Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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- Baku 1× ep/1000527
- Odesa 1× ep/1000834
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No. 16/17 nicht; streiken. . . . Wer weiter über Vorbereitung von Exzessen reden wird, wird sich strenger Strafe aussetzen.“ Diese Satze reden eine deutliche Soraclie. Sie bedeuten, dass die Behörden diejenigen, die die Massakres vorbcrciten nicht stören wollen. Mit bemerkenswerter Übereinstimmung wurde nun den verschiedensten Leuten und an den verschiedcnstcn Orten, wie ich schon hervorgehoben habe, immer wieder gesagt, zu Ostern werde man in Russland versuchen, das alte System durch die Ent.esselmig des weissen Schreckens zu retten. Das Judengcmetzel von Kischiucw. das Armenier* gcmctzel von Baku werde in verstärkter Auflage wiederkehren und zugleich auf Bolen. Deutsche., gebildete Russen 11G Einen ausgedehnt werden." Trotz dieser ofienen. von der Regierung unterstützte! Hetze, die morgen schon ihre blutigen Früchte tragen kann, und die tatsächlich wie die Dinge jetzt 1.:egen, auch den Deutschen leicht geaalt rieh werden kann. ü׳e in Russland he karmtlich gar nicht sehr beliebt sind. - - trotzdem lebt .!:’es in schönster Eintracht mit den! .,befreundeten Nachbat laude“ und die deutsche'Regierung setzt ihre Ehre darein, einem Btrbarcnlande Helfersdienste zu leisten, und Juden, Juden gebt!! diesem Lande das (kld zur Inszenierung der Schlächtereien, von denen wir wohl bald wieder weiteres werden zu melden haccn. Jüdische Massenauswanderung Die TÄGLICHE RUNDSCHAU bringt folgendes russische Stimmungsbild aus Petersburg: Die Versprechungen, welche Abgesandten der jüdischen Gemeinden In Petersburg gemacht worden sind, beziehen sich höchstens auf eine Erweiterung des Aukntiiaitsrayor.s. An eine Aufhebung der Judcugesetze und völlige Gleichstellung ml: den andern Nationalitäten Ist gar nicht zu denken. Das sieht man wohl Jetzt in allen jüdischen Kr eben Russlands ein. und man is; noch zu einer zweiten Er* kei'iunis gekommen. Sei: Ausbruch dus Krieges wissen die Juden, dass die Erweiterung ihrer Rechte durch die Regierung ihnen auch nicht helfen kann. Das Volk ist ihnen tutieindlich gesamt und wo es ans Plündern gellt durch Arbeiter, Reservisten oder Bauern — überall ist der Jude das erste Opfer. Die Unsicherheit des Besitzes und Lebens ist nie sogross gewesen wie jetzt. In Stadt und Land muss der Jude täglich für Hab und Lebert in Furcht schweben. Es ist nicht die geringste Aussicht vorhanden, dass hier ein Wandel c'ntritt. Ja. bei Fortsetzung des Krieges ist eine Verschlechterung der Lage unausbleiblich. Unter solchen Verhältnissen Ist der Plan einer Massenauswanderung begreiflich, und er gilt den meisten als das einzige Mittel der Rettung. Die Juden, welche Geschäfte haben oder Grundeigentum besitzen, suchen zu verkaufen. Allein in Odessa haben sich 5000 Juden ihre Auswanderungspapiere besorgt, und in anderen Industrieorten ist es ebenso. Die Mehrzahl wijt nach Amerika gehen, namentlich die weniger Bemittelten, obschon ihre bereits dorthin ausge wände r teil Glaubensgenossen die jammervollsten Briefe über das Elend, das auch dort herrscht, geschrieben haben. Verschiedene grosse jüdische Gesellschaften, die seit gebildet haben, unterstützen die Besitzlosen. Der Weg der Auswanderer nach Amerika gellt über Rumänien. In Gruppen von je hundert werden sie reisen und die erste derartige Gruppe wird <in Rumänien schon in diesen Tagen mit dem Dampfer ein treffen, der die Fahrten Odessa—Galatz macht. D׳c wohl* habenden Juden werden wohl zumeist in Europa ble.be,t. Fiir die russische Regierung ist die Auswanderung die beste Lösung der Judenfrage. wenn s'e auch Jahre in Anspruch nimmt. -־ Der letzte Satz ist nicht so zweifellos richtig, wie das Blau meint, aber die Schilderung ist leider unanfechtbar. Das Nachtasyl und die A. ü. A. Die JÜDISCHE PRESSE schreibt: Ju der letzten Sitzung der Anglo-Jewish Association verlas der Sekretär. Herr Duparc, ein Schreiben des Herrn David Wolfsohn - Köln, in welchem mitgetdlt wird, dass das zionistische Aktions-Komitee ein aus den Herren L. Greenborg- London, Dr. Alexander Mar tu o r c k ־ Paris und ihm selbst bestehendes Subkonmee mit dem Auftrag eingesetzt hat. mit den grösseren jüdischen Wohltätigkeits-Gesellschaften sowie einzelnen einflussreichen' Privatpersonen in Verbindung zu treten, um das zionistische (?) 17g and a - P r oje k t zu verwirklichen. Die zur Erforschung des von oer ©,’״Eschen Regierung den Juden offerierten Gebietes entsendete Kommissiott so׳ von der Expedition zuriiekgekehrt, und ihr Bericht werde im Laufe des Monats April veröffentlicht werden. ״Die englische Regierung erhält von anderer Seite in Bezug auf diese für Zionisten reservierte Kolonie fortwährend anderweitige Anerbietungen und drängt uns. sobald als möglich ihr unsere endgilti*?: Entscheidung mitzuteilcn. vest’i’b aTe Erledigung dieser Sache einige Eile hat. Da die Aussführung die- Seite 191 scs Projekts einerseits mit dem Zionismus nichts zu schaffen hat. andererseits aber das zionistische Aktions-Komitee sich nicht für berechtigt hält, die günstige Gelegenheit zur Errichtung einer neuen jüdischen Kolonie unbenutzt vorübergehen zu lassen, so wenden wir uns unter anderem auch au Ihre Korporation, welche für aic verfolgten Juden stets ein warmes Interesse bekundet hat, um zu erfahren, ob und inwiefern Sic an der Verwirklichung dieses Planes tciinchnicn wollen. Wir beabsichtigen nämlich eine Konferenz der verschiedenen jiidisehen Körperschaften, sowie einzelner jüdischer Persöullchkeikn. cinzubetufen. Selbstredend verpflichtet die Teilnahme an dieser Konferenz die einzelnen Teilnehmer noch zu gar nichts. Wir l itten Sic daher, uns möglichst bald wissen zu lassen, ob Sic s:ch an dieser Konferenz beteiligen wollen." ln der sich anschliessenden Diskussion erinnerte der Vorsitzende. Herr Chude Moutefiore. an den s. Zt. veröffentlichten Brief־ Wechsel zwischen Dr. Herzl ur.J der Jewish Cnlomsation Assocation. Die letztere halte noJi jetzt au ihrem damals bckündeten Standpunst fest, und werde sich ganz, bestimmt weigern. _an der Konferenz teilzunehmen. so lange die Forderung der Autonomie von den Zionisten aufrecht erhalten wird. Redner bittet die Gesellschalt, den gleichen Standpunkt wie die J. C. A. ciu/uuchmcu. Nach längerer Penatte wurde beschlossen, die Konferenz unter der Bedingung zu beschicken, dass von derselben aui die Autonomie der zukünftigen jüdischen Kolonie in 1'gan.e verzichtet werde. 111 der letzten Sitzung des־ Unter Hauses richtete Mr. Wason an den Minister uer Koiomec״ Ci•. .Anträge, ob die englische Regierung die K o s! e!1 der zionistisch e n U g a!1 d a - E \ p e d i t i o n best 1 itteu habe, ferner, cb sie die von dieser Kommission empfohlene Expedition zur Paziiizierung des Xandy-Stamtnes auszurüsten gedenke, und wer die Kosten dieser Expedition tragen solle. Der Minister erwiderte, weder zu wisset!, wer die Kosten der Expedition getrage!! 11aIne. noch irgend welche Vorschläge der Kommission zu kennen.” Wir begreifen nicht recht, warum man siel! da noch über die ..Autonomie" so aufgeregt hat. nach dem doch erst ganz kürzlich Nord au erklärt hat. was andere schon früher behaupteteu. dass es damit nichts sei. dass eine einfache lokale Selbstverwaltung angebotet׳ sei wie sie bei einer englischen Sicdelung selbstverständlich ist. Arische Intelligenz Carl Busse schreibt in einer literarischen Abhandlung über über Theodor Fontanes Nachlass, in! Aprilheft der DEUT- SCH EN MONATSSCHRIFT: Ich bin wohl vor dem Verdacht philosemitischer und parteilich-freisinniger Neigungen geschützt, aber wenn immer geklagt wird, dass die Juden auch unser gesamtes geistiges Leben beherrschten, was in aller Welt ist denn der Grund davon? Weshalb vertrauen sich die deutschen Intellektuellen, wie die KREUZZEiTUNG so oft höhnt, der Führung des Judentmtis an. oder anders ausgedrückt: weshalb wenden sie sich mit dem. was sie zu sagen haben, so oft gerade an die VOSSISCHE ZEITUNG oder das BERLINER TAGEBLATT? Doch nur weil im Grunde den konservativen Blättern, besondcis uen von spezifisch prcussischem Gepräge, jeder Domäncnpächter wichtiger ist als die Gesamtheit der deutschen Dichter, weil nirge.\ds eine grössere Gleichgiltigkeit gegen künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen herrscht als hier. Wo fände auch ein konservativ gerichteter Poet an der konservativen Presse je eine Stütze? Wer liest denn unsere Bücher, wer geht in die Kunstausstellungen, wer füllt die Theater? Juden. Aber nicht oder nicht nur weil sic Geld habe;!, sondern weil sie von Natur aus einen ungeheuren Re״ spekt vor jeder geistigen und schöpferischen Kran besitzen, der dem Prcsisscntum fehlt. Wie ein besserer Schuhputzer ist Fontaue als konservativer Journalist .behandelt worden, bis er genug hatte, bis er sich empörte, bis er bitter erkannte, dass die vielbekämpften ..Juden und Industriellen“ Talente höher achteten und ölter Rücksicht übten, als seine frommen politischen Gesinuungsverwaiidten. Und die Tolge? Er. der Konservative, den Liberalismus verspottende, die fett: Bourgeoisie hassende Mensch, ging als Theaterreiereut zur VOSS1SCHEN ZEITUNG über, wo er geschätzt und verehrt ward. Der Vorgang ist durchaus typisch, und wer es b'sher noch nicht wusste, mag sich nun auch leicht erklären, weshalb unsere konservativen Zeitungen durchweg far. um s:> viel schlechter redigiert sind, als die grossen freisinnige1־ Blätter. Auf zwanzig literarisch-journalistische Talente Cer linksstehenden Preise kommt noch nicht eins in der rechtsstehenden. In einem Brief aus dem Jahre ISSd beklagte Fontan: sehr, dass so gar nichts geschieht, die konservativ: Partei geistig standesgemäss zu vertreten. Die Klage gilt noch heute, und cs ist höchst naiv, sich zu wundern, dass die deutsche Intelligenz, unabhängig von ihrer politischen JÜDISCHE RUNDSCHAU