Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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i I 1 i ־ ז ו No. 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 157 Die l;r\vcrltsvcrl1ältM1&se für jüdische Mediziner, Juristen usw. in den Ostprovinzen sind freilich nicht gerade rosige, aber zweifellos viel bessere als die so vieler jüdischer Akademiker in den Gressstädten. Wie mancher von ihnen sinkt in Berlin zum gelehrten Proletarier herab, dem nur noch eine reiche Heirat auf die Beine helfen kann. Wie viele andere reiben sich in dem harten Daseinskampf und der Unsicherheit der (jrossstadtexistenz vorzeitig auf, statt in der Provinz einen gesicherten und stetigen, wenn auch enger gezogenen Wirkungskrc's zu suchen. Denn einen solchen bieten die Städte und Städtchen, in denen früher jüdische Akademiker praktizierteil, auch heute noch fast ausnahmslos. Die Solidität und Tüchtigkeit, der Scharfsinn und die Menschenfreundlichkeit jüdischer Aerzte, Anwälte usw. lebt noch überall in frischem Bedenken und alle nationalen, konfessionellen und politischen Schranken werden auch heute noch von dieser Hochschätzung der jüdischen Akademiker durchbrochen -״ so oft hört man das Landvolk nach dem ״jüdischen Doktor" zunächst fragen, wenn cs mit seinen kleinen Noten in die Stadt kommt. Die anscheineiul gefährlichste Konkurrenz, die akademischen Heber des Deutschtums, werden i:1 der freien Praxis sehr leicht ans dem l eide geschlagen, weil sie von Polen und Juden mit Recht als 1!ן rsonlichc l'ciudc angesehen. v11״ den protestantischen Volksgenossen aber als Wohltatenempiänger mit den Gefühlen be* tiaclitct werden, mit denen der Begriff des Vertrauens und der H.ichacl’lung nicht zu vereinbaren ist. Kurz, wir sind überzeugt, dass mancher Jude, der nach dem Examen ratlos nach einem passenden Niederlassuagsort ai singt, in den Ostprovinzen Platz und Lrw erb finden könnte und dazu ein jüdisches Milieu, in dem sich auch jüdisches Wir* Ken entfalten Hesse. Nur muss erst einmal eine Zentrale geschaffen werden, die den angehenden Praktikern die Kenntnis der günstigen Plätze u!׳d alle näheren Details ermittelt. Dieslieziiglich ginge imse! Vorschlag dahin, dass in den östlichen Provinzstädten möglichst überall Vertrauensmänner gewonnen werden - - alle zionistischen Vertrauensmänner werden wohl ohne weiteres dieser Organisation dienen wollen — die ihre Berichte und Anregungen einer Berliner Zentralstelle iibermittehi. die ihrerseits mit den akademischen Vereinen in dieser Krage dauernde Verbindung unterhalten, die betr. Vakanzen auch im jüdischen Studcntcr.organ und an den schwarzen Brettern annoncieren und allen Interessenten genaue Auskünfte geben oder uaehweiseu müsste. Von dem Interesse, das unser Vorschlag in den beteiligten Kreisen!״nie!! wird, hängt es ah, wie weit aus unsere!» Darlegimgcn praktische Resultate erwachsen können. I—I Aus der Bewegu|g 1— Berliner Zionistische Vereinigung Der Vorstand der Berlincr Zionistischen Vereinigung hat einige Mitglieder mit der Aufgabe bet raut, für den Natioualfond eine besondere Propaganda /.!! entfalten. Diese Nationalfondkonimission besteht aus den Herren Albert Asch. Berlin W. 15, J o a e!1 i ni s t h a I c r s t r. 2, Reinhardt und W ollsteincr und aus den Dame 1 Frau Lina Wagner und F rau D r. H ״ f f m a n n. Unsere Mitglieder werden gebeten, Anregungen für die Nationalfondsachc an Herrn Asch zu richten. Der Vorstand. Berliner Zionistische Vereinigung. Es sei noch einmal , darauf hingewiesen, dass in der Mitgliederversammlung am ן Donnerstag, den 13. April, Herr Dr. 11 a n t k c über ..Die Ko- I loniainank und die Anglo-Palestine Co." referiere!» wird. — i Die nächste Mitgliederversammlung findet am Montag, j den 17. April statt. Herr Dr. E. Oppe n h e i in e r wird spre- 1 dien über: ״Der Plan einer Siedclmgsgenosscnschaft." ( Der Vorstand, j Berliner Zionistische Vereinigung. Wir bitten in noch! reichlicherem Masse als bisher, N a t i o n a l i o n d b ü c h s e n j aufzustclien. Kv. Benachrichtigung’ist an Erau L. Wagner. I Prenzlauer Alke 9, zu richten. Der Vorstand. I Fesen. Am 19. März fand die erste Sitzung der national- 1 jüdischen l'rar.cnverciüigtmg statt. Frau Rosa Jeremias j referierte über ..X a 1 i o n a I c Er a »1 c!1 a r b e i t" und erntete i lebhaften Beifall. Erau Rebtcka Schcrek gal; eine ausführnebe und übersichtliche Zdtimgsschau. Daran schloss sich eine Aussprache über die Samntelarbeit für den Nationalfond, Es traten 7 neue Mitglieder bei. * - Am I. April referierte in der Ortsgruppe Herr stud. uied. Hecht über ״Die jüdische Sprache". Dann gedachte der Vorsitzende in längerer Ansprache des Todestages von Moses Hess. Zun» Schluss wurde über O.ganij sation der Nationalfciid-Sammelarbcit diskutiert.! Zabrze. In einer Mitgliederversammlung der hiesigen Orts• | gruppe sprach am 29. März Herr cand. jur. Georg Schutz über ״Die gegenwärtige Lage der Juden in Palästina". Der Vortrag behandelte mit einer für ein geographisch-wirtschaftliebes Thema geradezu erstaunlichen Kurzweiligkeit die Verhältj nissc, unter denen die Juden heute!:! Palästina leben. Der! Referent verfehlte nicht, hervorzuheben, dass, wenn diese Lage I nicht so sehr günstig sei, dies nur an der mangelhaften Orga- I nisatioti und der elenden Chaluka-Wirtschaft liege und dass j allein die (irosskoh.msatimi, wie sie der Zionismus erstrebe. gesündere Verhältnisse schaffen körnte. An den Vortrag schloss I sich eine lebhafte Diskussion über die wirtschaftliche Ertrug sehr dazu bei, die natürliche Külmlicit der Holzirevler zit ermutigen, und der Umstand, dass alles umher von Purstem wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da hei den häufig varkoinmendeti Scharmützeln der Verteil meist auf seiten der Hauern blieb. Dreissig, vierzig Wagen zogen zugleich aus in den schönen Mondnächten mit ungefähr doppelt so viel Mannschaft jedes Alten-, vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Lcitbock den Zug mit gleich stolzem Bewusstsein aiuührtc, wie er seinen Sitz in der Geriehtss*ube cimiahm. Die Zurückgebliebenen horchten sorglos dem allmählichen Verhallen des Knarrens und Stossens der Räder in den Hohlwegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuss, ein schwacher Schrei Hessen wohl einmal eine junge Prau oder Braut auffallren; kein anderer achtete darauf. Beim ersten Morgengrauen kehrte der Zug ebeno schweigend heim, die Gesichter glühend wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Porstbeamten, die aus dem Walde getragen .vnrden, zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und für einige Zeit unfähig, ihrem Berufe uaebzukommen. In diesen Umgebungen war Friedrich Mergel gebaren, in einem Hause, das durch die stolze Zugabe eines Rauchfaiiges und minder kleiner Glasscheiben die Ansprüche seines Erbauern, sowie durch seine gegenwärtige Verkommenheit die kümmerlichen Umstände des jetzigen Besitzers bezeugte. Das frühere Gelände um Hof und Garten war einem vernachlässigten Zaune gewichen, das Pach schadhaft, fremdes Vieh weidete aut den Triften, fremdes Korn wuchs aut dem Acker zuinielvd am liefe, und der Garten enthielt, ausser ein paar holzigsten Ruseiistoeken aus besserer Zeit, mehr Unkraut als Kraut. Freilich hatten Ungliicksfälie manches hiervon herbeigeführt; doch war auch viel Unordnung und böse Wirtschaft im Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann Mergel, war in seinem Junggescllcnstande ein sogenannter ordentlicher Säufer, du.; heisst einer, der nur an Sonn- und Festtagen in der Rinne lag und die Woche lüudurch so manierlich war wie ein anderer. So war denn auch seine Bewerbung um ein recht hübsches und wohlhabendes Mädchen ihm nicht erschwert. Auf der Hochzeit ging's lustig zu. Mergel war nicht gar zu arg betrunken, und die Eltern der Braut gingen abends vergniigt heim; aber am nächsten Sonntage sah man die junge Frau schreiend und blutrünstig durch das Dorf zu 1■ I ' / 1 V S־. h ׳ I ♦ •i* V