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Jüdische Rundschau · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 18 Seite 201 JÜDISCHE RUNDSCHAU diese Einheit zur Wahrheit machen, indem es sic in seinen Institutionen verwirklicht. Es wird nun behauptet, die Emanzipation der Juden ‘sei nicht vereinbar mit der Jüdischen Nationalität; die Uebernahme von bürgerlichen Pflichten und Lasten genüge nicht. Der Jude müsse seine Rasse, seinen Stamm, seine geschichtlichen Erinnerungen verlangen, tun Bürger werden zu können. Dagegen ist einzuweuden, dass selbst, wenn die Juden schon ein Land hätten, Ja ihre Mitglieder, die sich in aiklern Ländern ansässig machen, gegen Uebernahme der bürgediehen Pflichten das ■Bürgerrecht beanspruchen dürften. Es genügt schon, dass man in einem Land geboren ist, um Bürger werden zu können. Die Reformatoren, die alles Nationale int Judentum veruichten wollen, betrügen andere und sich selbst, indem sie das Judentum nicht als Nationalität, sondern kosmopolitisch aufrossen und den Glauben erwecken wollen, sic gefährdeten dadurch den Fortbestand des Judentums nicht, während in Wahrheit das Judentum, der ganze Jüdische Kultus nichts anderes ist als eine Nationalität. Durch Taufe kann man sich dem Judentum nicht entziehen. Jeder Jude, auch der getaufte, mag er cs wollen oder rächt, ist solidarisch mit seiner Nation verbunden. Im ersten Rausche der Aufklünmgsbe$rebu!vcn glaubte man das jüdische Volk durch, »iumaiiitütsbe.strcbimgcu seinem Kultus entfremden zu können. Das ist aber missglückt. Die nivelliereuden Tendenzen liaben niemals die Jüdische Masse äugez• gen. Die einzige Lösung der Judenfragc ist die Erlangung ihrer Selbständigkeit im heiligen Lande. Manche behaupten nun, die Wiederherstellung des jüdischen Staates sei mit dem Opferkultus aufs engste verbunden und da würde man auf Schwierigkeiten stossen. Allein, sagt Mess, das ist für mich kein Bedenken. Die Liebe zu meinem Volke ist in mir spät erwacht, aber gerade deswegen ist sic mn so stärker. Ich hebe mein Volk mit allen seinen Vorzügen und Mängeln. Diese meine Liehe Ist weder philosophisch ' noch jüdischen Nationalität ausmachte, atmehnicn. Allein das ist ästhetisch, sondern blind. Eben die Fehler bilden einen Bestandtei! der Individualität und die liebe ich. Ich würde daher den Opferkultus, w c n n er einen wesentlichen Bestandteil der nicht der Falk In unserem Gcschichtskultus, der nur die Liebe zur Menschheit und die fortschreitende Erkenntnis Gottes kennt, kann der Opferkultus nichts Wesentliches sein. Wenn Steig glitt, mit den vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so geräuschlos, wie ein Luchs die Hülmcrstiege erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden immer mehr. Da blitzte cs noch einmal durchs Laub. Es war ein Stahlknöpf seines Jagdrocks; nun war er fort. Friedrichs Gesicht hatte wftlirend diesen allmählichen Verschwindens den Ausdruck seiner Kälte verloren und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute cs ihn vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige Schritte voran, blieb dann stehen. ״Es ist zu spät,“ sagte er vor sich hin und griff nach seinem Hute. Ein leises Picken im Gebüsche, nicht zwanzig Schritte von ihm. Es war der Förster, der den Flintcnstein schärfte. Friedrich horchte. .,Nein!“ sagte er dann mit entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die Schlucht entlang. Am Mittag sass Frau Margret am Herd und kochte Tee. - Friedrich war krank heimgekommen er klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich schwer geärgert über den Förster, kurz den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Aufnahme einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, das nationale Leben erloschen ist, werden die religiösen Tormen, die der Geist geschaffen hat, erstarrt; hingegen, wen« unser Volk zum nationalen Leben erwacht sein wird, wird es dieselben fortbildcu und neu beleben. Ucbrigcns war der Opfcrkultus ein grosser humanitärer Fortschritt im Vergleich mit dem Menschenopferkultus der Heiden; oiienbar war ipiscr Ticropferkultus eine Konzession dem Volke gegenüber, um Menschenopfer zu vermeiden. Der Opfcrkultus hat noch einen wohltätigen Zweck gehabt, indem unbemittelte z. B. am Passahopfer• tcilnalimcn. Auch wurde durch ihn das’ Band der jiidisehen Nation icster durch die Vorschrift, die Opfer nur im Tempel der Hauptstadt darzubringen. Die Propheten haben niemals den Opferkultus für etwas Wesentliches angesehen wie unsere heutigen Orthodoxen, die von ihm die Wiederherstellung unserer Nationalität abhängig machen. Schon R. Jochanan heu Sakki erklärte, dass die Opfer durch Mildtätigkeit ersetzt werden könnten. Die Frage des Opferkultus muss offengdassen werden. Unser Bestreben muss zunächst darauf gerichtet sein, die Hoffnungen auf unsere politische Selbständigkeit zu erhalten und zu erwecken. Der Anfang wird wohl in der Gründung jüdischer Kolonien in Pasästina bestehen. (Hess hat richtig vorausgesellen.) Frankreich ist es. welches unser Volk in das Geleise der Weltgeschichte hebt, wie es ja auch die Erlösung Italiens und Griechenlands vollzogen l at. Im Orient wird alles geebnet, der Weg der Kultur wird gebahnt durch Kanalarbeiten am Isthmus von Suez und durch Eisenbahnen, welche Asieu und Europa verbinden. Ist dies alles nicht eine Verwirklicht!:!:: der Prophczeihung Jesus? Ein Franzose hat in einer Broschüre nicht aus religiösen, wohl aber aus humanen und politischen Gründen unser Volk aufgefordert, seinen alten Staat wieder herzustellen. Die Schrift ist betitelt: ״Die neue orientalische Frage." Diese Schrift ist um so interessanter, als der Verfasser Christ ist und den modernen Zionismus vorwegnimm?. Nachdem der Verfasser die reichen Juden getadelt, dass sie nicht die Hand an die Loskaufung Palästinas legen und die Erklärung der Frankfurter Juden angeführt, die tautet: ״Wir erkennen äts unser Vaterland nur dasjenige Land, in welchem wir gehöre« sind, mit welchem wir durch bürgerliche Beziehungen verbunden sind,” sagt er wörtlich: ״Die europäische Industrie muss ihren Markt jeden Tag mehr ausdehnen. Wir habe« keine Zeit zu verlieren. Der Augenblick ist gekommen, die alten Völker wieder ins Leben zu rufen, damit sic überall die für sieh zu behalten. Margret sali* schweigend und trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören, aber heute kam er ihr so angegriffen vor wie fast nfe. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge sein? sie seufzte tief und Hess einen eben ergriffenen Holzblock fallen. ״Mutter!“ rief Friedrich aus der Kammer. — ״Was willst du?“ — ״War das nicht ein Schuss?“ — ״Ach nein, icli weiss nicht, was du meinst.“ — ״Es pocht mir wohl nur so im Kopfe,“ versetzte er. Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgend eine unbedeutende Klatscherei, die Margret ohne Teilnahme arihörtc. Dann ging sie. — ״Mutter!“ rief Friedrich. ״Margret ging zu ihm hinein. ״Was erzählte die Hiilsmeyer?“ — ״Ach gar nichts, Lügen, Wind!“ — Friedrich richtete sich auf. — ״Von der Gretchen Siemers; du weisst ja wohl die alte Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran.“ — Friedrich legte sich wieder hin. ״Ich will sehen, ob ich schlafen kann,“ sagte er. Margret sass am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf; die Tyr• klinkte und der Gerichtsschreiber Kapp trat herein. —

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