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Jüdische Rundschau · 1905-04-19 · Heft 16-17 (19.4.1905) · page 18

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 16-17 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 190 JÜDISCHE RUNDSCHAU ______ No. WM zung von Encalyptus-Büumen Herr zu werden. Nach chgehender Betrachtung der voraussichtlichen industriellen landwirtschalfliehen Entwicklung Palästinas wies der Redner in markigeu Worten darauf hin, dass es Pflicht aller Juden sei. sich aa der Erschliessung Palästinas in zionistischem Sinne zu betei־. litten. Darauf folgte der Vortrag des Herrn Dr. Franz Oppenheimer - Berlin. Der Referent führte aus. dass es sich darum handle, einerseits in dem neuen Gemeinwesen die Entstqhuug sozialer Missständc su verhüten, wie sic in den zivilisiertm Ländern hauptsächlich durch die Existenz von privatem Orossgruiidbesitz bedingt seien anderseits die Ueberiührung einer zum grossen Teil physisch degenerierten Meischeumasse zum Ackerbau durch Untei Stützung der Schwachen zu erleichtern. Dazu sei die landwirtschaftliche Produktivgcnosseirschaft am besten geeignet. Der Hinweis au! das Misslingeti derartiger Unternehmungen in England sei nicht gerechtfertigt, weil es sich in diesen Fällen nicht um reine Genosscttschaften gehandelt habe, sondern tun Unternehmungen, die von Aktiengesellschaften geleitet waren, mithin einen mehr feudalistischen Charakter hatten. Gänzlich verfehlt sei der Vergleich mit industriellen Produktivgeuossenscliaftcn, die von ganz anderen Bedingungen abhängig wäre:;. Auf genossenschädlicher Grundlage und nur in P a 15 s t i n a sei der zionistische Gedanke realisierbar. Zum Schluss machte der Redner die interessante Mitteilung, dass sich in Berlin auf seine Veranlassung ein Konsortium gebildet habe, das wahrschcinlich auf einem Terrain in der Näne Hamburgs einen Versuch mit einer landwirtschaftlichen Prodtiktiygcimssenschnft machen werde. Beiden Rednern wurde für ihre von wissenschaftlichem Geiste getragenen Vorträge lebhafter Beifall zu teil. Hamburg. In der Zionistischen Ortsgruppe von Hamburg- Altona sprach Dr. H a l p c r n ־ München über ״Konzentration oder Dezentralisation der jüdischen Volksmasscn". Durch die bekannten Ereignisse im Osten sei die Frage der örtlichen Vortc-iiuug der Auswanderer eine brennende geworden. In!nassgebenden Kreisen ständen sich die Meinungen über den Wort der Konzentration resp. Dezentralisation schroff gegenüber. Redner sei nach eingehender Prüfung für die Konzentraticn der jüdischen Auswanderer aut einen Punkt, wenn sic auch grosse Mittel erfordere. Die Grundlage aller Konzentration sei der Ackerbau und die Verwertung der Bodenschätze. Die jüdischen Auswanderer müssen auf diesen Beruf vorbereitet werden, die Liebe zu dem Besitz von Grund und Boden müsse ihnen eingeflösst werden. Wenn auch bei der heutigen Massenaus- Wanderung fast nur Dezentralisation erfolge, so müssten doch Mittel und Wege gefunden werden, um itn Interesse der Erhaltung ues jüdischen Volkstums d;e Konzentration möglich zu machen. Kaiserslautern. Im Anschluss an die Notiz in Nr. M der RUNDSCHAU, betr. zionistische Vorträge in jüdischen Literatur-Vcreincn sei hier erwähnt, dass im verflossenen Jahre auch im h'esigen Literaturverein einige solcher Vorträge gehalten wurden. Zunächst h;elt Heri Dr. Friede mann seinen Palästina-Vortrag, der hier zum ersten Ma! mit Lichtbildern verbunden war. Sodann sprach Herr D r. D r c y f u s s, Vorritzender des Vereins: ״Was will der Zionsmus?’• Dieser Vortrag fasste hier zum ersten Mal vor einem grösseren Publikum unser Thema direkt an und gab Anlass zu wocltenlangen Diskus.sioncn in der jüdischen Bevölkerung. Ferner wurden noch in zaristischem Sinne Vorträge gehalten von Frau Dr. Moses-Mannheim (..Rezitation jüdische: Volkslieder“), worüber jüngst an dieser Stelle berichtet wurde, von Herrn Julius S i m o u - M a n n h c i m (Rezitationen aas Bbel, Rosenfeld und Münchhausen) und von Herrn D r. Zirker-Berlin (,.Die jüdisch-nationale Turnbcwegimg“). .. — Rundschau — Aus Russland Wie es um die Lage der Juden in Russland in Wirk lichke't bestellt ist. das lehrt manchmal besser als spaltenhng Abhandlungen ein kleines Bildchen aus dem Lebe!•. Ein solche« das nur den Typus von hunderten von ähnlichen Vorkonuh n-ssen gibt, sei hier einmal skizziert: In Petersbur lebte vor etwa 9.Jahren eine Jüdin Sprinza Winter bei ihre! Vater, einem Klcinkramhändler, der als alter Nikolait scher Sol 5״l,das besaj*• i.ibera״ lm *anzen Reiche wohnen z dürfen. Die junge Sprmza verliebte sich in ihren Vette Mordcha Winter, der als Gefreiter bei dem Alexandcr-Ncwski Gardebataillon stand, und heiratete ihn nach Ailauf seine Dienstzeit. Da Mordcha Winter nicht das Wohnrecht im ganzen 'russischen Reiche besass und sie durch ihre Heirat auch ihr bisheriges allgemeines Wohnrecht verloren hatte, so siedelte das lungc Paar nach dem jüdischen Ansiedelungsrayon über, und zwar nach dcu! Gouvernement Pctrikau. Weichselgebiet. Jetzt nach acht Jahren wurde Mordcha Winter e::1berufen, um natürlich .,ausserhalb“ des jüdischen Ansiedelungs-־ rayons auf den Schlachtfeldern der Mandschurei fiir das ..V »- terlaud" zu kümpien. Seine Frau reiste mit ihre״ vier kleinen Kindern nach Pctersbmg zu ihrem alten Vater 1ms dort während der Kriegszeit zu verbleiben. Die Polizei wollte sie sofort, als Petersburg nicht wobnbereJitigt, nusweisen. und voiläufig rettete sie davor nur der eine Umstand, diss sic unrnlttci.nr nach ihrem Eintreffen in der Residenz einem iitnftcii Kinde ,Jas Leben gab. Daraufhin bewilligte ihr der StaiUhauptmann sechs Wochen ״Schonzeit". Ein Reciitsanw 11t hat s;ch jetzt der armen Frau angenommen und an den Minister des Innern eine Petition gerichtet, dass ihr der diueruJ: Aufenthalt in der Residenz gestattet werde*. Für die Ablelmung dieser Petition möchten wir uns heute schon verhörgen. Hat man doch in ähnlichen Fällen in Kiew Frauen nachts aus dem Bett geholt, um sic aus ihrer Vaterstidt zu weisen, in der sie durch ihre — mm im Kriege kämpfenden Männer kein Wohnrecht mehr hatten! Im B. T. nerichtet ein Korrespondent: ,.Aer/te. Rechtsanwälte. Kauflüste. Professoren, Studenten, gleichgiltig. (׳:׳< Jude!׳, oder Christen, erzählte.: mir. d.os ganz systematisch die ungebildeten und mhen Massen zu Massakre.« gegen die sogenannten ״Fcijide des Zttteti und des Vaterlandes” aufgcstache't werden. Man zweifelt auch nicht daran, dass, in kürzester Zeit luci oder dort diese Wühlarbeit der Relikt::« : zu blutigen F \ /.css e* 11!! a c h d c!1! V o r 1! i 1 <J e v o;*. K i s e h i 11 e w . Hömel und Baku führen wird, irei'ieu mit dem Unterschiede, dass je nach den örtlichen Verhältnisse:! der Ansturm sich wie gegen Jude:! so auch gegen P den uni Deutsche gegen die Studenten m:.l gegen alle richten wird, die in den! Rufe stehen. Reformen fiir Russland zu erstreben. Fs werden in Hur.Jertauser.den von Exe::m!are!1 über ganz Russland Flugblätter verbreitet, die a'ie ziemlich ähnlich laute:!, und von denen ich einen Aufruf, der mir in Odessa. in Sciiitomir, in Fiisaw etgrad. Balta und anderen Orten gezeigt wurde, in Übersetzung amuge. Der Aufruf lautet: Das 83 Tausend. ״Der Verein der Nationalisten folgender Städte: Kiew Nikolajew. Odessa, Cherson, Kischinew, Bendery, Inkernsan usw. Die Aufruhre und Unordnungen in Russland sind vorgekommen und kommen noch dadurch vor. dass wir im Laufe viele. Jahrzehnte nachlässig waren und aut die uns umgebenden Fremdlinge nicht geachtet haben. Die Ruie ..Nieder mit der Selbstherrschaft, nieder mit der Regierung, nieder mit unseren! Väterchen Zar!" - aas alles Isind Rufe derjenigen Blutsauger, die Juden, Armenier.. Polen. Grusinen etc. heissen, und die verlangen, alles in ihre räuberischen Hände zu bekommen und diejenigen Menschen zu regieren, welche jahrzchntelang ihr russisches Blut für den Glauben und den Väterchcn-Zuren vergoren haben. Unser Verein, der 297 b65 Mitglieder zählt, beobachtet in diesem Augenblicke die Juden und die anderen Nationen, welche, kein Geld iclumcud. dalhi streben, die Arbeiter zu bestechen und dadurch eine ab gemeine Unordnung zu schaffen, sielt alle Rechte zu erkämpfen und über uns zu herrschen. Dank den Juden sind Frankreich und Polen gefallen, und dasselbe bemühen sic sich aus allen Kräftcit. auch mit Russland zu machen. Hütet Euch. Freunde, vor den Juden. . . . Bald. bald. Freunde, wird die wundervolle Zeit heran trete 11. xv ö es keine Juden mehr in Russland geben xv i r d. Das ganze Übel, das ganze Elend unseres Lebens — sind die Juden und Fremden. Nieder mit den Juden und Fremden! Nieder mit der Verfassung! Fs lebe unser Väterchen Zar! — Oberbringen Sie dieses Ihren Freunden.“ In mehreren Städten haben sich daher gebildete Christen und Juden an die Staatsbehörden gewandt und um Schutz gebeten. Fs ist sehr charakteristisch, dass man ihnen nach meinen Informationen nirgends ein festes Versprechen auf Schiit/, gewährt hat. Fs scheint also eine generelle Direktive seitens der Zentralgewalt vorzuliegeu, und diese Annahme w ird noch durch einen Umstand gestärkt. Die offiziellen NACH- RICHTEN des Odcssaer Stadthauptmaivs brachten folgende Notiz: ״Fs wird Zeit, mit den Lügen und Verleumdungen atnzuhören. Fs ist Ze:M dass jene., die Deputationen an die hiesigen Behörden schicken und um Hilfe gegen angebliche Überfalle bitten, vielmehr ihren Kindern die Einsicht einflössen, dass sie

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