! Welches ״Misstrauen" unsere nationalen Bestrebungen ei wecken könnten, wird wohl der Artikelsch reiber des ״L! T." selbst nicht wissen. Zu seiner Beruhigung können wir ihm aber mitteücn, dass wir nicht beabsichtigen, Berlin W. vom Deutschen Reiche loszurcissen und dort einen jüdischen Natio- ־'״״ aat zu errichten. Und endlich, ob die Antisemiten der zionistischen Bewegung zustimmen oder, nicht, ist uns ganz gleichgiltig. Jedenfalls ist etwas wahr, wenn E r e u n d und Feind dasselbe sagen. Die Antisemiten behaupten auch, dass viele deutsche Juden krumme Nasen haben. Darin haben sie ebenfalls Recht. Oder sollten wir auch hieraus lernen? Warum will aber der Artikclschreiher nicht wissen, dass wir die Zustimmung so unendlich vieler haben, die weder Juden sind noch mit dem Antisemitismus etwas gemein haben? Er scheint ein besonderes Interesse an dieser Tatsachenunterdriickung zu haben. Soviel zur Erwiderung. Zum Schlüsse sei uns nur noch gestattet, eine Vermutung auszusprccheii, die wir schon oben angedeutet: Der Artikel des ״L. I‘." schmeckt verteufelt nach Deutschtum mosaischer Konfession. Unter dieser Annahme wird die an uns gestellte Zumutung erklärlieh. Wer selbst au nationaler Charakterlosigkeit und Heuchelci chronisch krankt, bei dem ist ja ganz natürlich, dass er andere zu gleicher Gesinnungstüchtigkeit aufmuntert. Glück auf dem ״L. T." zu solcher Mitarbeiterschaft! — ech. Bericht über den Deiegiertentag der jüdisch־nationalen Turnvereine Zum zweiten Male traten am 23. und 24. April die Dclegierten der zur ״Jüdischen Turnerschaft” zusammengeschlossenen jüdisch-nationalen Turnvereine zusammen, um das sie einigende Band fester zu gestalten und das Begonnene weiter auszubauen. Seit der Gründung der ״Jüdischen Turnerschau" in Basel vor 2 Jahren hat die Bewegung bedeutende Fortschritte gemacht. Nicht nur ist die Anzahl ihrer Anhänger Huldigung mit einer raschen Kopfbewegung sein langes Flachshaar ins Gesicht schleuderte. ״Jetztist.es gut!“ sagte er endlich und trat schweisstriefend 1גמ den Kredenztisch; ״die gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und wcr's nicht mittrinkt, den will ich an die Ohren schlagen, dass er die Engel singen hurt!“ Ein lautes Vivat beantwortete den galanten Toast. — Friedrich machte seinen Bückling. ״Nichts für ungut, gnädige Herrschaften; wir sind nur ungelehrte Bauersleute!" In diesem Augenblick erhob sich ein Getümmel am Ende der Tenne, Geschrei, Schelten, Gelächter, alles durcheinander. ״Butterdieb, Butterdieb!" riefen ein paar Kinder, und heran drängte sich, oder vielmehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopi zwischen die Schultern ziehend und mit aller Macht nach dem Ausgange strebend. — ״Was ist’s? was habt ihr mit unserem Johannes?" rief Friedrich gebieterisch. ״Das sollt Ihr früh genug gewahr werden,“ keuchte ein altes Weib mit der Küchenschürze lind einem Wischhader in der Hand. — Schande! Johannes, der arme Teufel, dem zu Hause daß Schlechteste gut genug sein musste, hatte versucht, sich ein halbes Pfündchen s ר