Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No 19 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 215 sogar vielleicht als nicht im weiteren Interesse Englands selbst liegend betrachten; aber keinesfalls geht es an, vor diesen Dingen die Augen zu verschliessen und sie mit irgendwelcher moralisch-pathetischen Deklamation ändern zu wollen. Auch jene leichte Auffassung, die in einem Teil der deutschen Presse zum Ausdruck gekommen ist, und die in dem neuen Gesetz nur eine Augentäuschung sehen will, mit der die englische Regierung ihre Arbeiter zu gewinnen hoffe, können wir leider nicht teilen. Die wirtschaftlichen Tatsachen sprechen zu laut, a>s dass dieses kleinliche Mittel auch nur für kurze Zeit verfangen könnte. Es beginnt mit Englands neuem Fremdengesetz eine neue Aera in der Judenwanderung— auf sie heisst es jetzt sich einrichten. ib. The Jewish Colonial Trust Jüdische Kolonialbank (Limited.) Auf dom 10tzton in London stattgeliabten Boardmeeting des Jewish Colonial Trust wurden die auf Grund eines früheren ]Beschlusses gemachten Vorarbeiten für dio Eröffnung einer Filiale in E astend bestätigt. Ein passendes Lokal ist in 41, Whitechapel Road gemietet, die notwendigen Umbauten sind im Gange und das nötige Personal ist bereits engagiert. Die Eröffnung der Filiale wird gegen den 1. Juni a. c. erfolgen. Was wird aus unseren Töchtern Von B. Leiser. Das Osterfest ist nun vorbei. Mit ihm beginnt für viele junge Menschen ein wichtiger neuer Lebensabschnitt Es ist der Zeitpunkt, da Hunderte und Aberlnmderte hinausgleiten aus den Kinderschuhen, den fröhlichen, immerhin sorglosen Schuliahren Valet sagen und in den Kampf des Lebens cintreten. Noch bis vor wenigen Jahren war cs in den vermögenden jüdischen Familien Usus, dass nur der Knaben hinsichtlich eines Berufes gedacht wurde, und in diesen Kreisen pnegte man, da die Auswahl keine allzu grosse ist. sich sehr rasch zu Gunsten des kaufmännischen oder akademischen Berufes zu entscheiden. Aber es ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass auch auf diesem Gebiete sich allmählich ein Wandel vollziehen wird. Man versucht ja, — und nicht ohne Erfolg, — schon seit langem nachdrücklich darauf hinzuwirken, dass auch die jüdische Jugend sich für andere Berufe bcgeistere, und das ist freudig zu begriissen und bedeutet eine Kulturarbeit von eminenter Wichtigkeit, denn die Ucberfi'llung in den wenigen Berufen, denen mar. sich immer und immer wieder zuwandte, konnte nicht ausbleiben und zeitigt Schäden, die nicht abzuschen sind. — In neuerer Zeit treten nun auch die jüdischen Töchter der besseren Stände, ja vielfach auch die der Reichen, in die Reihen der Schwestern ein» t'ie sich mut:g in den Kampf wagen, sich einen Beruf schaffen wollen, der sie, abgesehen von der Freude und Befriedigung, die eine Betätigung, ein Umsetzen ihrer Kraft in Arbeit gewährt, der Notwendigkeit entheben soll, die Ehe als eine Versorgung«- anstatt zu betrachten, mit zitternder Unruhe, des Spottes der Menge gewiss, wenn er nicht kommt, auf den Mann zu warten. Betrachten wir die Frage nur von diesem einen Gesichtspunkt aus, der eine mehr ideale Ehe verliefest, (wir können ja die heutige Ehe, wie sie leider oft genug in nichtjiidischeii Kreise.:, häufiger aber in jüdischen zu stände kommt, nicht als eine heilige, sondern müssen sic, so traurig es klingt, als einen nüchtern und praktisch abgeschlossenen Pakt bezeichnen), so muss cs jedem denkenden Menschen e’nieuchten, dass wir diese Strömung, die besonders in den Zentren schon breiten Boden gewonnen, nicht hemmen, nein, dass wir sic fördernd stützen müssen. Es ist ein gewaltiger Strom, der die Frauen und Mädchen aufgenommen, um s:e in Arbeit und Tätigkeit in den sicheren Hafen der Zufriedenheit, der Ruhe, zu tragen. Unzählige Tränen so vieler armen, alten, einsamen Mädchen, die aus persönlichem falschem Dünkel, oder demjenigen de: andern heraus, ein lächerlich zweckloses Dasein fristen und sich von Leben Verwandten an die Wand drücken lassen müssen, sind hineingeflossen. Aber die neue Zeit, die die Frau weder zum Spielzeug des Mannes, zur trägen Tagediebin, noch zur reinen Arbeitsmaschine stempeln will, spricht gewaltig zu uns. Es ist nicht mehr möglich, den Willen all* dieser jungen Mädchen, die auf. eigenen Füssen stehen, einen Wirkungskreis haben wollen, zu unterdrücken, so unendlich viele junge, frische Arbeitskraft brach liegen zu lassen. Selbstverständlich soll das Mädchen, welches einen Beruf ergreift, die Ehe nicht abschwüren, nein, wenn die Zeit da ist, Beide schwiegen. — ״Ohm, wie kommt Ihr darauf?“ sagte Friedrich dann; ״Eu’r Gewissen ist nicht rein; Ihr habt mich belogen.“ -- ״Ich? so?“ — ״Wo ist Eure Axt?‘‘ — ״Meine Axt? auf der Fenne.“ — ״Habt Ihr einen neuen Stiel hinein gemacht? wo ist der alte?“ — ״Den kannst du heute bei Tage im Holzschuppen linden.“ ״Gcir,“ fuhr er verächtlich fort, ״ich dachte, du seiest ein Mann; aber du bist ein altes Weib, das gleich meint das Haus brenne, wenn ihr Feuertopf raucht. Sieh,“ fuhr er fort, ״wenn ich mehr von der Geschichte weiss, als der Türpfosten da, so will ich ewig nicht selig werden. Längst war ich zu Haus," fügte er hinzu. — Friedrich stand beklemmt und zweifelnd. Er hätte viel darum gegeben, seines Olims Gesicht selten zu können. Aber während .sie flüsterten, hatte der Himmel sielt bewölkt. ״Ich habe schwere Schuld,“ seufzte Friedrich, ״dass ich ihn den Unrechten Weg geschickt. — obgleich — doch, dies hab’ ich nicht gedacht, nein, gewiss nicht. Olttn, ich habe Euch ein schweres Gewissen zu danken.“ — ״So, geh\ beicht*!“ flüsterte Simon mit bebender Stimme; ״verttnehre das Sak«־amnt durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den Hals, der schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brot aus den Zähnen zu reissen, wenn er gleich nicht reden darf — geh’!“ Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Gerausch; die Wolken verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertür: sie war geschlossen. Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. Der Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gcmacht, erlosch leider nur zu bald. Wer zweifelt daran, dass Simon alles tat, seinen Adoptivsohn dieselben Wege zu leiten, die er selber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichstinn, Erregbarkeit, und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den Schein verschmähte, und dann alles daran setzte, durch Wahrmachung des Usurpierten möglicher Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere Schande der äusseren voorziizicficn. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine Mutter darbte. Diese unglückliche Wendung seine« Charakters war indessen das Werk mehrerer Jahre, in denen man bemerkte, dass Margret immer stiller über ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand der Verkommenheit versank, den man früher bei ihr für unmöglich gef X x - V h ß v-