Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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! Seite 150 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 14 bringen!wollen.. Da$ :Judentum stellt für die Menschheit eine so eigenartige Individualität dar, dass ihr Untergang einen, schweren'Verlust für die Menschheit bedeuten würde*. ‘ Darum darf das Judentum, ohne sich an der Menschheit zu versündigen, sich selbst nicht aufgeben. Es muss der Menschheit einen Kulturfaktor erhalten, der einmal eine Bibel geschaffen hat, dem die abendländische Welt ihre ganze ethische Kultur verdankt, und der noch Grosses für die Gesamtheit zu leisten, imstande sein wird, wenn es als Individualität nicht auihört zu existieren. Um seiner selbst willen, um der Menschheit.willen und um der Kultur willen, darf das jüdische Volk nicht in der umgebenden Menschheit spurlos verschwinden wollen. Das Judentum hat so Grosses geleistet',, dass man sich billig von seiner Fortcxistciiz Grosses versprechen darf und muss. Der Schöpfer der Bibel und der ethischen Kultur darf nicht unter gehen! Heinrich Sachse. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistiscnen Vereinigung für Deutschland. 1. Unser Bureau befindet sich jetzt Berlin W. Cö, Mauerstrasse 2 III. 2. In drei Städten der Provinz Posen w erden insgesamt zwei jüdische A c r z t e und zwei jüdische Anwä 11e gesucht. Parteigenossen, für welche diese Mitteilungen Interesse haben, bitten wir, sich an Herrn Dr. Karl Jeremias, Posen, Alter ׳Markt 95, zu wenden. Moses Hess ' Zu seinem dreissigsten Todestage .י An der Spitze der jüdisch-nationalen Bewegung in Deutsch-!and steht ein Mann, der mit seiner flammenden Begeisterung : für aües Ideale und Göttliche, mit seinem spinozistischen Enthusiamus seine Zeitgenossen in Verwunderung setzte. Hess wurde angestaunt, ohne verstanden zu werde«. Ganz anders Ist es der Fall mit dem Manne, der ein Jahrzehnt der Führer des nationalen Judentums in Russland gewesen ist. Er wurde; .. Vom Turnen Vor kurzer Zeit habe ich, als eifrige Tochter Zions, das Vergnügen gehabt, eine neue Pflicht in mein Rcpertoir aufzunehmen, und zwar eine Pflicht, die im Gegensatz zu all ihren modernen Schwestern, nicht einen Teil des Menschen, wie z. B. seinen Kopi, oder seine Beine, oder sein Portemonnaie, oder seine musikalischen Begabungen in Anspruch nimmt, sondern den ganzen Älenschen in seiner ganzen Grösse, oder auch in seiner ganzen Kleinheit, wenn speziell von mir die Rede sein soll. Denn zu all unseren Pflichten, wie: Sammeln von Schokolade- und Flaschenstani 01, Zigarrenabschnitten, Briefmarken etc., Gründung von Frauenvereinen, Tanzen ...bei ,zionistischen Bällen, Singen und Spielen bei Auf- ..führuugen, Verkäufen von Broschüren bei Vorträgen, Sammeln für Nationalfonds etc. etc., kömmt noch die;.eine grosse Pflicht hinzu, — Erziehung der zukünftigen (.Muskeljüdinncn, — mit anderen Worten, die hohe Pflicht •j;Ües Turnens. Wie hoch diese Pflicht ist, begreift inan -aber.erst später, wenn man sich leichtsinniger Weise dazu hat verleiten lassen, auf allen Vieren eine schräge . .Leiter -hinaufzukrabbeln, und wenn diese Leiter, auf deren höchster Stute man eben angclangt ist, nun anvon seinem Volke verstanden, ohne der Bewunderung anheimzufallen. War der dcustclic Jude Hess die Verkörperung des jüdisch-patriotischen Idealismus, so darf man den Dr. Leon Pinskcr getrost dcii Materialisten der hebräischen Nationalidcc neiinen. In Pinsker erscheint deutlich der Charakter der polnisch-jüdischen Volksmenge, wie sie zwischen Elbe und Wolga wohnt, in Hess dagegen der Typus und Charakter des deutschen Juden, wie er •sich westlich der Elbe herausgebildet hat. Piiskcr betrachtet alles von rein materiellem und materialistischem Standpunkte, ohne darum etwa aufzuhören, sich iür Ideale erwärmen zu können. Aber im Völkerleben sucht er die materialistischsten Beweggründe iiir die geistige Bewegung der Menschheit. Während z. B. Hess immer und immer wieder auf den ahisraclitischeu Messiasglauben zuriiekgeht, 11m aus ihm Rüstzeug iür seinen Pantheismus zugteich und iür seine jüdische Nationalidee zu holen, will Pinsker zeige!!, dass gerade dieser Messiasgedanke und der Gottesglaube dazu beigetragen haben, den Gedanken an eigene Ehre und Selbsthilfe in unserem Volke unterdrückt zu haben. Er ist materialistisch genug, um zu leugnen, dass es im Völkerleben etwas gäbe, was man Mission oder Beruf neunen dürfte, und erschüttert von diesem Standpunkte aus den Glauben an die Mission des Judentums, die er iür einen Nonsens mul eine unehrliche Erfindung hält. Der Atheist Pinsker konnte tutmöglich anders sprechen. Hess, der aus seiner Freiheitsiiebe heraus, die mit einem sehr grossen Stück ge :r Romantik gepaart war, dazu kam. einer der ersten Vertreter und eifrigste! Verfechter der jungen sozialistischen und demokratischen Internationale zu werden, blieb immer der Idealist, der frei!ich nicht darum auiiiörte auf icstem ,Boden zu wandeln. Ging Pinsker deshalb ursprüngiieh von der Judcnriot aus, hatte er diesen! Ursprung seines Nationalismus gemäss erst nur ein beliebiges Land als Zukunftsland einer neuen jüdischen Volkseinheit in Aussicht genommen und rauste er also erst durch die schon beginnende zionistische Bewegung auf Palästina hingewiesen werden, neben dem es kein anderes Land als Heimat und Zukunft der Juden gcxn könnte, so hat Hess, dessen Judenstaat nur eine Fortsetzung und Konsequenz der jüdischen Geschichte war.von vornherein an kein anderes Land als Palästina denken können. Hess war nicht nur Nationaljude, er war Zionist in! prägnantesten Sinne. Die grossen Grundideen, aus denen der Zionismus seine u*!vcrwüstliche Kraft schöpit, sind historischer Art Sie sind alle bei Hess bereits vorgedacht und vorausgefühlt. Er ist der fängt, die wildesten Tänze aufzuführen und so zu wackeln; dass man sich ängstlich an die Sprossen klammern muss und nicht mehr weiss, wie man je im Leben von dieser •schwindelnden Höhe auf die feste Erde zurückkehren soll. Ach, die Erde, dieser heimatliche Boden! Ich habe nie gewusst, welch’ feste Bande mich an sie knüpfen, bis zu dem Augenblick, wo ich meine beiden Fiissc auf einmal von ihr loslösen sollte, um über eine Schnur oder ein Brett zu springen.. Es wurde uns erst vorgeinacht und schien so leicht, und die anderen sprangen auch so leicht darüber hinweg, aber wie die Reihe an mich kam ... da lernte ich erst den Unterschied zwischen mir und den deutschen Jüdinnen kennen. Während die, vom Boden abgerissen, ihre Heimat schnell vergessen und sich den Verhältnissen anzupassen gelernt haben, habe ich von meiner frühesten Kindlich den Erd• geruch mit mir getragen und mich in meine alte Heimat geträumt. Generationen hatten diese Sehnsucht nach der Erde in sich gepflegt und behütet, und diese vererbte Sehnsucht, glaub’ ich, ist es, die beim Anblick eines Seiles oder eines Sprungbrettes stets meinen einen Euss fest am Boden kleben lässt, wem! der andere den Versuch macht, in der Luft zu schweben. Und so bin ich noch nie mit beiden Füssen zugleich herübergekommcii. י■ w U,®1!■ ׳ 1.. זי״^-יי. יי״״ .«