Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1S2 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 16/17 desto mehr Macht, die zugleich Tugend ist. Hess überträgt nun diesen spinozistischen Gedanken auf die ganze Menschheit, fndem er sagt, die Menschheit erhebt sich am Ende der Ent- Wickelung zur höchsten Erkenntnis Gottes, d an 11 muss sic sittlich, heilig werden. Dadurch wird die Identität des Judentums, d. h. der Mcssias'dce, mit dem Spitiozistmis wenigstens vorn Hess'schen Standpunkt aus bcgreiltich. Der Prophet sagt ebendasselbe: die höchste Tugend und Heiligkeit der Menschheit muss am Ende der geschieht;1 chcn Ent- Wickelung, wenn sie die höchste (lottcserkemitnis erlangt hat, eint roten. Das Ziel des humanen Strebeus fu der geschichtlichen Entwickelung ist eben die Erkenntn's des Gesetzes Gottes, dem das Organische wie das Anorganische gehorchen. \V äh- 1 rend dieser Entwickelung sollen wir nach I Sittlichkeit streben. א a c h V o U e 11 d u n g derselben müssen wir sittlich sei n. Dieses Sittlichscinmiisscn ist Hcii.'gke't. Am Ende der geschichtlichen Entwickelung, d. h. nach der Erlangung der vollen Erkenntnis Gottes, müssen wir sittlich sein, we'l wir nur dann unsittlich sein können, wenn es uns an Erkenntnis mangelt, hingegen, wenn wir die höchste Erkenntuis erreicht haben, k ö u n e n \v i r n i c 111 u ns i 111 i c h sein.; Das einzige, ewige, raum- und zeitlose Wesen erkennen w r; durch das einzige absolute Gesetz in Natur und Geschichte. 1 Die widerspruchslose Erkenntnis des Gesetzes Gottes schliesst ■ in sielt das widerspruchslose Leben nach demselben. Leben j und Lehre s'nd unzertrennlich. Das Judentum hat vom Begirnc seiner Geschichte an die Heiligkeit der Menschheit und das göttliche Gesetz ofienbart. Mit Sp'noza hat die Messiaszeit begonnen und mit der französischen Revolution hat sie sich in der Weltgeschichte geltend gemacht. Es gibt keinen unendlichen, unbestimmten Fortschritt, weder im sozialen noch im kosmischen Leben. Alles entsteht und vergeht, erreicht seinen Zweck und verschwindet. Der Fortschritt der Menschheit ist kein unendlicher; es tritt, wenn sie die höchste Stufe der Entwickelung erreicht hat, der Gcschichtssabbath ein. Hess findet die Identität des Judentums mit dem Spinozisntus noch darin, dass bei Spinoza, wie bei dem jüdischen Propheten, der Ursprung des sittlichen und religiösen Lebens die eine Urquelle Ist, nämlich die Gottesidee, als das einzige V\ 'esen alles sonst nur vergänglichen Daseins. Der Genius des | Judentums hat innere Offenbarungen gehabt. Diese Offenbannigen sind unmittelbare Eingehungen Gottes. Die Juden haben den Bcrui zu sozialen Offenbarungen. Das ist eine Eigentum!'ebkei; ihrer Rasse. Spinozas Lehre ist die höchste Offenbarung des jüdischen Geistes. Spiuoza’s Lehre widerspricht nicht der Einheitslelirc des Judentums. Das Judentum seit Moses und den Propheten lehrt rieht die Trausccndenz Gottes im Gegensatz, zur Imniai'ciiz. sondern die Einheit im Gegensatz zur Vielheit des schöpferischen Wesens. Gott offenbart sieh in uns selbst. Räiim'.icliku t und Zeitlichkeit sind in Bezug auf Gott atisgeschlossen, und so lautet denn auch eine Stelle im Talmud: Niemals ist die Gottheit von oben herab. Niemals Moses zum Bimmel liinauigestiegeii. (Fortsetzung folgt.) Ferienkurse für koloniale Technik in Coethen Dem gastfreundlichen Coethen haben wir nun den Rücken gewendet. Nicht abgelenkt von der täglichen grossen Menge der Vorle'iiiigen kennen w ir uns den persönlichen E;!drücken h!!geben. Natürlich hat ein jeder andere gewonnen, und ich muss daher von vornherein um Entschuldigung bitten, wenn meine folgenden Zeilen nicht allseitige Zustimmung finden. Die Zahl der Anmeldungen war eigentlich in Anbetracht der kleinen Hersäle des Instituts eine reichlich genügende, ani.ähcrnd zweihundert, ich sage absichtlich nicht ״der Besuch•־, denn damit sah es zumal gegen Ende des Kurses nicht immer glänzend aus. Naturgemäss gehörte die Mehrzahl der Eingeschriebenen zu den Studierenden des Instituts; von den Gästen waren die meisten russisch-jüdische Studierende, die von Berlin, Leipzig. Darm Stadt usw. herbeigeeilt waren, da sie vielle cht ohnedies nicht ihre Ferien in Russland zu verbringen beabsichtigten. Von Seiten der deutschen und deutschjüdischen Studentcnschatt hat man scheinbar der ganzen Sache überhaupt kein Interesse entgegengebracht. Das lässt sich aus verschiedenen Gründen erklären. Zum ersten war die Zeit eine äusserst ungünstige, die Universitäten und technischen Hochschulen hatten längst ihre Vorlesungen geschlossen, und al! war sd\011 in die oft weit entfernte Heimat gefahren. nicht mit ihm, hörst du, geht nicht zusammen durchs Don.“ —* ״Ich will ja nur Holz holen aus dem Schuppen,“ antwortete Friedrieh. — Als beide Knaben fort waren, warf sich Margret auf einen Stuhl und schlug die Hände mit dein Ausdruck des tiefsten Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. ״Ein falscher Eid, ein falscher Eid!“ stöhnte sic. ״Simon, Simon, wie willst du vor Gott bestehen!“ So sass sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in völliger Geistesabwesenheit. Friedrich stand vor ihr und hatte sic schon zweimal angeredet. ״Was ist’s? was willst du?“ rief sie auffahrend. — ״Ich bringe Euch Geld," sagte er, mehr erstaunt als erschreckt. — Geld? wo?“ Sic regte sich und die kleine Münze fiel klingend aui den Boden. Friedrich hob sie auf. — ״Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten helfen. Ich kann mir nun selber was verdienen.“ — ״Geld vom Simon? wirf3 fort, fort! — nein, gib’s den Armen. Doch nein, behalfs,“ flüsterte sie kaum hörbar; ״wir sind selber arm; wer weiss, ob wir bei dem Betteln vorbeikemmen!“ — ״Ich soll Montag wieder zum Ohm und ihm bei der Einsaat helien.“ — ״Du wieder zu ihm? nein, nein, nimmermehr!" Sie umfasste ihr Kind mit Heftigkeit. ״Doch," fügte sie hinzu, und ein Tränenj ström stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen Wangen; ״geh, er ist mein einziger Bruder, und die Verlemndimg ist gross! Aber halt Gott vor Augen und vergiss das tägliche Gebet nicht!“ Margret legte das Gesicht au die Mauer und weinte laut. Sie hatte manche harte Last getragen, ihres Mannes üble Behandlung, noch schwerer seinen Tod, und cs war eine bittere Stunde, als die Witwe das letzte Stück Ackerland einem Gläubiger zur Nutzmessung überlassen musste und der Pflug vor ihrem Hause stille stand. Aber . so war ihr nie zu Mute gewesen; dennoch, nachdem sie; einen Abend durchgeweint, eine Nacht durehgewacht hatte, war sie dahin gekommen, zu denken, ihr Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, der Knabe gehöre gewiss nicht ihm, Aehnlichkeiten wollen nichts beweisen, j Hatte sie doch selbst vor vierzig Jahren ein Schwesterj chcn verloren, das genau dem fremden Hechelkrämer; glich. Was glaubt man nicht gern, wenn inan so wenig hat und durch Unglauben dies wenige verlieren soll! Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle wärmeren Gefühle, deren er fähig war, dem Schwestersohn zugewendet zu haben; wenigstens vermisste er ihn sehr und liess nicht nach mit Botschaften, wenn ein hässliches Geschält ihn aui einige 1gwff:ff,rw׳