Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 200 1 Ü DISCHh RUNPSCHAU Sophie schöpferisch ist, Frarkrech arbeitet an der politischsozialen Umgestaltung, und England becch!eu1׳!gt den fortschritt in industrieller Berich::::?• ־ ' Das Gesetz Gottes in der Geschichte, von welchem Hess spricht, ist nach dem Pargelcgten so zu verstehen: soba.l nach Spinoza am Hude der Entwickelung die Menschheit heil!? im Sinne der Propheten werden muss, so bedeutet dies das göttliche Gesetz in der Geschichte, nach welchem «desclbe diesen bestimmten Verlaui nehmen muss; denn das Verlangen •nach Erkenntnis, d. h. nach klaren Ideen, ist im Wesen des Menschen begründet. Dem Judentum droht nicht seitens der Wissenschaft, soudem seitens der Reform Gefahr. l>ic Reform pflegt nicht eine auf der Höhe der modernen Wissenschaft stehende jüdische!,ehre, sie fördert lediglich de einer fremden Konfession entnomrnene tote Religionsform, d!e kenten Boden im Judentum hat. Sic will ein neues Christentum schaffen. Der christliche Reformator Luther wollte keineswegs die historische Basis eines Kultus reformieren, welche nicht durch eine neue ersetzt werden kann. Unsere Reformatoren aber wollen diese Basis reformieren, infolgedessen haben sie einzig und allein den Unglauben an die nationale Grundlage des Judentu ms erzeugt, was den Indifiercntisnuss und den Abfall zur Holge hatte. Wäre das Judentum nur dogmatische Religion und keine Nationalität, so müsste es sic'1 tatsächlich infolge der Amklärung auüöseti. Die Reform kann nicht als freie Richtung bezeichnet werden, da sie nicht an das Alte anknüpft. sondern an ihm herum- flickt, daher kann sie nichts Positives und Neues schaffen. Dem neu Geschaffenen muss immer etwas zu Grunde liegen. Aus nichts wird aber nichts. Die Verwerfung der mündlichen Lehre des Talmuds, die eine fortwährende Entwicklung des Gesetzes von Mund zu Mund darstellt, als ״menschliche Satzung” und das Bestehenlassen des schriftlichen Gesetzes als göttliches Gebot, wie es durch die Reformatoren geschieht, ist durchaus unhistorisch. Vieles spricht dafür, dass bis zum babylonischen Exil, oder richtiger bis zur Restauration des jüdischen Staates durch die 'Soferim <Jic schriftliche und mündliche Lehre noch nicht in der heutigen Torrn von einander getrennt waren. Bis dahin gab cs weder eine ausschliesslich mündliche noch eine ausschliesslich schriftliche Lehre. Die jüdische Gesetzgebung hatte zwei Epochen: die Zeit nach der Erlösung aus der ügyptischen Knechtschaft und jene nach der Befreiung aus der Die Judenbuche Ein Sittengemälde aus dem gebirgigfen Westfalen von Annette Freiin von Droste-Hulsboff. [4 Als einer nach dem andern im Dickicht vorschwunden war, trat Brandes dicht vor den Knaben: ״Friedrich,“ sagte er mit dem Ton unterdrückter Wut, ״meine Geduld ist zu Ende; ich möchte dich prügeln wie einen Hund, und mehr seid ihr auch nicht wert. 111 r Lumpenpack, dem kein Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Betteln habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner Tür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte Brotrinde bekommen. Aber vorher sollt ihr mir noch beide ins Htmdeloch.“ Friedrich griff krampfhaft nach einem Aste. Er war totenbleich und seine Augen schienen wie Kristallkugein aus dem Kopfe schiessen 7״ uopc״> Doch!mr einen Augenblick. Dann kehrte die grösste, an Erschlaffung grenzende Kulte zurück. ״Herr,“ sagte er fest, mit fast sanitcr Stimme, ״Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten könnt, und ich vielleicht auch. Wir wollen cs gegeneinander aufgehen lassen, und nun will ich Euch sagen ,was Ihr verlangt. Wenn Ihr die Holzfäller nicht seihst bestellt habt, No.!8 | babylonischen. Die Reformatoren, welche keine Ahnung I .s1h.ii; vom schöpferischen Genius des jüdischen Volkes, verkennen die Bedeutung der gesetzgebenden zweiten Epoche. Die Trmra ist uns in der Gestalt, wie wir sie heute besitzen, direkt aus der zweiten überkommen. Um dieselbe Zeit Italien dieselben Männer aus demselben Geiste die schriftliche als auch die mündliche Lehre gesammelt und sondiert. Seit der Restauration wurde die lebendige Fortentwicklung des Gesetzes v<>» Mund zu Mund als ein heiligeres Werk angesehen als das Stehenbleibeu beim Geschriebenen. Der Grund ist folge: der: Wenn man sich mit der l'ortbilduug des Gesetzes nicht beschältigt hätte, würde das nationale gesetzgebende Genie verschw unden sein. Auf diese Beschäftigung ist die nati •aale Wiedergeburt des Judentums nach der babylonischen Verbantumg z.urückzuführcn. Diese Beschäftigung hat später u\serc heroischen Kämpfer gegen die Griechen und Römer erzeugt. Sie ist endlich die Ursache des Hortbestandes des Jude!.:ums bis auf den heutigen Tag. Die Reformatoren erkennen nicht die hohe nationale Bedeutung der vielen juristischen und sonstigen Vorschrifte:. des Talmuds, wie sie überhaupt keine Ahnung haben vom Wesen des jüdischen nationalen Gescliichtskultiis. Alle I'ieuden- und Traucrfcste. der ganze jüdische Kultus und seiii grosser Hinfloss auf das häusliche Leben der Juden, sie ha! en ihre Begrfmuung im Patriotismus des jüdischen Volkes. Unsere jüdische» Rationalisten, die keinen Grund für ihr Festhalten am Judentum haben, erteilen den Juden einen 1־ erkwürdigen Beruf. Erstens wäre ihre Mission die Verbreitung des reinen Theismus. Sodann sollen sie den intuleuntcn Christen Toleranz, lehren. Ferner hätte das Judentum irr. Exil die Einheit von Lehre und Handlung geltend zu macht־, ja man meint sogar, die jüdische Rasse müsse die indogernianische verbessern. Allein dies alles könnte das Judentum auch dann besorgen, wenn der jüdische Staat Wiederhergestell: ist. Denn ebenso wie nach der Rückkehr aus der babylonischen Verbannung nicht sämtliche Juden nach Palästina gingen, sondem viele trotz der Wiederherstellung des jüdischen Staates in den Ländern zurückblieben, in welchen sie zur Zeit der Zer- Streuung weilten, ebenso wird es bei der nächsten Restauration des jüdischen Volkes sein. Was das Geltendmacher, de! Einheit von Lehre und Leben anbetrifft, so ist erst recht kein Grund für das Verbleiben der Juden im Exil. Denn nur ein Volk, das einen Staat hat, kann so müssen es die Blaukittel sein; denn aus dem Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier Wagen sind es. Ich habe sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinam'iahren hören.“ Er stockte einen Augenblick. — ״Könnt Ihr sagen, dass ich je einen Baum in Eurem Revier gefällt habe? überhaupt, dass ich je anderwärts gehauen habe als auf Bestellung? Denkt nach, ob Ihr das sagen könnt?" Ein verlegenes Murmeln war die ganze Antwort des Försters, der nach Art der meisten rauhen Menschen leicht bereute. Er wandte sich unwirsch und schritt dem Gebüsche zu. — ,.Nein, Herr,“ rief Friedrich, ״wenn Ihr zu den anderen Förstern wollt, die sind dort an der Boche hiiiatifgegangen.“ — ״An der Buche?“ sagte Brandes zweifelhaft, ״nein, dort hinüber, nach dem Mastergrur.de." — ״Ich ׳sage Euch, an der Buche; des langen Heinrich Flintenrietnen blich noch am krummen Ast dort hängen; ich hab’s ja gesehen!“ Der Förster schlug den bczeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine Stelhing nicht verlassen; halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem Fortgehenden 1111־ verrückt nach, wie er durch den halbvcrwachseneM i I! t ז «■ «■t»׳■urini# ׳ p^*׳ üh«|! י׳ i *