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Jüdische Rundschau · 1905-05-12 · Heft 19 (12.5.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 214 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 19 können, wenn sie sich nicht unmittelbar vor den Wahlen viele Gegner schaffen wollen. Das Gesetz ist also der Annahme und der Durchführung sicher. Da an der Annahme des Gesetzes als solchem nicht mehr zu zweifeln ist, beschränkt sich das aktuelle Interesse auf die einzelnen Bestimmungen, die es enthalten wird, und vor allem auf die Tendenz, nach der es durchgeführt werden soll. Bei der Einführung des neuen Gesetzes, das bedeutend milder ist als das im vorigen Jahre zu Fall gekommene, erwähnte Akers Douglas, dass im Jahre 1904 insgesamt 195 000 Fremde nach England kamen, von denen etwa 100000 als Durchwanderer und 12 000 ais Seeleute bezeichnet waren, so dass also noch mehr als 80 000 Ein- Wanderer in England blieben. Eine noch stärkere Ein- Wanderung ist aus der Statistik für die ersten drei Monate des Jahres 1905 ersichtlich. Aus der Kriminalstatistik gehe hervor, dass die Zahl der Verbrecher fremdländischer Herkunft absolut und relativ ständig wachse; doch beweisen die von Douglas angeführten Zahlen lediglich eine absolute Zunahme. Des weiteren erklärte er denn auch ganz offen, die Regierung sei fest entschlossen, der Einwanderung ״unerwünschter" Elemente einen Riegel vorzuschieben, und sie könnte sich nicht darauf beschränken, nur diejenigen auszutreiben, die, der Landesjustiz in die Hände fielen. Chamberlain ging in der Offenheit noch einen Schritt weiter mit der Erklärung, die gegenwärtige Bill, welche den Zugang der ״niederen ausländischen Arbeiterklasse“ fernhalte, sei nur ein Schritt zu einer weiteren Bill, um auch die Einfuhr der von diesen Leuten angefertigten Waren zu verhindern. Alle oppositionellen Reden nützten nichts, und bezeichnenderweise beschränkte sich der Liberale Trevelyan wesentlich auf den Hinweis, dais ja ״nicht nur russische Juden, sondern auch Nationalrussen“. aus Russland nach England einwanderten, und der Liberale Asquith plädierte nur für die politischen Flüchtlinge, deren Asylrecht durch das Gesetz gefährdet sei. Premierminister Balfour schliesslich gab die in ihrer Art klassische Erklärung ab, die Frage der Fremdeneinwanderung habe mit der Juden- Die Judenbuche Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen von Annette Freiin von Droste-Hülshoff. Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt sind, muss ich sagen, dass diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl noch viel dafür geschah und diesem Verhöre mehrere iolgten. Den Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht und die darauf folgenden! gaschäriten Massregeln der Mut genommen; sic waren von nun an wie verschwunden, und obgleich späterhin noch mancher Holzfrevler erwischt wurde, fand man doch nie Anlass, ihn der berüchtigten Bande zazuschreibcn. Die Axt lag zwanzig Jahre nachher als unnützes corpus delicti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit ihren Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann lichts davon oder dazu tun. Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu gehen, Es war Mariä Himmelfahrt frage garnichts zu tun. England habe uneingeschränkte Berechtigung, darüber zu entscheiden, unter welchen Bedingungen es Bürger anderer Staaten zur Teilnahme an den Fortschritten englischer Zivilisation zulassen wolle oder nicht. — Man kann die Berechtigung dieser letzten Behauptung sehr wohl zugeben und braucht sie darum doch nicht für einen Beweis der ersten zu halten. Jedenfalls aber sieht man jetzt, wohin die Reise der neuen englischen Gesetzgebung geht. Und man wird gut tun, diese Frage mit all der ruhigen Nüchternheit zu behandeln, mit der solche eminent politisch und sozial koinplizierten Fragen allein richtig zu würdigen sind. Der relativ einfache, zunächst zugrunde liegende Tat- Sachenbestand ist bekanntlich dieser: Durch die Arbeit der eingewanderten Juden — man braucht angesichts ihrer weit überwiegenden Zahl unter den in Betracht kommenden Einwanderern nur von ihnen zu sprechen: die Frage ist also •fast eine rein jüdische — sind naturgemäss eine grosse Zahl von englischen Arbeitern brotlos geworden: wenn auch zu berücksichtigen ist, dass die Ausdehnung mancher neuen Industriezweige erst durch die Einwanderer möglich geworden ist. Sodann aber —- und das ist das eigentliche Hauptmoment — ist durch die ganz erheblich billigeren Arbeiter (billiger infolge des überaus geringen Lebensbedarfs) das Niveau der ziemlich hohen Lebens* haltung ganzer Kategorien englischer Arbeiter bedeutend herabgedrückt worden, was naturgemäss die Erbitterung dieser Arbeiter gegen das fremde Element hervorgerufen hat. Dass nun eine Regierung, die sich das Wohlwollen dieser Arbeitermassen erhalten will, Schritte unternehmen muss, die geeignet sein könnten, den ehemaligen Standard of life dieser Arbeiter wiederherzustellen, ist selbstverständlich. Ist besonders erklärlich bei der so eigentümlichen politischen Konstellation Englands, die den Arbeitern in allen wichtigen Dingen die Rolle des Züngleins an der Wage der beiden grossen englischen Parteien zuweist. Diesen nächstliegenden einfachen Tatsachen gegenüber hilft keinerlei Vogel-Strauss-Politik. Man kann diese Jetzt beginnende Entwicklung der Dinge bedauern, man kann sie und die Pfarrgeistlichen schon vor Tagesanbruch im Beichtstühle. Nachdem er sich im Finstern angcklcidct, verliess er so geräuschlos wie möglich den engen Verschlag, der ihm in Simons Hause eingeräumt war. In der Küche musste sein Gebetbuch auf dem Sims liegen und er hoffte, es mit Hilfe des schwachen Mondlichtes zu finden; en war nicht da. Er warf die Augen suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertür stand Simon fast unbekleidet, seine dürre Gestalt, sein ungekämmtes, wirres Haar und die vorn Mondschein verursachte Blässe des Gesichts gaben ihm ein schauerlieh verändertes Ansehen. ״Sollte er nachtwandeln?“ dachte Friedrich, und verlädt sich ganz still. — ,.Friedrich, wohin?“ flüsterte der Alte. — ״Ohm, seid Ihr’s, ich will beichten gehen.“ — ״Das dacht' ich mir: geil' in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter Christ.“ — ״Das will ich,“ sagte Friedrich. — ״Denk, an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugnis ablcgen gegen deinen Nächsten.“ — ״Kein falsches!״ — 4־Nein ,gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer einen anderen in der Beichte anklagt, der empfängt das Sakrament unwürdig."

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