Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 156 י No. H Med i ziii vo r de m ״U n t e r t a u c h c n” zabewahren. In demselben Sinne habe ich auch in meinem Referat gesagt, mit den besten Gründen könne ich niemanden überzeugen, ehe ich ihn nicht soweit gebracht hätte, mir zuzuhören, und dazu *ei ein afrikanischer Nützlichkeitserfolg beim grössten Teil der indifferenten voräufig noch ein besseres Mittel, als das noch so häufige Predigen der abstrakten Idee. (Fortsetzung folgt.) Stellennachweis für jüdische Akademiker (Vom Gruppenverband Posen.) Während in der Emanzipationsära der jüdische Akademiker In den Provinzgemeinden das krasseste Beispiel von IndiffcrcutLsinus und Assimiiationssucht gab, könnte in der jetzt reifenden Generation der jüdische Akademiker (Arzt. Anwalt, Apotheker, auch Ingenieur, Techniker, Baumeister) der rechte Mann seht, um der ganzen Gemeinde in der Ocfientlichkcit moralischcn Rückhalt zu geben, ihr bet der Wahrnehmung der eigenen Interessen und bei der Beteiligung an allgemeinen Fragen weiten Horizont und höhere Gesichtspunkte zu verinit* (ein. Leider trifft dieser Wendepunkt in dem Verhalten der Akademiker zum Judentum zusammen mit dem Gipfelpunkt der jüdischen Landflucht, mit der stets wachsenden Konzentration der Juden in den Gressstädten. Kein Wunder, dass erst recht die akademisch gebildeten Juden immer seltener den provinzialen Wirkungskreis aufsuchen. Immer häufiger bleiben die leer gewordenen Stellen jüdischer Aerzte, Anwälte usw. in der Kleinstadt unbesetzt. Die ohnehin quantitativ und qualitativ reduzierten Judcngemeindeii der Provinz werden so ihrer besten ideellen Stützen beraubt und die weitere Folge muss die Flucht auch der fast völlig isolierten Reste der jüdischen Intelligenz nach der Orosstadt sein. So sinkt mehr und mehr das moralischc und intellektuelle Niveau der jüdischen Provinzgemeinden; dort, wo die Juden früher durch die Masse oder durch die gesellschaftliche, geistige Macht imponierten, wurden sie immer mehr zur quantite negiigeable, zum Spielball fiir die Launen der Machthaber oder die Interessen der Kommunalhlfmgcl. Besonders krass liegen diese Verhältnisse im deutschen Osten. Zwischen Polen und Deutschen werden die Juden vielfach zerrieben, eine wachsende Ziffer jüdischer Existenzen wird wirtschaftlich aufs Trockene gesetzt und der Gressstadt zugetrieben. Die in der Provinz ausharreiiden Juden treiben, auch wo sic noch heute das Zünglein an der Wage bilden könnten, mangels jeder zielbewussten Führung eine haltlose Politik .,von Fall zu Fall", oder — und das ist heute leider die Regel — sie machen riiekgrat- und willenlos den germanisatorischcn Rummel mit und wählen ohne Gegenleistung ltihre Metzger selber”.. In klarer Erkenntnis von der Bedeutung der Akademiker als kulturellen Elementen richtet sich die Arbeit des Ostmarkenvereitts vor allen! auf die Infiltration der Ostprovinzen mit deutschen, d. h. evangelische 1t, und die Verdrängung von Jüdischen und polnischen Akademikern. Da alle Behörden, besonders die unteren Verwaltungsorgane, nach der Pfeife der Hakatisten tanzen, so werden!teilte Kreis-, Balm- .und Kasscn-Arztstelleii. Notariate und Apotlickenkonzessionen prinzipiell nur evangelischen Deutschen zugeschanzt, und, wo die also subventionierten Aerzte tisw. sich dennoch nicht Italteil körnten, werden sie auch noch mit baren Zuschüssen atis den Fonds des Ostmarkenvercins und den Dispositionsfonds der Oberpräsidenten gefüttert. Leider haben die Juden dieser bedenklichen Entwicklung gegenüber einfach die Flinte ins Korn geworfen, und wo heute in der Provinz die Praxi;, eines j!1d!sc!1<j! Akademikers vakant wird, ruckt nicht ein Jude, sondern ein Deutscher ein. Mustergütig ist im Gegensatz dazu die Halt׳;; des!,״!erttiims. Der grosse .Marciekowski-Verein, der über ansGmüehe Kapitalien und regelmässige Beiträge' \erlügt, die; t azsschiiessück der HeranFÜdung polnischer Akademiker, d e eh*.;;1 zur Nitderlasstuig in der Provinz verpflichtet sind. Handelte von polnischen Aerzte», Anwälten, Technikern, Ingenieuren usw. sind so wühreiid der letzten Jahrzehnte in die Kleinstädte gekommen, haben sich eine teste wirtschaftliche Position errungen, sind die geistigen Führer ihrer Volksgenossen geworden und haben erst den wunderbaren Ausbau der politischen und wirtschaftlichen Organisation des Polentums bis ins kleinste Nest hinein ermöglicht. Wie kläglich im Vergleich zu dieser imposanten Selbsthilfe ist die Hills- und Tatenlosigkeit des Provinzjudentums! Es ist wirklich holte Zeit, dass mau diesen Dingen näher tritt und auf Mittel sinnt, um den jiidhchen Zeniten in der Provinz plamnässig gut jüdisch gesinnte Akademiker und damit neue potentielle Energiccn zuznführen. Damit wird nicht nur Gegenwartsarbeit geleistet: Hebung des Selbstgefühls der Kleinsiadtjuden; aticlt wir können in der Provinz nur dort aussichtsvolle Propaganda entfaltete wo wir jüdische Akademiker für unsere Sache gewinnen. nehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte — kurz, ein Fleck, wie cs deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden, all der Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen Zuständen gedeihen. Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigennassen in Verwirrung־ geraten, oder vielmehr es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung. Die Gutsbesitzer, denen die niedrige Gclnch'tsbarkeit zustard, straften und belohnten nach ihrer, in den meyden Fällen redlichen Einsicht; der Untergebene tat, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiteren Gewissen verträglich schien, und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubigteu Urkunden naehzuschlagcn. — Fs ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins Auge zu fassen; sie ist seit ihrem Verschwinden entweder hochmütig getadelt oder albern gelobt werden, da den, der sic erlebte, zu viel teure Erinnerungen blenden und der Spätgeborene sie nicht bcgreift. So viel darf man indessen behaupten, dass die form* schwächer, der Kern fester, Vergehen häufiger, Gew issenlosigkeit ׳-eltener waren. Denn wer nach seiner Ueberzciigting handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann nie ganz zu ürunde gelten, wogegen nichts scclcntötcndcr wirkt, nls gegen das innere Rechtsgefiihl das äussere Recht in Anspruch nehmen. Ein Menschenschlag, unruhiger und unternehmender als seine Nachbarn, liess in dem kleinen Staate, von dem wir reden, manches weit greller hervortreten als anderswo unter gleichen Umständen. Holz־ und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung und bei den!läufig vorfalleiulen Schlägereien batte• sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu trüden. Da jedoch grosse und ergiebige Waldungen den Hauptrcichtimi des Landes ansmachten, ward allerdings scharf über die Forsten gewacht, aber weniger auf gesetzlichem Wege, als in stets erneuten Versuchen, Gewalt und List mit gleichen Waffen zu üherlneteu. Das Don B. galt fiir die hochmütigste, schlaueste und kühnste Gemeinde des ganzen Fürstentums. Seine Lage inmitten tiefer und stolzer Waldeinsamkeit mochte schon früh den angeborenen Starrsinn der Gomiitcr nähren; die Nähe eines Flusses, der in die See mündete und bedeckte Fahrzeuge trug, gross genug, um Schiffbauholz bequem und sicher ausser Land zu führen,