Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 15t erste, der den ganzen Ideenschatz in sich vereinigt hat Hätte er in einer andern Zeit gelebt, hätte er die ״Judennot“ als treibende Maschinenkrait in der heutgen Fo!m vor gefunden, er hätte bereits die äusseren Erfolge erreichen können, die einer späteren Zeit Vorbehalten waren. Aber ohne Hess, der ohne Jünger in Deutschland starb, wärec kein Smoienskin aufgetreten und hätte die russische Judcnhcit viele Versuche mit andern Ländern gemacht, che sien auf die einzige Lösung der Jiidcufrage In Palästina verfallen wäre. Die Bedeutung von Moses Hess, der unsere ganze Gedankenwelt vorgedacht hat, ist wahrhaftig gross genug, um sich mit einer Person zu liechäüigen. Die ureissig^te Wiederkehr seines TinletJges sollte deshalb allen Zionisten Veranlassung geben, sich mit ihm zu •befassen und in seine Oedanken zu vertiefen, aut denen der heutige Zynismus sich aufbaut. So möge er denn alle Zionisten veranlassen, wenigstens das grosse grundlegende Werk des Zionismus keimen zu lernen und sich in seine Gedankcnwclt zu versenken in das Werk von Moses Hess: Rom und Jerusalem. E 1 j a q t m. Brief aus Palästina ,.Arbeit und nicht Almosen!“ Mit diesen Worten schliesst ALTNEULAND seine Ausführungen über das Projekt zur Forderung jüdischer Hausindustrie und Gewerbe in Palästina, uns deshalb so beachtenswert ist, weil einzig und allein ein Projekt dieser Art, es vermöchte, für Palästina eine bessere und gesündere Zukunft anzubahnen. Wer nicht zu Überspanntheiten neigt, wer sich seinen nüchternen Verstand bewahrt hat und wer sich nicht in seinem Urteile durch frommschillcriiden Glanz beirren lässt, wird sicherlich keinen Augenblick zögern, diese Worte zu unterschreiben. Ist dies alles aber wahr, dann ist cs umso auffallender, dass trotzdem Tausende und Abertausende sich für die Chalukah mit ihrer ganzen Persönlichkeit einsetzen. Gc- Schicht es aus Mangel an Einsicht? Man muss das annchmen, denn sonst bliche es unverständlich, weiui sie sich an eine Einrichtung klammern, die sich doch ofienbar längst überlebt hat? Wir stehen hier quasi vor einem psychologischen Rätsel, und doch ist dessen Lösung so natürlich, wie nur möglich. ״Geben" gilt zunächst als göttliches Gebot; so geschieht es oft, dass der Wille des eigenen Ichs sich dem Willen des Gebieters unterordnet. Ein doppeltes Gebot kt cs, zu ״geben“, wn damit heilige Zwecke zu fördern. Nun kommt bei uns Juden — wir dürfen es ohne Furcht, der Selbstüberhebung geziehen zu werden, ausspreclicn — noch ein drittes hinzu: ״gehen“ aus Liebe. Jn der Liehe“ hat ein Talmudlehrcr gesagt, ״erkennt sich der jüdische Cliarakter." Alle drei Motive iliessen zusammen bei den Spenden für das heilige Land. Da muss eben angesetzt werden. Wir müssen uns endlich einmal klar werden, dass Miissiggang im heiligen Lande doch darum nicht als heiliger Miissiggang gelten kann! Miissiggmg fördern und Müßiggang lieber. beides ist unheilig, beides gleich verwerflich. Wäre es kein Gott gefälliges Werk, wenn den vielen brachliegenden Kräften ein Gebiet eroifnet würde, auf dem sc sich betätigen könnten, sich und der Allgemenheit zum Nutzen? Soll mau noch länger einen Preis aut den Möisiggang setzen, ,.Jeruschalajimer Talmudjiingcr unterstützen, ist ein heilig Gebot." Jawohl, Talmudjiingcr! Aber doch nicht unnütze Pilastertreter, hungernde Zeitvergeuder, an denen das bekannte Sprichwort vom Miissiggang der aller Laster Anfang ist verzweifelt leicht zum Wahrwort werden kann. Wer in dem falschen Glaube» befangen ist. dass die hiesige jüdische Bevölkerung sich nur aus solchen Elementen zusammensetzt, die mit Lernen, Sichkasteicu, Fasten und Beten ilne Tage verbringen, der komme mir einmal 11er und mache eaien Rundgang durch, die jüdischen Quartiere, dann wird er wohl eines besseren belehrt werden. Kann man denn aber den Leuten darob einen Vorwurf machen? Sind sie es denn, die uns täuschen? Lässt sich denn von jedem, ob jung oder alt, ob gelehrt oder Laie, gleich voraussetzen, dass er nach Palästina geht nachdem er mit den! Leben al>gcschIossen hat? Warum lenken wir die Massen auf Bahnen, die doch ihren Zielen so .abseits liegen? Ich möchte mich nicht in Wiederholungen dessen einlassen. was schon andere wiederholt gegen die Chalukkah vorbrachten. ALTNEULAND hat es in dem einen Satze kurz zusammengefasst: Es ist durchaus unwürdig und u n - sittlich, die Arbeitsfähigen in ihrer Untätigkeit zu bestärken. Nur möchte ich noch hinzufügen, dass es nebstdem auch im höchsten Masse s c h ä d l ic h ist. Hier eine kleine Illustration dazu aus den jüngsten Ereignissen. Vor etwa drei Monaten ist in der heiligen Stadt das Scharlachfiebcr aufgetreten und nahm gleich den Charakter einer Epidemie an, die auch leider ihren Tribut gefordert hat. Und noch heute, Ich sagte vorhin, das Turnen nehme den ganzen Menschen in Anspruch. Und ich glaube wirklich, mein Denken und Fühlen sind dadurch ebenso in Anspruch genommen wie mein Körper. Was für ein Entschluss gehört z. ß. dazu, wenn man sich an Ringen schaukelt, auf einmal nach hinten abzuspringen! Es wird dies vorgemacht und du glaubst es gleich nachmaehen zu können, i aber kaum hängst du mit den Gliedern an den Ringen, hat deine freie Willenskraft aufgehört zu existieren. Pu klammerst dLh mit deinem ganzen Sein an das runde Ehen, und selbst die Anziehungskraft der Erde ist nicht imstande, mit der der Ringe zu konkurrieren. Und was durchlebt man nicht alles in dem Momente, wo man endlich, all’ seine Sinne zusammenelmiend, nach hinten zur Erde fliegt! Nur das Wicdcrtühleu des festen Bodens unter den Füssen kann einen dafür entschädigen. Wenn man dann glücklich mit dem Fliegen durch die Luft fertig ist, kommen die Uebungen am Barren und die Turnspiele. Man stützt sich auf seine Hände und versucht seinen Körper [linüberzuschwingen, wobei man sich Anne und Beine verrenkt, und muss sich dann beim ..Dritten abschlagen" und ähnlichen Spielen die Seele aus dem Leib rennen, um endlich ein rechtlich gesichertes Plätzchen zu erlangen. Aber auch das nicht für lange, denn der böse Nachbar sinnt und trachtet nur danach, dass wir das Wandern, diese alte schone Eigenschaft des jüdischen Volkes, nicht verlernen. Ich glaube, je weiter ich im Turnen komme, desto weniger werde ich die Vögel beneiden, denen wir Juden ן jetzt so ähnlich sein sollen. Wenn ich beim Rundlauf! mitten im Fliegen meinen Körper bald nach vorn, bald 1 nach rückwärts schwingen soll, erlahmt meine ganze Geisteskraft und ich fliege durch den Raum mit־dem dumpfen Bewusstsein, dass ich irgendwohin gelangen muss, dass es irgendwo einen Ruhepunkt gibt, aber ich bin nicht imstande, mir darüber klar zu werden, wann, wo und wie das enden wird. Ich fühle, wie die eisernen Ringe mich fest am Arm halten und habe das Gefühl, mich in einer Weit zu befinden, in die ich nicht hinein-! passe. Ich bin ein Erdenkind und will auf niemer Scholle sitzen. Und ich sage mir: Wenn das Turnen diese primitiven Gefühle in uns wach ruft, muss es ein mächtigcr Faktor in unserer Bewegung werden. Sonia.