Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651408--02221-2659115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 142 No. 13 JÜDISCHE RUNDSCHAU Dass wir nun in einem speziellen Gedanken- und lnteressenkreise erzogen worden, den wir mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern gemein haben, liegt in der Natur der Sache. Es wäre auch ganz recht so, da wir mit ihnen unemilieh viele Interessen gemein haben. —־ Das Schlimme ist nur dass wir unsere besonderen Interessen ganz und gar vereachläss:- gen. — Wenn man dem Knaben vom ersten Erwachen des Verständnisses an nicht nur von Hermann dem Cherusker, sondern auch von Juda Makkabi erzählte — wenn mau nicht nur von den glänzenden Turnieren des Mittelalters, sondern auch vom Leben der Gemeinden in Worms und Mainz in der vorlehmannchcn Zeit berichtete — ich glaube, der deutsche Patriotismus würde darunter nicht leiden, aber dafür erhielten wir etwas geradere und ihrer selbst bewusstere junge Juden, als sic bis heute vom Gymnasium kommen. Ist cs nun aber nicht geradezu treulos - nicht von Herrn Professor Geiger *- von ihm ist es mir gedankenlos! — erst die Kenntnis alles Jüdischen zu unterbinden, alle jüdischen Werte unter fremder Maske zu verberger — und dann zu schreien: Ilir habt nichts Jüdisches gelernt, Ihr seid nicht Juden!! — Ja, wenn wir uns nach ihren Verordnungen gerichtet hätten — wenn wir noch zwei, drei Generationen uns danach richten würden!! Aber damit is! cs ein für alle Male vorbei! Wir sind nicht nur treue Burger des Staates, dem wir angehören * * wie die anderen - . sondern! wir erfüllen auch unsere Pflicht ־- wie die anderen. Wir j sind Yollmenschcn geworden, wir begehren das Rech: für uns.! unsere Individualität ausleben zu dürfen — unsere Volks- ' individualitüt. Und wir wissen, dass wir erst mit der Inanspruchnahme und Betätigung dieses Rechtes, dass ein jeder sonst frei und ungehindert für sich in Anspruch nimmt, die ernsthafte und volle Gleichberechtigung erreichen. Ja, wir wissen noch mehr! Wir wissen, dass wir am diese Art auch uns des Dankes der gesamten Kulturweh versichern! Denn das ist die ernsteste Seite dieses Themas: Durch die gewaltsame Unterdrückung einer Entwickelung der jüdischen Kultur berauben wir die Welt hoher und unersetzlichcr Werte! Wir sind der Meinung, dass wir imstande sinJ,! durch Förderung jüdischer Eigenart der Welt ungeahnte ■ Schätze zu erschliessen. j Es ist also nicht so weit, wie Herr Professor Geiger uns J glauben machen möchte, dass wir uns entschlossen haben. 1 auf unser Volkstum zu resignieren — ganz abgesehen davon, dass das ein unmögliches Unterfangen wäre, denn Blut ist aus zwei Steinen besteht, von der uns Kunde wird aus der Odyssee des alten Hemer. Eine Frau hat einen Maishäufen vor sich liegen und dreht mit einem Holzgriffe den einen Stein über den andern und verwandelt so das Korn in Mehl. Neben ihr hat sich ein Kamel mit seiner Last niedergelassen und sperrt die Strasse, so dass wir einen der zahllosen Seitengängc einsehlagen müssen. Hier liegt auch die österreichische Postanstalt, die sich in ihrem Aeusscren ganz der arabischen Umgebung angeprpst zu haben scheint. Weiter unten gelangt man am Quai zu den Agenturen der verschiedenen curo* päischen Schiffs- und Damptergcsellsehatten. Hier sind alle Häuser aus jenem Tinstein anfgeiührt, dem der Franzose den Namen pierre tendre gegeben hat, und aus dem der Untergrund des ganzen Westjordanlandes besteht. Er bewirkt es, dass man vom Meere aus beim Blicke aui AU-Jafia den Eindruck bekommt, als wachse die Stadt aus dem unterliegenden Tuffsteinfelsen hervor. So sehenswert die Stadt Jaffa als der Typus einer orientalischen Stadt ist, die eben im Begriff steht, ein europäischer Handelsplatz zu werden, so wenig besitzt sie an eigentlichen Sehenswürdigkeiten. Jedoch wird an zwei verschiedenen Stellen das aus der Apostelgcschichte bekannte Haus Simons des Gerbers gewiesen. dicker als Wasser -- auch als Taufwasser. Möglich, dass bislang nur Anfänge vorhanden sind — aber das Entscheidende hier ist vielleicht der Wille und das Empfinden. Das wird gerade Herr Professor Geiger uns zugestehen, der immer mit diesen beiden operiert. Da er sich nicht als Jude fühlt, da et nur Mitleid empfindet — ist er seiner Meinung nach ke׳n Glied des jüdischen Volkes! Und weiter, wenn er Ausnahmegesetzc gegen uns vorsch.lägt — die wir dem jüdischen Volke angeboren wollen — so setzt er doch damit voraus, gibt er damit zu, dass unser Wille uns zu einer gesonderten Nation stempelt! Ich meine übrigens, dass Wille und Empfinden nur ins׳»• fern entscheidend sind, als aus ihrem Vorhandensein oder Fehlen Rückschlüsse auf die Wahrheit zu ziehen sind. Es ist die Existenz unseres Volkes eine Tatsache, durch unsere Lei enskraft, durch unseren Willen und unsere Empfindung bezeugt. Es mag der Bünde das Licht leugnen ־- die Sonne sendet ihre Strahlen. Da hilft alles Argumentieren und alles Protestieren nichts, — cs bezeugt nur, dass der Opponent blind ist oder gewaltsam die Augen verschlieft. Nun sagt de! Herr Professor weiter: Der Zionismus Ist gefährlich und verderblich. Darüber wollen wir mm nicht viel Worte iniir verlieren: Wir i esit/.ii heute Dukiiraente von Beweiskraft Zeugnisse von Gelehrten und Künstlern aller Kulturvölker die uns Dank iiir unsere Arbeit sagen, die bekunden, dass unser Werk heilbringend iiir die Gcsamtmenschheit. wie für unser Volk sich gestaltet. Wir können mit Stolz darauf!!:::weisen, daf wir grosse Kuiturwerke bereits geschaffen haben * Millionen i Verzweifelter haben wir mit neuer Hoiinnag belebt lind grosse kiilturspendende Organisationen!!aber! wii ins Leben geruien. In den fast acht Jahren unseres Bestehens müssten doch die Gefahren auch sich irgendwie gezeigt haben. ־*• Wo sind sie? Regierungen haben mit unserem Aktionskomitee als dem Vertreter einer loyalen und und ernsthaften Bewegung verhandelt -־- Sympathiekundgebungen von allen Seiten sind uns ziigctlossen -- wo bleiben die Gefahren, die man uns prophezeit hat? — Einem Juden, dem Herrn Professor Dr. Ludwig Geiger zu Berlin, blieb der Ruhm Vorbehalten, uns als eine Gefahr zu denunzieren, gesetzgeberische Massnahmen gegen uns zu verlangen. Es ist richtig, dies ist eine Gefahr, die wir freilich nicht vorausgesellen haben und hei der Selbstachtung, die wir als Juden besitzen, nicht vorausseheu konnten, dass ein Jude zu jenem Grade von Verblendung gelangen könnte. Es ist Im armenischen Kloster zeigt die Sage einen Saal, wo Napoleon der Grosse die Pestkranken habe vergüten lasseti, und bei der architektonisch nicht uninteressanten Moscltelt findet der Besucher einen Brunnen, der mit seinem steinernen Oberbau dem Grabe eines Heiligen der Muslimin durchaus ähnlich ist. Unmittelbar dabei steht der Fanar. ein Leuchtturm, dessen Feuer man in der Entfernung von zwei bis drei deutschen Meilen von der See aus leuchten sieht. Der Handel Jaffas hält gleichen Schritt mit dem Wachstum der Stadt. Unter den mehr als 30 000 Einwohnern siud etwa vier- bis fünftausend Europäer, wovon ca. 750 Deutsche sind. Der Ausfuhrhandel betrittt zumeist Seife, Olivenöl, Sesam. Sorghum (Dttrrlia). Mais, Orangen (die Jaffa-Orangen sind die besten und geschätztesten), Mandeln, Cifrttsäptel, Wein und Getreide. Allein über 70 Millionen Orangen werden alljährlich exportiert, welche einen Wert von 2t:- Millionen Mark repräsentieren. In den letzten Jahren hat si;! ein besonders schwunghafter Handel mit den Weinen der jüdischen Ackerbaukolonie Rischön-rZifm entwickelt, die sich besonders in Alexandria und Cairo allgemeine״ Beliebtheit erfreuen. Ganz ausserordentlich tragen aber zu dem gewaltigen Aufschwünge Jaffas die gewaltigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.