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Jüdische Rundschau · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 202 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 18 Heerstrasse der europäischen Zivilisation gross und weit eröffnen. Wenn ein Volk in seinem Kindesalter aus seinem Vaterland vertrieben wird und die Kraft hat, ein;Märtyrertum von achtzehnhundcrt Jahren auszuhalten, ohne das Feuer des Patriotismus in seiner Brust erlöschen zu lassen, dann stehen wir vor einem unendlichen Geheimnis ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit.” Bei den Juden muss weit mehr als •bei andern Nationen die nationale Selbständigkeit den» politisch-sozialen Fortschritt vorangehen. Sollen sie gesunde und normale Arbeitsverhält־ nisse haben, so müssen sie vor allem einen gemeinsamen heimatlichen Boden haben. Der gesellige Mensch bedarf zu seinem Gedeihen eines weiten freien Bodens, sonst ernährt er sich nur von fremder Produktion. Das schmarotzerhafte Ausbeuten hat zwar in der ganzen Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine grosse Rolle gespielt. Während Industrie und Wissenschaft noch nicht entwickelt waren, konnte sich uninöglieh die ganze Nation von dem durch sie in Besitz genommenen Boden ernähren. Deshalb mussten die Völker einander bekämpfen und zu Sklaven machen, oder es entstanden in ihrer eigenen Mitte herrschende und dienende Klassen. Seit* dem aber die moderne Wissenschatt und Industrie aufgekommen sind, ist diese Ausbeutung dem Ende nahe. Die zivilisierten Völker sind bestrebt, gemeinsam die Natur anzubeuten mittelst der Errungenschaften der modernen Wissenschaften, welche keiner vermittelnden Schmarotzer mehr bedari. Dies geschieht durch Erkämpimig eines freien nationalen Bodens, durch die Vernichtung jeder Rassen* und Klassenherrschaft von aussen und von innen, durch eine freie Assoziation aller produktiven Kräfte, in welcher der Gegensatz von Kapitalistenspekulation und freier Arbeit nicht mehr existiert. Auch die Juden müssen gesunde Arbeitsvcrhältnisse haben. Im Exil aber kann davon keine Rede sein, weil die erste Bedingung, ein heimatlicher Boden, fehlt. Erst wenn wir einen eigenen Boden haben, wird sich die jüdische Volksmasse an der geschichtlichen modernen Bewegung der Menschheit beteiligen können. Dieses Ziel ist nicht unausführbar. Frankreich muss ein Interesse daran haben, die Strasse nach Indien und China durch Völker zu besetzen, die das Notwendige leisten können und dazu ist das jüdische Volk das geeignetste. Nicht durch Almosen und Wohltätigkeitsanstalteu, auch nicht durch theoretische Bildungsmittel allein kann den orientauschen Juden geholfen werden, sondern einzig und allein durch Erwerbung eines gemeinschaftlichen .heimatlichen Bo- ״Outen Tag, Frau Mergel,” sagte er; ״könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? ich kotnnvi von M ” — Als Frau Mergel das Verlangte brachte, fragte er: ״Wo ist ־ Friedrich?” Sie war gera'de beschäftigt, einen Teller hervorzulangen, und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen. ״Wisst Ihr wohl,” sagte er dann, ״dass die Blaukittcl in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben, wie meine Hand?” - ״Ei, du frommer Gott!” versetzte sie gleicbgiltig. — ״Die Scliandbuben ״ fuhr der Schreiber fort, ״ruinieren alles; wenn sie noch Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmehcn wie mein Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstangc drin steckt! Es ist, als ob ihnen anderer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie ihr Profit!” — ״Es ist schade!“ sagte Margret. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. ״Habt Ihr nichts von Brandes gehört?” fragte er plötzlich. — ״Nichts; er kommt niemals hier ins Haus.” — ״So wisst Ihr nicht, was ihm begegnet ist?" — ״Was denn?” fragte Margret gespannt. — ״Er ist tot!" — ״Tot!” rief sie, ״was tot? Um Gottes willen! er S‘n8 ja noch heute morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!” — ״Er ist tot," wiederdens, durch Erlangung gesetzlicher Zustände, durch Gründung von jüdischen Gesellschaften für Ackerbau, Industrie und Handel nach mosaischen, d. h. sozialistischen Grundsätzen. N״r durch dies alles Kann sich das jüdische Volk zum Patriotismus erheben. R. Hirsch Kaiiseher gelangt vom talmudisehen Standpunkt aus zum selben Resultate. Kolonisation ist ein notwendiges Bedürfnis des Lehens. In Ländern, wo der Lebenserwerb erschwert ist, findet eine Völkerwanderung statt unter dem Schutze des Gesetzes und es wird für die Arbeit ein ergiebigerer Boden gesucht. Der gesetzliche Schutz, die erste Bedingung zur jüdischen Ansieuhing in Palästina, ist noch zwar nicht erreicht. Allein es wird anders werden. Die Komnuinikationsnüttel. die sich über die ganze Erde ausdehnen, überwinden die geographische;! Entfernungen und infolgedessen schwinden die Gegensätze von oceidentaler Zivilisation und orientalischer Barbarei. Wenn , der Kanal von Suez hcrgestellt sein wird, ist cs im Interesse 1 (!cs Welthandels, Ansiedimigcn aut der Strasse nach Indien und j China zu gründen und zivilisierte und gesetzliche Zustände 1 in den!.ändern, die auf dieser Strasse liegen, hcrbeiziniihrcu. j Indem ich nun die Darstellungen der iiess'sehen Ansichten abschliesse, möchte ich noch einiges bemerken. : Erstens ist die Ideiniiiziening des Judentums, namentlich; der Messiasidee mit dem Spino/.ismiis anfechtbar. Demi eine י aduequate Erkenntnis im Spinozistischen Sinne ist überhaupt für [ uns umr.üglieh, Spinoza ist ei en der konsequenteste Yer- 1 trete-r des Nationalismus, nach welchem der menschliche Ver- I stand alles zu erkennen und zu ergründen vermag. Man kann ja Hess beipfliehtcu, dass die Geschichte nach bestimmten Gesetzen verläuft und dass sich der Messiasgedanke am Ende der Entwicklung verwirklichen werde, diese Gesetze können aber anderer Art sein, wie auch Hess an vielen Stellen solche andeutet. Dagegen kann man nicht sagen, dass sobald nach Spinoza die Menschheit mit der Erlangung der höchsten Gottcserkeni'tnis sittlich und heilig wird, dies das Gesetz des sozialen Lebens und dessen letztes Ziel bedeute; dies kann nicht zum Gesetz gestempelt werden. Hess spricht ferner an einer Stelle vom Willen Gottes, was nicht spinozistisch ist. Denn nach Spinoza darf nach dem Satze omnis determinatio negativ cst von Gott als dem uneudliehen und vollkommensten Wesen nichts ausgesagt werden. Gott kann schon auch deshalb nichts wollen, weil alles in ihm holte der Schreiber, sie scharf fixierend; ״von den Blaukittein erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebracht.“ Margret schlug die Hände zusammen. ״ -״Gott im Himmel, geh nicht mit ihm ins Gericht! er wusste nicht, was er tat!” — ״Mit ihm!” rief der Amtssehrcibcr, ״mit dem verfluchten Mörder, meint Ihr?" Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margret eilte hin und der Schreiber folgte ihr. Friedrich <sass aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt und ächzte wie ein Sterbender. — ״Friedrich, wie ist dir?” sagte die Mutter. — ״Wie ist dir?” wiederholte der Amtschreiber. ״ ־O mein Leib, mein Kopf!” jammerte er. — ״Was fehlt ihm?” — ״Ach Gott weiss cs,“ versetzte sic; ״er ist schon uni vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so iibcl war.” — ״Friedrich, Friedrich ,antworte doch, soll ich zum Doktor?" — ״Nein, nein,” ächzte er, ״cs ist nur Kolik, cs wird schon besser.” Er legte sich zurück; sein Gesicht zuckte krampt- Haft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe wieder. ״Geht,” sagte er matt; ״ich muss schlafen, daun geht's vorüber.” —־ ״Frau Mergel,” sagte der Amtschreiber ernst, ״ist es gewiss, dass Friedrich um vier zu Hause kam, und •YHISV .. ״ 4

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