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Jüdische Rundschau · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 16)
Language
German
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No. 18 Seite 208 Iujik war die Gründung einer besonderen jüdischen Oruppc innerhalb der russischen Demokratie, die ihr Programm wie folgt festlegtc: a) Aufhebung aller gegen die Juden erlassenen Ausnahmegesetze und Gleichstellung der Juden mit den übrigen Teilen des Volkes; b) Beteiligung der Juden sowohl an den vorbereitenden wie später ordentlichen Beratungen der Reichs- Vertretung; c) Autonomie der jüdischen Gemeinden, wie überliaupt Freiheit der׳ nationalen und kulturellen Entwickelung; d) Aufhebung aller den Juden besonders aufcrlcgtcn Abgaben unter Rückgabe der etwa vorhandenen Ersparnisse aus diesen Steuern an die jüdischen Gemeinden. (Es handelt sich um Kommunalabgaben. 1. Zum Schluss stellt die Versammlung noch einmal die wiederholt geäusserten allgemeinen Forderungen der Demokraten zusammen. •Bei dieser Gelegenheit sei auf die Tatsache!»!״gewiesen, dass sich bezüglich 'der Judenfragc in Petersburg ein Wechsel zu U n g u n s t c 11 der Juden bcmerkbar macht. Seit dem Sommer vorigen Jahres ist kein einziger Frlass zur Verbesserung der Lage der Juden erschienen, während fast alle anderen .,Unzufriedenen‘• wenigstens kleine Abschlagszahlungen erhielten. Prostkcn, 25. April. In der russischen Nachbar Stadt Sezuczin wurde der jüdische Friedhofswärter mit seinen •1 Kindern ermordert und zerstückelt. Die Frau und 2 andere Kinder waren nicht zu Hause. Sosnowlce, 25. April. Unter den hiesigen Arbeitern sind Aufrufe des Komitees der pohischcn Sozialdemokraten in Umlauf, in denen die Arbeiter au.'gefordcrt werden, den Auireizuugen zu JuJenhctzcu!lieht Gehör zu geben, vielmehr die Hetzer zu prügeln. Berittene! »trouiUcn durchziehen die Stadt. Warschau, 2>. April. Die Lodzcr Fabrik von ׳Heinzel & Kunitzcr wurJe definitiv geschlossen; •hXH! Arbeiterkind entlassen. In Zrunska Wola unternahmen jüdische Arbciterham'en einen bcwafincten Angriff auf die Bahnstation, um einen verhafteten politischen Führer zu befreien. Petersburg, 2. Mai. Wie aus Bclostok, Gouvernement (irodno. gemeldet wird, üben die Kosaken gegenüber der jüdischen Bevölkerung eine wahre Schreekensherrschaft aus. Auf offener Strasse fallen die Kosaken über die Juden her, misshandeln sic und plündern sie aus. Selbst in ihren Häusern sind die jüdischen Bürger nicht vor Vergewalttgungen sicher. Neulich drangen die Kosaken in die Synagoge ein, bearbeiteten die dort anwesenden betenden Juden mit ihren Nagaikcn und schlugen einen Greis und eine alte Jüdin halb tot. 111 der Kirche, die von Andächtigen überfüllt war, entstand eine furchtbare Panik. Im Gedränge wurden viele Personen, vor allem Frauen, verletzt. Die jüdische Bevölkerung hat sich in einer Petition an den Gouverneur gewandt; dieser hat versprochen, dass strenge Massnahmen zur Velirinderiing solcher Ucbcrgrinc getroffen werden sollen. Die schuldigen Kosaken wurden verhaftet und sollen vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Jüdische Gleichberechtigung hn ZEITGEIST wird das Tagebuch Otto Erich Hartlebe ns aus dem Jahre lb90 veröffentlicht. Unter dem 19. Juni schreibt der damalige Referendar Hartlebcn: .,Auch der heutige Tag müsste eigentlich der Jurisprudenz gehören: ich habe da ein Urteil zu machen h! einer Sache, in weichet der Angeklagte des Betruges für nicht schuldig befunden ist. weil die belastenden Zeugen . . . Juden warett —! ״Ich glaube keinem Juden gegen einen Christen!" erklärte der Herr Landgerichtsrat G.a!s sieh der Gerichten.»; .,.ur Beratung zurückgezogen hatte —!" Antisemitenmoral Um j fi d f s c 11 c O r ft z i e r s a s p i r a n t e » ein für alletual zu beseitigen, dafür hat ein in Stettin erscheinendes Antisemitenblatt ein Radikalmittel entdeckt. Es erteilt mimlieh den Offizieren den Rat, dafür zu sorgen, dass die ״jiidisehe« Kameraden־‘ nicht Gefreite werden, oder die Tressen bekommen. Dann könnten sic auch nicht Offiziere werden״ Jn Uetn Artikel heisst es: ״Wenn Verfassung und Bureaukratismuss es nicht zulassen, dass im IHecre völkische Grundsätze offen hervorgekehrt werden, so muss man sieh eben unter Umständen auf Schciugrfmde stützen, um den Unverstand des Gesetzgebers wett zu machen. Es wird sielt im Dienste immer ein Grund finden lassen um einen Mann, den man nicht haben will, von jeder Beförderung auszuschlicsscu. namentlich wenn der Manu zu einer Sorte von Menschen gehört, die dem Heere aiifgedrängt (?) worden ist. Wer nicht hören will, muss fühlen. Leicht vergeht sich mal ein Soldat: und für einige Tage geUude11 Arrest sind immer Gründe da. Damit ist im Emzeifalle die Makkaüäerfrage schnell erledigt. Ausserdem: würde eine solche Notwehr des Offizierkorps nicht ganz von selbst cintrctcn? Würden sielt nicht die Vorgesetzten vor dein Fmrfrimom unliebsamer Elemente durch Straten schützen? Es bleibt ihnen ja kein anderer Ausweg, wenn der Munster von ihnen verlangt, sic sollten Juden zu Offizieren wählen. Bcstrafte Soldaten aber werden nicht Offiziere; also bestraft man sie — notgedrungen. Bedanken mögen sie sich dann jedesmal bei Herrn Eickhoff. Gegen diese Selbsthilfe der Vorgcsetzten aber wäre Juda machtlos: gegen ein stillschweigendes Ucbcrcinkommcn könnte es nicht ankommen." — Das Antiscmitenblatt scheint gar n'ciit zu empfmdett welche schmachvolle Handlungsweise — absichtliche Bestrafung Unschuldiger, als׳» Missbrauch der Dicnstgewnlt! — es dem Oiiizierkorps zumute.! Die vornehme Zeitung Die STAATSÜÜRüER-Zl:ITUNG beschäftigt sich unter der epochemachenden Spitzmarkc: ״Wie der Kampf gegen die STAATSBÜRGERZE ITL'NU geführt wird‘‘ mit der Lappalie, dass irgendwer irgendwo in das Wunschbuch einer Lesehalle eine an jener Stelle sicher ungehörige Bemerkung gegen den antisemitischen Moniteur eingeschrieben hat. Das wird für denjenigen der Komik nicht entbehren, der da weiss, wie hocherfreut das cdelc Blatt seihst die hahnebüchensten Besudelungen von Plakaten in Eisenbahnwaggons und von Wände!t anderer abgelegener Örtlichkeiten durch antisemitische Narrenhände unter seine stille Protektion •genommen hat. Vollends komisch wird die antisemitische Scliür e aber immer, wenn sie anfüngt. vornehm zu tun — es geht ihr zu sehr gegen die Natur! So seltliess! sic jenen In»chwichtige« Erguss: ..Im übrigen denken wir vo!: solchen Anpöheleien lediglich: Denn was von mir ein Esel spricht, das acht' icli nicht!" Wenn dieser wunderbare Gynmasiasteuvers. wie er es verdiente, einmal politische Maxiitie der Juden geworden sein wird, dann müssen doch zu allererst die Herren Antisemiten einpackeu! Eine antisemitische Geschichte Eine reizende antisemitische Geschichte, so schreibt die BRESLAUER ZEITUNG, kam am Mittwoch vor dem Kriegsgericht der d. sächsischen Division in Chemnitz ans Tageslicht. Der Eanrikant Illing und der Bankier Metzner. beides Landwehroffizicre. hatten sich wegen Herausforderung des konservativen Landtagsabgeordneten Ulrich in Chemnitz zum Zweikampi mit tödlichen Waffen zu verantworten. Den Grund zu dieser Kontrahage gab folgender Vorfall. Bei der diesjährigen Wahl von Beisitzern zum Kaufmannsgerichte in Chemnitz standen sich bei den Kaufleuten zwei Listen gegenüber. Die eine Liste enthielt nun — schrecklich, aber wahr — die Namen von zwei jüdischen Firmeninhaherri. Das durfte in dem andsemitischen Sachsen unter keinen Umständen geduldet werden, und so eriiessen am Wahltage zwei Unterzeichne! der anderen Liste, die Kaufleute Ulrich und Schubert, einen ״Aufruf" an die Wähler, indem sie die Wähler der Gegenliste ln beweglichen Worten baten, wenigstens die Namen der zwei Juden zu streichen und durch andere zu ersetzen, damit so verhindert werde, ״dass das israelitische Element u 1! - t c r den Beisitzern eine unangemessene Rolle spiel c.” Die Herren Illing und Metzner, die Mit- Unterzeichner der v״n Ulrich und Schubert empfohlenen Liste waren, fühlten sich durch diesen ..Aufruf* unangenehm berührt, und, um den Verdacht nicht aufkommen zu lassen, als ob sie mit dessen Inhalt einverstanden wären, wandten sie sielt ln einem Rundschreiben an die übrigen iMittmterzeichncr der Liste, von denen hierauf 2-1 ebenfalls den ״Aufruf" missbilligten. Ein Exemplar des Rundschreibens war nun auch Ulrich in die Hände geraten. Ulrich, der Stadtverordneter in Chemnitz und Mitglied der Konservativen Partei im sächsischen Landtage ist. schrieb mm au den Bankier Metzner einen Brief, in dem er schliesslich sagte: ״er wolle es dahingestellt sein lassen, ob es sich mit der Ehre eines de utscheu O f i i z i e r s vereinbare, w c n 11 dieser den Juden Unterstützung a n g e d e ili c!1 lass e.” Illing tmd Metzner, die Unterzeichner djvs Rundschreibens, die beide Laiidwchroftizierc sind, fühlten sich durch diesen Passus beleidigt Und forderten Ulrich auf, die Beleidigung zurückzunehmeu und sich zu entschuldigen. Da dies nicht geschah, schickten ihm beide Offiziere eine Pistolenforderung, die aber merkwürdigerweise von dem tapferen, um die Ehre des dcutsehen OlfiziersstanJes so besorgten Landtagsabgeordneteit rundweg ahgelchnt wurde. So kamen die beiden Hcrausförderer vor das Kriegsgericht und die schöne Geschichte an die Octientlichkeit. Beinahe wäre letzeres nicht der Fall gewesen, denn der Anklagevertreter hatte ״Ausschluss der Oetfentlichkeit" (!) beantragt, und nachdem dieser Antrag denn doch ahgelchnt worden war, verschweigt wenigstens die gesamte sächsische ,.Ord1umgs”presse schamhafter weise ihren Lesern den wahren Tatbestand, JÜDISCHE RUNDSCHAU j

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