Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 180 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 16/17 hat. In unserem Zeitalter!ist dieser Plan offensichtlich. Wir erkennen nJinilich in diesem Zeitalter, dass die niannißfa’.tiRcn Phänomene des sozialen Lebens wie diejenigen des komischen \on vornherein darauf angelegt sind, am Ende harmrmsch zusanunenzuwirken. Das Judentum hat das eine Wesen im Kosmischen trotz der Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungen und die Einheit der Menschheit trotz der Mannigfaltigkeit der Rassen erkannt. Das Judentum ist Gcschichtsreligion, Gesehichtskultus im Gegensatz zum höhnischen Naturkultus. Das Judentum ist ein Produkt des Lebens. Es ist keine passive, sondern eine aktive Erkenntnis, vor allem aber eine Nationalität. Das Judentum entwickelt sicli mit dem Lebe:! zugleich, daher kann es niemals mit den modernen Wissenschäften im Widerspruch stehen. Die Gottesichre des Judentums ist zu keiner Zeit fertig: und erstarrt, vielmehr entwickelt sie sich fortwährend mit dem Geiste des jüdselieu Volkes und der Menschheit. Der Glaube an Gott ist den Juden nicht geboten. Nur die freie Forschung nach der Erkeuntirs Gottes ist Piiicht des Juden. Die Erkenntnis entwickelt sich mit dem Geiste und GemiHe fortwährend, daher kann sie durch ken Dogma ein für allemal lestgcstcllt werden. Die Dogmen des Judentums gestatten jede freie geistige Schöpfung und wrschiedenc Lebensansclmuungea. Diese verschiedenen Anschauungen sind eben vorübergehende Momente, sie vermögen aber nicht den urspriig'.ichen Typus, der sie erzeugt hat. zu vernichten. Manche meinen, entweder bestehe das Hauptziel des Judentums in der Humanität, dann sei nicht das Nationale, sondern das Humane, wie nach den Reformatoren, das Wes-en des Judentums, daun aber müsse das Judentum wie jede kirchliche Genossenschaft vom allgemeinen Menschentum verschlutigen werden. — Oder man erblicke im Judentum das einzige Heil, wie nach dem Frankfurter Rabbiner Hirsch, dann stehe man im Widerspruch mit der modernen Kritik und den Humanitätsbestrcbungen. Allein weder das eine, noch das andere ist nichtig. Das nationale Judentum schliesst die Humanität und Zivilisation nicht aus, ja diese sind aus dem Judentum hervorgegängen. Alle Philosophie und Humanität wurzelt in» Judentum. Das jüdische Volk hat zuerst von allen Nationen einen national-humanitären Kultus erzeugt. Das Judentum hat vom Beginne an die Geschichte als einen einheitlichcn organischen Entsvickclungsprozess auigeiasst, der mit der Faiiu'lie beginnt, erst vollendet sein wird, wenn die in der Tennentür stellen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor. ״Frtedricli, wie gelits 011:11?“ Der Knabe iiiiirmcltc einige unverständliche Worte und drängte sich dicht an die Feuermauer. — ״Friedrich, hast du das Reden verlernt? Junge, tu das Maul auf! du weisst ja doch, dass ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre.‘‘ — Das Kind erhob seine Stimme uijd geriet dermassen ins Stammeln, dass Margaret es um nichts!!!ehr begriff. -־ ״Was sagst du? einen Gruss von Meister Semmlcr? wieder fort? wohin? die Kühe ■sind' schon zu Hause. Ver- *luchter Junge, ich kann dich nicht verstellen. Wart', ich muss einmal sehen, ob du keine Zunge im Munde hast!“ ־־ Sic trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf mit dem Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schild wacht stellen lernt, und be, garm in der Angst mit den Füssen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben. Margaret stand still; ihre Blicke wurden ängstlich. Der Knabe erschien ihr wie zusainmengcsclirumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, nein, das war ihr Kind nicht! und dennoch — ״Friedrich, Friedrich!“ rief sie. zösischcn Revolution hat sich uns Frankreich durch seine ganze Menschheit eine Familie sein wird. Seit der Iranhumanitären Bestrebungen angeschlnsscn, indem cs die alten und gesunkenen Völker zu erlösen und in das Geleise der Weltgeschichte zu bringen sucht. Die autinatioualcn Bestrebungen sind unfruchtbar, wc:l ho mehr Idealismus als Realismus darstellen. Ebenso wie die Natur keine allgemeinen Tiere und Pflanzen, sondern nur Tier- und Pflanzcutypeu schafft, so auch der Schöpfer in der Geschichte nur Volkstypen. Die Menschheit in ihrem sozialen Leben ist noch in der Entwickelung begriiten. Ursprünglich gibt es nur Volkstypeu, die nebeneinander existieren, daun bekämpfen sk* sich gegenseitig. um am Ende friedlich miteinander zu leben, ohne die typischen Merkmale ab/.uschiittel:!. Weder die Fusion der Kultur, d. h. d e Bestrebung von allem Historischem, Charakteristisehen und Typischen zu abstrahieren und alle Kulturen ׳/.ti einer Kultur zu verschmelzen, noch die von Philosophen vertrctcuc Ansicht von der Einartigkeit der Menschen sind geeignet, die Menschen zu versöhnen. Erst durch eine lange geschichtliche Entwickelung kommt die solidarische Organisation des nationalen Lebens zustande, es gibt aber keine von vornherein anorgan sche Gleichheit. Kurz, die Gründung der Gleichberechtigung der Menschen auf einer ursprünglichen Rassen- und Typcngleichhe t ist unhaltbar; die existiert nicht. Die Versöhnung der Rasse!! geht allmählich nach Gesetzen vor sich. Heute kommt es zunächst darnut an, die versehicJenui Rasa•!! sich frei entwickeln und ausleben zu lassen. Die nationalen Bestrebungen unserer Zeit widerspreche.', wie bereits gesagt, den Hnmanitätsbcstrebungcn nicht. Sie sind nur gegen die Ucbergr'.fie und Nivellieruugsteudcuzcu der modernen Industrie und Zivilisation gerichtet, welche jeden urkräftigen, organischen Lcberstrieb ausrotten und statt seiner einen anorganischen Mechanismus einfuhren wollten. Zwar haben uns Industrie und Zivilisation viel Nutzen gebracht, :11dein sie einerseits die veralteten Institutionen der Vergangen• heit angegrüfeu, andererseits engere Beziehungen und Verbiudungeu zwischen den verschiedenen Völkern hergestcllt haben. Allein sic wollten zugleich das Typische vernichten, was sieh nicht vernichten lässt. Nur gegen diese Tendenzen richten sich die Nationalitätsbestrebungeu unserer Zeit. Die Menschheit •ist ein lebendiger Organismus, deren Glieder die Rassen und Volkstypeu sind. Ebenso wie manche Itt der Sehlafkainmcr klappte eine Schranktür tttul der Gerufene trat hervor, in der einen Hand eine sögenannte Holzsehcnvioline, das heisst einen alten Holzschul], mit drei bis vier zerschäbten Geigensaiten überspannt, in der anderen einen Bogen, ganz des Instrumentes würdig. So ging er gerade auf sein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Haltung bewusster Würde und Selbständigkeit, die in diesem Augenblicke den Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig ähnlichen Knaben stark hervortreten Hess. ״Da, Johannes!“ sagte er und reichte ilun mit einer Ciiiunermieue das Kunstwerk; ,.da ist die Violine, die ich dir versprochen habe.“ ״Mein Spielen ist vorbei, ich muss jetzt Geld verdienen.“ — Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick auf Margaret, streckte dann langsam seine Hand aus, bis er das Dargebotene fest ergriffen hatte, und brachte cs wie verstohlen unter die Flügel seines armseligen Jäckchens. Margaret stand ganz still und liess die Kinder gcwähren. Ihre Gedanken hatten eine andere, sehr ernste Richtung genommen, und sie blickte mit unruhigen» Auge von einem auf den andern. Der fremde Knabe hatte sich wieder 0.15er die Kohlen gebeugt mit einem