Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Seite 2119־ JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 18 Juden in Turkestan Zwei Gruppen jüdischer Bevölkerung sind in Turkestan zu unterscheiden, die aus Persien stammenden huciiarisclien Juden und die russischen Juden. Die erstereu sind der Truditlon nach die Juden der Reiche Israel und Juda, die 721 durch Sargon bezvv. 597 durcti NcbukadufiZ&r in die Gefangenschaft geführt und in Persien und Medien angcsiedclt wurden. Aus Kaswin und Merw wanderten diese Juden nach Buchara vor etwa 150 bis 200 Jahren nach der Annahme Vamberys ein, während LansdelL ein englischer Missionar und Gelehrter, diese Abwanderung schon vor sechs bis sieben Jahrhunderten annimmt• Spätere Ansiediungen finden sich, abgesehen von den Ansiediungen in der Stadt .Buchara, in dem heute zu Russland gehörigen Samarkand und in einzelnen Teilen von Taschkent. Der bucharische Jude bewahrt einen unverfälscht hebräischen Typus der Glanzzeit des jüdischen Volkes und hat sich von jeder Vermischung ireigehaltcn. Besonders schön ist der Brauentypus. Die sämtlichen Reisenden haben die Schönheit der bucharischen Juden stets hervorgehoben. Die soziale und rechtliche Stellung der hucharischeu Juden in Buchara und China vor der Eroberung Samarkands durch die Russen war die denkbar traurigste und erinnert stark au die Stcllung. die die Juden in den mittehltcrlichcn europäischen Stiateil entnahmen. Da ihm der Erwerb von GrundbesiTz versagt ist. so muss er sein Haus von den Rechtgläubigen pachten, wozu er der Konzession des Emirs oder Chan bedarf: bis 15M» zahlten die Juden in Samarkand eine jährliche Kopfsteuer von 24—25 Mark, so dass nach Vamberys Schätzung der Judentribut etwa 16 000 Mark betrug. Bei l;inanznöte;1 des Emirs war die Judenhetze an der Tagesordnung. Auch weitgehende Erschwerungen durch höhere Abgaben auf cingeführte Waren, als sic der Muselman zahlt, hielten den buehumciien Juden unter furchtbarem Druck, der selbst die Ausübung seines Gottesdienstes geheim halten musste. In dem Judenviertel von Samarkand fand sich IsöS die Synagoge, umbaut von anderen Häusern; ein Bckanutwerdeu des Gottesdienstes hätte den Juden den Kopf gekostet. So ist 0s zu verstellen, dass die bucharischen Juden von unbegrenzter Dankbarkeit gegen die Russen als ihre Befreier erfüllt sind. Der Handel ist den bucharischen Juden durch die ihnen unterlegten hohen Einfuhrzolic erschwert, auch sind ihnen die Perser.und Sarten an Gewandtheit überlegen, und die Gläubigen kaufen nicht bei den Juden. Sie verlegen sich daher auf den AussenlandeJ nach Europa. Im Gegensatz, zu den Hindus in Buchara halten sich die bucharischen Juden von den Wuchergeschäften streng fern. Als Handwerk wird von ihnen besonders das Färben der Seide geübt, endlich auch in den Städten die Verpacb* tung von in ihrem Besitz befindlichen in europäischem Stil erbauten Häusern. Die Beschäftigung der russischen Juden in Buchara ist eine wesentlich andere; in ihren Händen liegt der (fiandei mit Branntwein. Bier. Tabak ün grossen und kleinen, als Handwerker üben sie das Schneider- und Schuhniacherhandwerk; daneben auch den Wucher. Durch rastrosen Fieiss haben es die hlicharischen J׳uden vielfach zu grossem Reichtum selbst unter den früheren drückenden Verhältnissen gebracht. Im Bildungswesen nimmt «Jer Unterricht im Hebräischen, die Bibellektüre eine hervorragende Stelle ein. Reform-Koscher Berlin W. — dort wo cs eigentlich Charlottenburg ist. Das Kreuz der Kaiser Wilhelni-Gedäclitniskirclie. die schon so oft der Schauplatz der Trauung eines .,feinen christlichen jungen Mannes aus guter jüdischer Familie“ gcwcseifTst, grüsst freundlich herüber. Ein Magen David ist nirgends zu erblicken. Die Synagoge liegt irgendwo versteckt im bayrischen Viertel. Kurzum, den Teutonen scheint keine Gefahr zu drohen. Und doch ist es vorhanden, dieses gefährliche, geldgierige Juda, das die ganze Welt beherrschen soll, und, ״Antisemiten Deutschlands, wahrt eure heiligsten Güter“, es hat Besitz ergriffen von einer christlich-germanischen Fleischerei. F.s ist keine^ Augentäuschung, keine Vorspiegelung meiner zionistischen Sinne. Dort im Hintergründe des grossen, cleganten Ladens voll appetitlichster Sachen, angefangcu von der gewaltigen Lende des Ochsen bis zum zierlichen Schcnkclcheii des zarten Schwcinchens, dort im Halbdunkel gastronomischer Träume starrt es mich an. das ominöse Wort :כשר Heil dir, Berlin, dass du den SouutagsgöUesdienst erfandst, heil dir. dreimal heil, dass du die staatsbürgerliche Parität auch ausdehnst auf Chascrfiissc und koschere Rinderstiiekc. Das Symbol des Fleischerladens, in dem Trercncs und Koscheres einträchtig zusammenliaust, wird künftig vorausteiicn. wenn es gilt, d e Gleichheit aller Konfessionen zu konstituieren. Was! Ihr finsteren jüdischen Zeloten! Ihr sagt, es sei nicht koscher, dieses köstliche Lendenstück, dessen eine Seite so freundschaftlich den Chascrkopf berührt. Es stört euch, dass die holde Maid, die soeben Schinken ahgeschnittcii hat. nun jener frommen Jüdin ein Stück saftigen, echt jüdischen Pökelbratcn serviert? Seht Ihr nicht. Ihr Blinden, dass hier vorbereitet wird jene grosse Zeit, wo sich die jüdische Mission erfüllt lialien wird? Ein Gott, eine Religon, ein koscheres Fleisch. Wer wird cs wagen, uns die staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu versagen, wenn wir darauf hinweisen, dass wir nicht mehr uns absondern lassen das tägliche Fleisch, dass, wie ein Gott uns alle erschaffen hat. so auch ein Raum unserer aller Nahrung beherbergt. Zetert nicht, Ihr Nörgler, kommt und reisst nieder alle trennenden Schranken. Es g In nicht mehr trefenes und koscheres Fleisch, sondern nur noch ״deutsches Fleisch jüdischen Glaubens״. Und sic glauben es wirklich, dass es koscher ist. Der Glauben ist so stark wie der. dass die Synagoge am Sonntag besuchter sein wird, als am Schabbcs. Und sie übersehen, diese Gläubigen, dass der Sonnabend doch viel geeigneter zum Gottesdienst ist als der Sonntag. Demi bald wird das Gotteshaus mit auswechselbarem Altar gebaut werden, das Samstag frommer jüdischer Gesänge voll sein wird und in dem am Sonntag christliche Choräle ertönen werden. E i 11 Dach besclieint schon das Fleisch, das wir essen, bald kommt die Zeit, wo e i 11 Dach den Raum, wo wir beten, hescheinen wird. Ein Portal mit dem Kreuz, das andere mit dem Mögen David. Der Anfang ist gemacht zur Verbrüderung. Bald werden wir Offiziere werden können im Garderegiment. L. F. P. Jüdische Arbeiterkolonie Der soeben erschienene dritte Jahresbericht des Vereins Jüdische A r b e i t c r k o 1 o 11 i e und Asyl gibt ein erireuliclies Bild der glücklichen Weitereiitwickclung des populären Instituts. Ausehiicssoud an eine Darstellung des Lebensganges Marcus Adlers, des am 10. September heimgeg.m־ genen ersten Vorsitzenden und immerwälnenden Ehrenniitgliedes des Vereins wird berichtetdass immnehr die Leitung in die Hände des bisherigen Stellvertreters. Hern Fabrikbesitzers Moritz Rosenow. übergegangen ist. Der zur Unter- Stützung des Vorstandes bestimmte, unter dem Vorsitze des Herr Oscar Tictz. Chefs der Firma Hermann Tietz, arbeiteride Wohlfahrtsausschuss ist durch die Herren; Ingenieur Ludwig Adler, Rentier M. Beer und Fabrikbesitzer Gustav M i c 11 a 1 s k i ergänzt worden. Auch hat sich ein Komitee von Ehrendamen unter dem Vorsitz der Frau Maurermeister Adler gebildet, die besonders aut dem Gebiete der Haus- Wirtschaft dem Unternehmen ihre Mitarbeit widmen wollen. — Von allgemeinen neuen Massregeln sind zu erwähnen: der Abschluss einer Haushaftpfliclitversicherung bei der .,Viktoria" und das erreichte Entgegenkommen des jüdischen Krankenhauses hinsichtlich der eventuellen Aujnahme erkrankter Kolonisten. Verschiedene grössere Zuwendungen sind dem Institute gcwährt worden. Zur Erhöhung der noch nicht ausreichenden Einnahmen wird im nächsten Jahre eine umfassende Propaganda zur Begründung von Jahrzeitstiftungcn unternommen werde 1. Bereits sind solche durch Zahlung von 100 Mark für verschiedene Personen begründet worden. Stark gehoben hat sich die Frequenz der Anstalt Während des verflossenen Jahres haben sich 490 Mann In der Anstalt aufgebalten; am I. Januar waren es 71. am 31. Dezember 90 Insassen. Seit Eröffnung der Anstalt bis zum Erscheinen des Berichtes haben mehr als 1000 Mann Aufnahme gefunden. Aus dem Arbcitserlös der Kolonisten hat die Anstalt im letzten Jahre 11 273,15 Mk. vereinnahmt, während weitere 7545.0-1 Mk. den Kolonisten selbst als Ucbersciiuss gutgeschrieben werden konnten. Die Unterbringung der ent• iassenen Kolonisten macht weniger Schwierigkeiten, als anfangs befürchtet wurde, manche haben sogar recht gut bezahlte Stellungen erlangt. lieber die gute körperliche Verpflegung, die den Kolonisten zu tc:l wird, wie auch über den günstigen Gesundheitszustand g.ot der Bericht des Airstaltsarztes Aufschluss. Auch die 1 nriiühungcn über die ein besonderer Bericht vorliegt, üben ei len günstigen Einfluss. Vor allem aber ist cs der Geist der Ordnung und Sauberkeit, wie auch der des harmlosen Frohsmns. mit dem viele Kolonisten zum ersten Male Bekanntschalt machen, der veredelnd wirkt. Es herrscht eine Kameradschaitliche Gesinnung, die zu den schönsten Taten der NächsteuUebc führt: So wurde ein Kamerad, der wegen einer Ordnungsstratc von 30 Mark, die er nicht bezahlen konnte. i*1 Haft genommen war. von den Arbeitscrsparnisscn seiner Brüder losgekauft und als er das Geld nach seiner Entlassung aus der Koloiue ziiriickscliickte. verzichteten die Spender auf den ihnen gebührenden Anteil zu Gunsten der harthedräugten Familie eines neu aufgenommenen Kolonisten aus Russland. Die Kolonisten verdienen so im vollen Masse die Sy ntpathie. die in weiten Kreisen dem Institut zuteil wird. Möge