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Jüdische Rundschau · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 13 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite Hl ״welcher Unterschied besteht zwischen einem englischen . Lord und einem russischen Schnorrer, einem Amsterdamer Diamantschleifer und einem deutschen Landgerichtsrat, — wenn alle vier jüdischen Glaubens sind,” Sehr hübsch in der Tat. Glaubt der Herr Professor, dass der Unterschied geringer ist, wenn es sich um einen 7.0• hiilter aus Berlin N.. — einen Kommerzienrat aus Berlin W. — einen Literaturprofessor und einen Brettlkomiker handelt, die sämtlich deutsche Staatsangehörige sind, Zugeben will ich. dass der Unterschied zwischen einem jüdischen Gemeinderepräseiitanten und einem arischen Dreschgrafen bisweilen schwer zu erkennen ist. Ernstlich meint der Herr Professur — und da hier wieder ein sehr wichtiger Gesichtspunkt l>erührt ist, wollen wir von der kindischen Art der Argmncntation absehen, — dass der deutsche Jude ganz und gar ir. deutscher Kultur wurzele, nach Sprache Neigungen. Denkart etc. — Es liegt darin unstreitig etwas Wahres. — Wir können und wollen nicht abstreiten, dass bei den meisten unserer Stammesg'enosseu in Deutsch'and auf ihren geistigen Entwickclungsgang mir zum sehr kleinen Teil jüdische Kultur* ־ quellen eingewirkt haben Wir brauchen gar nicht einmal an die bewussten Assimilanten zu denken. Wir alle fast sprechen besser deutsch als jüdisch oder hehraisch. wir haben als Quintaner auf die Tucke des welschen Erbfeindes geschimpft, haben als Tertianer den Krämergeist der Nattern jenseits des Kanals verspottet und haben als Primaner unser Hohenstaufenürama in flüssigen Jamben gesell rieben. — W ir beherrschen zum grossen Teil Walle, *stein besser, als Jelmda Halcvys Divan und haben uns mehr mit IDkt״r Faust beschönigt, ab mit Eilischa beit Abujali. —- Selbst bei unseren juugiüJischen Dichtern und Künstlern dürften wir bei weitem mehr andere als jüdische Einwirkungen uachuciscii können. — Aber was ist damit für die Geigersclie These bewiesen? Zunächst würde er konsequenter Weise beispielsweise einen E'riedrich den Grossen erbarmungslos den Deutschen rauben, da gerade dieser deutsche Fürst und Philosoph ganz und gar von iremder, französischer Kultur abhängig war, für die deutsche Sprache und Literatur sogar nur Verachtung bcsass. — Aber weiter ist denn doch unsere westeuropäische Kultur überhaupt eine einheitliche, bildet sie eine grosse geistige Gütergemeinschaft, zu der die einzelnen Nationen und Individuen nach ihrer Eigenart beigetragen haben. — Wohlverstanden! Ich bin weit davon entfernt, etwa die Piirase wiederholen zu wollen, dass Dichter und Denker überhaupt von keiner bestimmten Nation in Anspruch genommen werden dürfen. Ganz im Gegenteil bin ich überzeugt, dass nur die Entwickelung der Individualität der Einzelnen wie der Nationen zur Schaffung neuer Kulturwerte führen kann. Aber ihr Produkt, das, was von den einzelnen Nationen, von den Genies und Talenten der einzelnen Völker geschaffen ist, das ist Gemeingut Aller. — Nur die Römer konnten das wunderbare Rechtsgebäude aunühreu, das heute allen Nationen Schutz verleiht, nur die Griechen konnten jene Ideale der Schönheit finden, an denen alle Menschen sich heute erfreuen, nur die Juden konnten jene in ihrer Einfachheit grandiosen Maximen der Lebenskuust aut'־ stellen, die der Entwickelung aller Völker zur Grundlage dienten. -- Wenn wir beute in abendländischer Kultur wurzeln, sc* bcdeutet das. dass wir Vorteile von allem ziehen, was alle Kultu ז Völker der Welt seit Anbeginn geschaffen haben. Wir Juden haben nicht am wenigsten dazu beigetragen. Aber wührend man jetzt schon, beginnt, uns selbst das streitig m machen, was uns früher nie bestritten ist — unsere ältesten Gallen auf dem Altar der Menschheit — Ist man darüber seit lange einig, was seit Jahrhunderten und in die neueste Zeit von uns geschenkt ist, uns abzusprcchc:־. Alles, was ein Jude an Kulturw׳crien sci.afii, wird sofort \<:1 der Gesamtheit, innerhalb deren er ich:, annektiert; nur das Böse, das ein Jude schafft, das wird der Gesamtheit der Juden angerechnet. Mark AntoKolsky durfte .nicht i1׳ Russlani leben — seine Werke aber stellen als Blute russischer Kunst im Alexaiidcrnniseum in Petersburg. — Statt vieler anderer gewichtiger Beispiele nur c :'. drastisches, das mich persönlich heiter und wehmütig genug stimmte. Beim Schachkongress in Hannover 1902 waren von IS anwesenden Meistern 9 Juden. Und da tobte der Kampf darum, ob diesmal die Deutschen oder die Engländer, oder die Amerikaner oder die Russen sich als die für das königliche Spiel Befähigtesten erweisen würden. Und ein Mit• bürger ״mosaischer Konfession“, der sc!1 über den starken Prozentsatz von ״Glaubensgenossen“ ireutc, blieb stumm, als ich ihn um Aufklärung ersuchte, welches wohl der innere Zusammenhang zwischen Schach und Religion sei. — Wir liefern bis heute und überall spezifisch jüdische Kulturwerte; diese, werden nur nicht als jüdische anerkannt. Jeder Baustein, den wir bringen, wird akzeptiert, aber die Quittung erhalten andere. — Man kann aber nicht sagen, dass in der Kultur, welche wir besitzen, weniger jüdische als germanische oder slavische Elemente enthalten sind. die Kraft seiner nackten Heine zu bew undern. Alle diese Scharen von belasteten Kamelen, Eseln, auch Pferden und Maultieren nehmen ihren Weg von der Jerusalemer Strasse her oder durch die Nedscliub Unsres über den Bazar. Hier mm drängt sich das gesamte Leben mtd Treiben Jaffas zusammen und lasst erkennen, dass der Platz als j Landstadt kaum weniger wie als Hafen bedeutend ist. 1 Mitten in dem Gemisch von Sand, Staub und Schmutz 1 hocken hunderte schmutziger brauner Gestalten von j jeder Grösse und jedem Alter, die alle vor sielt und unter sielt Waren aller Art haben, die sie laut sehreiend dem Passanten, die sich mühevoll durch das Gewühl hindurehdrängen, anpreisen. Hier hält mir ein robuster Mann Weintrauben beinahe ins Gesiebt, während der Knabe dort mit den hellen Kehltimen, wie sic den Beduinen eigen sind, die Vortrefflielikeit seiner Granatäpfel rühmt. Ein etwa achtjähriger Knabe läuft uns bettelnd nach, indem er sich erbietet, das Gepäck, wovon wir aber durchaus nichts bei uns führen, zu tragen. Ein älterer Knabe jagt ihn mit Prügel von uns fort, indem er ihm erklärt, dass dies sein Rayon wäre, und uns nunmehr mit gleicher Zudringlichkeit und Hartnäckigkeit verfolgt, indem auch er vorgibt, unser Gepäck tragen zu wellen. Nur hie und da drangt sich ein Stiefelputzer durchs Gewühl, um uns seine Dienste anzubieten. Ueberhaupt macht sich diese Landplage der grossen orientalisehen Städte, unter der ganz besonders Alexandria und Cairo leiden, hier und in Jerusalem weniger bemerkbar, während freilich die nicht minder arge Plage des Schmutzes hier auf dem Bazar üppige Blüten treibt. Unmittelbar an den Bazar sehliesst sieh nach Südwesten das eigentliche arabische Viertel an. Hier ist es, wo ursprünglich die Stadt Jaffa lag, und wo sich jetzt auf einem etwa vierzig Meter hohen Fclsem ein Wirrsal von Strfissclien und Gässchen erhebt, das dem Fremden ein Zu rechtlinden zum mindesten mühsam, wenn nicht gar unmöglich macht. Man steigt Treppen auf und Treppen nieder, und der nicht Einheimische staunt einfach ob der Möglichkeit, dass diese kaum zwei oder drei Fass breiten Stutengänge Strassen ur.d diese schmutztgen fensterlosen Mauern menschliche Wohnungen bedeuten sollen. Und im Staube dieser Gassen, die sich, obwohl sic grösstenteils überbaut sind, bei Regenwetter in schlupfrige Rutschbahnen verwandeln, sitzen Männer und hocken Frauen, indem sie durch ihrer Hände Arbeit den geringen Bedarf ihres Lebens erwerben. Hier bekommt mau noch die uralte Haudmühle zu sehen, die

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