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Jüdische Rundschau · 1905-04-19 · Heft 16-17 (19.4.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 16-17 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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16/17 •סא• ______JÜDISCHE I Organe eines Organismus erst zu funktionieren beginnen» wenn der־ Organismus zur vollen Reife gelangt ist, so verhält cs sich mit manchen Rassen, die erst ihre volle Wirksamkeit entfalten, wenn die Mcnscheit' reif geworden ist; zu diesen Rassen gehört das jtid sche Volk, wie es später noch klarer werden wird. Dagegen könnte man nun einwenden, es ist doch ein gcwaltiger Unterschied zwischen den Gesetzen der Natur und denen der Geschichte. In der Natur gibt es keine sittlichen, sondern nur natürliche Kräfte, de vorher bestimmt werden können; da herrscht also nur Notwendigkeit; dagegen im sozialen Leben,wenn cs auch an Naturbedingungen geknüpft ist. vermag dennoch der .Mensch durch seinen freien Willen den Fatalismus der Natur zu überwinden, ja das ist sogar seine sittliche Bestimmung. Mit anderen Wortep: man kann nicht die Menschheit nur für einen höheren Orgaivsmus ar.sehen und von einem Gesetz in der Geschichte sprechen, nach welchem dieselbe notwendig und unausbleiblich verläuft, da hier der freie W.llc c-ne Rolle spielt. Allein die Lehre des Judentums von einem göttlichen., erkennbaren Gesetze, der Glaube au einen Schöpfungsplan, an eine Vorsehung, ist kein fatalistischer Glaube an ein blindes Geschick -־ wenn er auch Gesetzlosgkeit und W.llkftr aus־ch’.!esst. Ls wird nicht gcsagt, dass in der organischen und kosmischen Welt das Gesetz eines üusserlichen Mechanismus herrscht, sondern umgekehrt, die meehatiischcn Krscheinuagen haben dieselbe Zweckmässigkeit, denselben Plan, wie d:e organischen und geistigen. Mit anderen Worten: die göttlichen Gesetze־, die sich in Natur und Geschichte geltend machen, nach weichen alles notwendig geschieht, stellen eben Plan und Gesetzmässigkeit dar. Die Urquelle aller Erscheinungen ist dasselbe Wesen und sic sind demselben göttlichen Gesetze unterworfen. Der Unterschied ist nur der, dass, während das Gesetz in der Natur blind befolgt wird, befolgt es der Mensch mit Willen und Bewusstsein. Hess, der das Judentum mit dem Spinozismus identifiziert, wie wir bald sehen werden, scheint hier etwas in Spinoza hineinzudeuten. Bekanntlich s.nd nach Sp.noza Zweck und Plan in der Natur ausgeschlossen. Denn einen Zweck verfolgen, heisst, nach etwas streben, das mir fehlt. Wenn ich nun sage, dass die Substanz oder Gott nach Zwecken handelt, d. h, etwas erlangen will, was sie noch nicht besitzt, in ehr nicht enthalten ist, so widerstreitet es der Unendlichkeit und Vollkommenheit Gottes. Es kann also keine Zwecke in der kÜNDSCHAtJ Seite 181 1 Natur gehen. Alles *st in Gott enthalten und folgt logisch notwendig aus seiner Natur. Hess, der nun sowohl in der kosmischen Welt als auch in der Geschichte Plan sieht, deutet offenbar Spinozas Lehre folgcndcrmassen: Gott verfolgt ja keine Zwecke, in ihm ist alles enthalten, dennoch stellen , das Wesen und die Gesetze Gottes Plan und Gesetzmässigkeit dar in dem Sinne, dass die Geschiichte einen bestimmten Verlaut 1׳chmen muss und dem grössten Fortschritt zustcuert. Noch folgender Unterschied mag zur Verwirrung der Begrifie Freihc't und Notwendigkeit beigetragen haben. Die Ent- Wickelung der kosmischen Phänomene ist bereits abgeschlossen, während die Menschheit noch in der Entwickelung, in der Produkten .:hres Organismus begriffen ist, infolgedessen scheint der Mensch, ihr schöpferisches Wesen in seinen Handhingen unberechenbar und ungebunden zu sein. Wir glauben deshalb, im sozialen Leben Freiheit zu erkennen, we.l die Entwickelung der Menschheit noch nicht vollendet ist, infolge* dessen können wir das Gesetz des Lebens und dessen gesetztes Ziel noch nicht erfahrungsmäss.g fcststcilen. Wenn aber auch de Wissenschaft dieses Gesetz noch nicht festzustellen vermag, hat cs das jüdische Volk hingst verkündet: das ist die Messiasepoche, die den Geschichtssabfcath br.ngcn wird d. 11. die Epoche, in welcher die harmonische VollcnduiiK der Geschichte e i n t r e t c 11 wird. Frei sein hc.sst nach Spinoza, nach den Gesetzen des eigenen Wesens, der Verminst gemäss handeln und von aussen nicht bceinflussst sein. So handelt die Substanz oder Gott nach Spinoza irei und notwend g zugleich, ire. in dem Sinne, dass von aussen nicht auf sie cingewirkt wird, und notwendig zug.c.cn in uem S.nne, dass altes aus ..nrer *Natur togiscii notwendig folgt und sic anders nicht handeln kann. Je entwickelter die Erkenntnis Gottes beim Menschen ist, d. h. je adacquaterc laeen er nat, atsto weniger w.rd er s.cn von den miickioii leiten lassen, desto mehr wird er der Vernunft gemäss haudein. Denn klare Ideen haben, he.sst, nie nt die e.nzelncn Ursachen für sich, sondern den ganzen Zusammenhang einsehen und itm auf uoit als d.e notwenctge, letzte ursacne beziehen. Wenn der Mensch diese ErKcnntms Gottes erlangt hat, ist er frei und lässt sich nicht mehr von den Aiietaen leiten, weil er jedes Ung 1m ganzen Kausalzusatnmennaag und unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit betraentet. Dann besitzt er auch d.c grösste Macnt, weil sein Selbstcrnaltungstrieb am mc.sten getürdert dst. Also je höher die Erkenntnis, Ausdruck augenblicklichen Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gutmütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum erstenmal bestimmt den Ausdruck jenes ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum Grosstun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handhingen hervortrat. Der Ruf seiner Mutter störte ihn aus Gedanken, die ihm eben so neu als angenehm waren. Sie sass wieder am Spinnrade. ,,Friedrich,“ sagte sie zögernd, sag einmal —“ und schwieg dann. Friedrich sah auf und wandte sich, da er nichts weiter vernahm, wieder zu seinem Schützling. — ״Nein, höre —“ und dann leiser: ״was ist das für ein Junge? wie heisst er?" — Friedrich antwortete ebenso leise: ״Das ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hiibmeyer hat. Der Ohm hat mir ein paar Schuhe und eine Weste von Drillich gegeben, die hat mir der Junge unterwegs getragen; dafür hab’ ich ihm meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Johannes he׳sst er." — ״Nun?" sagte Margret. — ״Was willst du, Mutter?", — ״Wie, heisst er weiter?“ — ״Ja — weiter nicht — oder warte — doch: Niemand, Johannes Niemand heisst er. — Er hat keinen Vater," fügte er leiser hinzu. Margret stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile kam sie heraus mit einem harten, finstern Ausdruck in den Mienen. ״So, Friedrich," sagte sie, ״lass den Jungen gehen, dass er seine Bestellung machen kann. — Junge, was liegst du da in der Asche? hast du zu Hause nichts zu tun?“ Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf, dass ihm alle Glieder im Wege standen und die Holzschcnvioline bei einem Haar ins Feuer gefallen wäre. ״Warte, Johannes," sagte Friedrich stolz, ״ich will dir mein halbes Butterbrot geben, es ist mir doch zu gross, die Mutter schneidet allemal übers ganze Brot." ״Lass doch,“ sagte Margret, ״er geht ja nach Hause." ״Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon isst um 7 Uhr." Margret wandte sich zu dem Knaben: ״Hebt man dir nichts auf? Sprich, wer sorgt für dich?“ — ״Niemand," stotterte das Kind. — ״Niemand?" wiederholte sie; ״da nimm, nimm!" fügte sie heftig hinzu; ״du heisst Niemand und niemand sorgt für dich! Das sei Gott geklagt! Und nun mach dich fort! Friedrich, gell < י] ü

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