Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16/17 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 185 stamtuung sein. Ich kann dam't den Unterschied hervorheben, einmal im Hinblick auf den Christen Muhammedaner etc. oder aber im Hinblick auf den Germanen, Romanen, Mo:tgolen usw. Beide Begriffe, die das Wort Jude einschi esst, sind aber ganz verschiedenartig. Es wäre denkbar, dass jemand sich in religiöser Hins'cht vom Judcntumc lossagte und dann mit Recht behauptete, dass er kein Jude im Sinne des ersten Be* griffes sei, von dem zweiten aber sich loszulösen, das steht :־.:cht in *seiner Macht. Trifft es zu, dass ir seiner Abstammung nach Jude ist.־so ist dies eine unabänderliche Tatsache. ln richtiger Erkenntnis dieseV auf der Hand liegenden Wahrheit nennt man denn auch allgemein den zum Christenam! Ucbcrgctretcnen einen ..getauften Juden“. Per RcJigionswcchsel macht eben noch kernen German.11 aus ihm. Pas ist denn nun gewiss eine sehr betrübende Tatsache Ihr diejenigen unserer Stammesgenossen, d e cs so gerne nicht :,ein möchten. Es hilft ihnen nichts. Und wenn sie sich den Ozean zum Tauibccken wählen wollten, cs könnte ihnen nichts .,fitzen — sie bleiben Juden und werden niemals Germanen sein. Ich wähle mit Abs:c!1t den Ausdruck ״Germanen" und sage nicht ״Deutsche־■, denn dieses Wort welches ■ja ebenfalls zwei Begriffen dienen muss, könnte zu Missvcrstündifssen!'!ihren. .,Deutsche" (Staatsangehörige des Deutschen Reckes) Mid wir ja auch und es sul! cs uns keiner darin zuvortu:: in treuer Erfiiihmg unserer Pilichteu gegenüber dem Staate, von welchem wir selbst einen Teil ausninchen für dessen Wohlfahrt und Ehre wir Gut und Blut zu opfern bereit sind. Aber Germanen sind wir nicht, können cs nicht werden. Nun bliebe iiir unsere verschämten Stammesgenossen ja anscheinend noch ein Ausweg übrig. Ist es nicht mögl ch, wirklicher Germane zu werden״ so könnte man doch vielleicht alle diejenigen Eigentümlichkeiten unterdrücken, welche die jüdische Abstammung verle bt und alle Eigentümlichkeiten des germanischen Blutes sich anzueignen suchen. Man wurde dann, falls diese Bestrebungen vom Erfolge gekrönt würden, zwar kein Germane sein, aber doch dafür gelten können. Leider ist es aber auch hiermit nichts. Denn zu den her* vorstehenden Eigenschaften der germanischen Rasse gehört eben auch ein besonders ausgeprägtes Stanuncsbewusstse'n und ein treues Festhalten zu den durch die Bande des Blutes Nahestehenden* Deswegen betätigt der Ueberlüufer weniger die germanische Eigenart als der selbstbewusste Jude, der auf seine Abstammung und Art stolz, die Fahne seiner im Kampfe stehenden Brüder nicht verlässt, wie das ja auch der Germane niemals tun würde. ״ In ähnhehem Sinne sagt auch Heine in der gegen W 01 i - gang Menzel gerichteten Vorrede zum ״Salon", III. Teil: ״Ich würde gern, wenn cs Herrn Menzel Vergnügen machte, ihm zugestehen, dass er ein makelloser Abkömmling Teuts, wo nicht gar ein legitimer Enkel Hermanns und Tliusncldcns sei, wenn nur sein Inneres, sein Charakter, seine Handlungen eine solche Annahme rechtferfgten; aber diese widersprechen seinem Germanentum noch weit bedenklicher als sein Gesicht. Die erste Tugend der Germanen ist eine gewisse Treue, eine gewisse schwerfällige, aber rührend grossmfitige Treue. Der Deutsche schlägt sich selbst für die - schlechteste Sache, wenn er einmal’ Handgeld empfangen, oder auch nur im Rausche seinen Beistand versprochen; er schlägt s:cI1 alsdann mit seufzendem Herzen, aber er schlägt sich; wie auch die bessere Ueberzctigung in seiner Brust murre, er kann sich doch nicht cntscliliesscn, die Fahne zu verlassen und er verlässt sie am ailerwerrgsten, wenn seine Partei in Gefahr oder vielleicht gar von fcinckchcr Uebcrmaelit unizmgelt ist. Dass er alsdann zu de:: Gegnern überliefe, ist weder dem deutschen Charakter angemessen, noch dem Charakter irgend eines anderen Volkes, — Aber in diesem Falle noch gar als Denunziant zu a g i c r e ti, das kann nur eit: S c h u r k c". E p h r a 1 m. Ein Wort־ R ülfs Mitgctcilt von C. B. Wie Moses Hess inmitten des Emanzipationstaumels ״Ron! und Jerusalem", das grundlegende Werk des Zionismus, schrieb, so hat auch Dr_ Isaak Rüli, weiland Rabbiner ztt Memel, schon frühe seiner L’ebe zur Zionsldcc beredten Ausdruck gegeben. Lange noch vor dem Erscheinen semes ״Aruchas bas-Ammi“, nämlich im Jahre 1869, schrieb Rüli in seiner kleinen Schritt .,Meine Reise nach Kowno" folgende von jüdiscli-naponalem Geist durchwehte Sätze, die der Vergessenheit entrissen zu werden verdienen: , »,Ich gestehe es offen, meinetwegen verlacht nvch, ver- ' spottet midi, verhöhnt mich deswegen-— ich fühlte mich gang einer engen Talschlucht wie mit einem Goldbande schloss. Friedrich •lag im Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem Weidenstabe, dessen knotigem Ende er die Gestalt eines ungeschlachten Tieres zu geben versuchte. Er sah übermüdet aus, gähnte, Hess mitunter seinen Kopf an einem verwitterten Stammknorrtn ruhen und Bücke, dämmeriger als der Hcrizont, über den mit Gestrüpp und Aufschlag fast verwachsetten Eingang des Grundes streifen. Ein paarmal beichten sich seine Augen und nahmen den ihnen eigen- 1üm!ichcn glasartigen Glanz an, aber gieicli nachher schloss er sic wieder halb und gähnte und delmtc sich, wie es mir faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund lag in einiger Entfernung nahe bei den Kühen, die, unbekiimmert um die Forstgesetze, ebenso oft den jungen Baum- "pitzen als dem Grase zusprachen und in die frische Morgenluft schnaubten. Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein dumpfer, krachender Schall; der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen Echo an den Bergwänden, und wiederholte sich etwa alle fünf bis acht Minuten. J Friedrich achtete •nicht darauf;!nur zuweilen wenn das! Getöse ungewöhnlich stark oder anhaltend war, hob er j den Kopf und Hess seine Blicke langsam über die verschiedencn Piade gleiten, die ihren Ausgang in dem Tal* gründe fanden. Es fing bereits stark ztt dämmern an; die Vögel be- Kannen leise zu zwitschern und der Tau stieg fühlbar aus dein Grunde. Friedrich war an dem Stamm hinabgeglitten und starrte ,die Arme über den Kopf verschlungen in das leise cinschieiVhende Morgenrot. Plötzlieh fuhr er auf: über sein Gesicht fuhr ein Blitz, er lunchte einige Sekunden mit vorgebeugtem Oberleib wie ein Jagdhund, dem die Luft Witterung zuträgt. Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff geilend und anhaltend. — ״Fidel, du verfluchtes Tier!" Ein Steinwitrf traf die Seite des unbesorgten Hundes, der. vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um sich biss und dann heulend auf drei Beinen dort Trost suchte, von wo das Uebel ausgegangen war. In demselben Augenblicke wurden die Zweige eines nahen Gebüsches fast ohne Geräusch zurückgeschoben und ein Mann trat heraus, im grünen Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Büchse in J der Hand. Er Hess schnell seine Blicke über din Schlucht! fahren und sie dann mit besonderer Schärfe auf dem j Knaben verweilen, trat dann vor, winkte nach dem Gcbiisch, und allmählich wurden sieben bis acht Männer