Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 203 No. 18 _ . •.• _ L enthalten ist. alles aus seiner Natur notwendig folgt und er anders nicht handeln kann. kann. Auch die Tendenz Hess, die modernen Wissenschaften ins Judentum hineinzudeuten, ist nicht stichhaltig. Hess meint eben, dass das Judentum kein starres Dogma, sondern nur die fortschreitende Erkenntnis Gottes kennt, die mit der Entwicklung des Geistes der Menschheit Hand in Hand geht. Demnach wäre die typische Basis des־ Judentums die Einheitsichre, mit der sich die modernen Wissenschaften vereinigen lassen. Dies ist aber zu gekünstelt. Es heisst den Tatsachen Gewalt autun, wenn mau dies alles ins Judentum hinciubringeu will. Endlich erbringt Hess für die Jüdische Nationalität Argumente, die den Gegnern einen Angriffspunkt bieten können. So führt er z. B. zum Beweis dafür, dass die jüdische Rasse durch Mischehen unveruichtbar ist, folgenden Fall an: Bekanntlich ist bei Kreuzungen zwischen fudogermanen und Mongolen der mongolische Typus vorwiegend; der russische Adel, der nur wenig mongolisches Blut in sich aufgeuommeu hat, trägt doch noch heute den mongolischen Typus. Unter meinen Gesinnungsgenossen befindet sich ein russischer Adliger, der, wie alle echt russischen Bojaren, seine mongolische Anstannnung durch seine Gestalt, seine iudogennn.'ischc dagegen durch seinen freien Geis; verrät. Dieser Freund hat eine polnische Jüdin geheiratet und mit ihr viele Söhne bekommen, welche sämtlich einen auffallend jüdischen Typus haben. R. u. J. 4. Brief, S. 13. Der Gegner kann nun sagen, in der ersten Generation mag der jüdische Typus erhalten bleiben, die spätem Nachkommen dieser Jüdin dagegen werden nicht mehr uen jüdischen Typus haben. Mit einem Worte, mair darf nicht derartige Argumeutc für die jüdische Nationalität beibringen. Man muss zunächst stichhaltige Beweise dafür erbringen. Daun können wir sagen, wir dürfen Mischehen, die der jüdischen Nation schaden, nicht cingcheu. Alle diese und andere Ausstellungen, die man machen könnte, sind aber nicht imstande, die für den modernen Zionismus fundamentale Bedeutung dieses Mannes zu verringern. Leider muss auch heute noch gesagt werden, dass Hess erst eine Zukunft in der Gedankenwelt des Zionismus hat. Wohl ist sein Name schon wieder lebendig geworden — sein Geist noch nicht. Berichtigung, im Artikel ״Moses Hess" in Nr. 16/17 muss es auf Seite 178, Spalte 2. Zeile 13 von oben heissen ״philoso- Pinscher” (statt ״philosemitischcr”), auf Zeile 22 ״des nationalen Lebens" (statt ..des sozialen Lebens") und auf Seite 1S1, Spalte 2, Zeile iS von oben ״dessen letztes Ziel" (statt ״dessen Gesetzes Ziel"). Brief aus Rumänien Wir kommen beute auf die schon in unserem letzten Briefe erwähnte ״Sensation” Rumäniens zurück, auf das Drama ״Manasse". (Drama >11 4 Akten von Ronctt! Roman. Verlag H. Steinberg, Bukarest 1900. — ISO Seiten.) Ein Stück, das erst fünf Jahre nach seinem Erscheinen gewürdigt wird und seit mehreren Wochen fast ununterbrochen im Reperto'r des rumänischen Nationaltheaters in Bukarest figuriert. Es hat lange gedauert Ks sich ״Manassc“ den Einzug in dieses Musenheim erobert hat. und wir wüssten wir keinen ander״ Grund anzugehen, afs d‘e Tatsache, dass der Autor ein Jude ist und sein Werk ein jüdisches Motiv behandelt. Heute wird ..Manasse“ von den bedeutendsten Kritikern des Landes als das beste Oritrnaldrama bezeichnet, welches die rumänische Literatur überhaupt bes't/.t. Die Darstellung der c'nzelncii Charaktere ist eine vollkommene, die Bcschrcibung der Scelenkämpte eine überaus getreue, und das macht das Stück bedeutend. Die Beschreibung des betreffenden Miltcus;st eine vorzügliche, alle Figuren, die uns vorgeführt werden, sind naturgetreu geschildert die Sprache ist wunderbar, und auch die Technik des Dramas lässt hn allgemeinen nicht zu wünschen übrig. Mit der Lösung' des Konfliktes aber haben» wir weniger Grund, zufrieden zu sein, denn sie erscheint uns nicht als Konsequenz des Stückes, wie wir sie erwartet hätten. Der Schluss bringt nicht die Widerlegung der vom Hauothelden Manasse mit Recht vorgebrachten Einwändc. und von einem reinen Triumph der Liebe kann hier ebenfalls mcht die Rede sein. Ausserdem hätten wir nach einer so prachtvollen Schilderung der Hauptperson des Stückes und bei so kräftiger Betonung ihres jüdischen Standpunktes e;ne im jüdischen Sinne positivere Lösung des Problems erwartet Der vorliegende Schluss aber ist eine durch nichts gerechtfertigte Bestätigung des von der Gegenpartei vertretenen und durchaus nicht glänzend verteidigten assimilatorischen Standpunktes, sodass wir vom Stücke entschieden unbefriedigt bleiben. — nicM wieder fortging?" — Sie sali ihn starr an. ״Fragt jedes Kind auf der Strasse. Und fortgehen? — wollte Gott, er könnt’ es!” — ״Hat er Euch nichts von Brandes erzählt?•‘. — ״In Gottes Nanu:״, ja, dass er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut vorgeworfen hat. der Lump!־— Docli Gott verzeih* mir, er ist tot! Geht!“ fuhr sie heftig fort: ,.seid Ihr angekommen, um ehrliche Leute zu beschimpfen? Geht!” — Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging. — ״Friedrich, wie ist dir?” sagte die Mutter; ״hast du wohl gehört? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution!" ״Mutter, Mutter, um Gottes willen, las,י mich schlafen; ich kann nicht mehr!” In diesem Augenblicke trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang wie eine Hopfenslange, aber zerlumpt und scheu, wie wir ihn vor iüm Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich. ״Friedrich,“ stotterte er, ״du sollst sogleich zum Ohm kämmen; er hat Arbeit für dich; aber sogleich.” — Friedrich drehte sich gegen die Wand. — ״Ich komme nicht,” sagte er barsch, ״ich bin krank.” — ״Du musst aber kommen,” keuchte Johannes; ״er bat gesagt, ich müsste dich mitbringen.“ — Friedrich lachte höhnisch auf: ״Das will ich doch sehen!” — ״Lass ihn in Ruhe, er kann nicht,“ seufzte Margret, ״du sichst ja, wie*cs steht.“ — Sie ging auf einige Minuten hinaus; ah sie zurückkam, war Friedrich bereits angcklcidct. — ״Was füllt dir ein?” rief sie, ״du kannst, du sollst nicht gehen!” — ״Was sein muss, schickt sich wohl,” versetzte er und war schon zur Tiire hinan,י mit Johannes. ״ —־Ach Gott,” seufzte die Mutter, ״wenn die Kinder klein sind, treten sie uns in den Schoss, und wenn sie gross sind, ins Herz!“ Die gerichtliche Untersuchung hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag klar am Tage; über den Täter aber waren die Anzeigen so schwach, dass, obschon alle Umstände die Blaukittel dringend verdächtigten, man doch nicht mehr als Mutmassuiigcn wagen konnte. Eine Spur schien Licht gehen zu wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig darauf. Die Abwesenheit des Gutslierrn hatte den Gericlitssclireiber genötigt, auf eigene Hand die Sache cinzuleiten. Er sass am Tische; die Stube war gedrängt voll von Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung eigentlieber Zeugen einigen Atiffscbhiss zu erhalten hoffte. Hirten, die in derselben Nacht gehütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt, alle standen stramm und fest, : N H ׳•