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Jüdische Rundschau · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite HO JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 13 immer mehr und mehr in eine Ausnahmestellung gedrängt, wurde die Kluft immer grösser. So schuf sich die Welt selbst mit einem Raffinement ohne Gleichen eincij ihr unsympathischen Typus, — um dann mit den Fingern auf ihn zu weisen und zu rufen: Pfui, — welch ein Greuel! — Es ist einem kleinen, sehr kleinen Bruchteil von Juden gelungen, sich von jener hässliehen Situation für ihre eigene Person zu befreien. — Aber das nfttzt weder ihnen noch der Gesamtheit! Denn da die ungeheure Masse in jenem Zustande verharrt, verharren muss, in den man sie gegen ihren Will«! gebracht, •־־ so gilt als der Typus des Juden noch immer jene unglückliche, dem Fremden unsympathische Gestalt. Noch mehr: das Golus und jene freundliche Erziehungsmethode haben manchen unseres Stammes ihre Merkmale auch auf die Seele gedrückt; es gibt unter uns, gerade unter den der formalen Gleichberechtigung teilhaftig gewordenen Juden, viele solche Golusnaturen, die den Spott und die Verachtung 11crausfordern, indem sie sich ihres Volkes, ihrer Vergangenheit, ihres Namens und ihres Glaubens schämen, die feige und hündisch um das Gnadenbrot w inselnd, selbst in das Hcp-Hcp-Oehcul einstimmen. ־- die ihres Judentums wie einer Schuld bewusst, zuerst den Ruf .,Haut den Juden“ ausstossen und die, um ihre Gesinnungstiichtigkeil zu erweisen, sich nicht scheuen, die still und stolz ihres Weges gehenden anderen besseren Juden dem blutdüistigen Mob zu denunzieren. -- Das sind die Juden, die den Antisemitismus stützen! In dem Augenblicke nun. wo das eine schwindet, muss auch das andere vergehen. * - Aber es ist eben so, dass es cm Ende des Antisemitismus, wie das des Judentums nur dann gibt, wenn beider Grundlage, das Golus, verschwunden ist. Würde das höchste Ziel der Judenfeinde erreicht sein, das Ende des jüdischen Volkes, — dann freilich, aber keinen Moment eher, würde es auch mit der Zions-Sehnsucht des Volkes vorbei sein. — Wenn aber, so wie wir es uns denken, das Exil geendet sein wird, — wenn jene ungeheure latente Kulturkraft des jüdischen Volkes losgelöst wird, wenn auf dem Boden Palästinas eine Pflanzstätte der Kultur erstehen wird, dann wird der Name ״Jude“ als Ehrenname anerkannt sein, dann wird die Voraussetzung des Hasses der Anderen, wie die feige Scham der Einen ausgetilgt sein. — Und so zeigt cs sich, dass die einzige Hofhtung, welche wir liegen können, endgilUg die antisemitische Strömung zu überwinden, eben da liegt, wo alle unsere nationalen Hoffnungen liegen, - in dem Streben und Kämpfen für unser Zions-Programm. Und das hat das jüdische Volk in den Zeiten schwerster Bedrängnis gewusst. Jener stete Refrain: ״Im kommenden Jahre in Jerusalem“ — jene stetig wiederkehrenden Gebete um Zion — die Herr Professor Geiger gotteslästerlich genannt hat! -- sic legen Zeugnis dafür ab. ln aller Qua! des Augenbllcks verzweifelten die Verfolgten nie, da sie die Gewissheit einer besseren Zukunft hatten. Nur diese Hoffnung, nur die stete Arbeit auf die Verwirklichung dieses Ideals hat das jüd'sche Volk erhalten. — Dieser Gedanke hat ihnen gleich einer Feuersäule durch die nächtliche Wüste des Mittelalters den Weg gewesen. — Und wenn man heute nicht mehr diese Gebete verstellt, wenn!11 a n heute diese Worte als sinnlose Phrase streicht, — nun, dann ist in a n eben nicht den inneren ’Entwickelungen genügt, sondern m a 11 ist eben nichts als c־u Angstprodukt des Antisemitismus. Es ist kläglich, sich in der blossen A b weil r zu verzetteln; die beste Abwehr ist positive Arbeit!! — Statt solche zu leisten, statt nach eigenem besten Gewissen zu handeln, schielen gär viele ängstlich immer nach den bösen Antisemiten, so dass, wenn man sich nach diesen Jude:׳ richten würde, Ahlwardt und Piickler geradezu das Gewissen des Judentums bildeten. ״Der Zionismus — dies ist der zw vite Leitsatz des Autors — der Zionismus ist innerlich unberechtigt, weil er ein jüdisches Volkstum konstatiert, die deutschen Juden wissen aber mir von einem Volke, dem deutschen.“ Ich kann zur Charakterisierung dieser Phrase, die wir öfter haben hören müssen, dass es kein jüdisches Volkstum gäbe, nichts Besseres finden, als die alte Anekdote־, die ich schon einmal in solchem!*alle erzählt habe, ■ den Ausruf des Arztes, der seinen Patienten, den er aufgegeben hatte, nach langer Zeit frisch und gesund wiedersieht: ״Was? Sic leben und erholen sich?! Dann haben Sie sich nicht nach meinen Anordnungen gerichtet!“ D.esc Herren amputieren uns unsere Sprache, unsere Gebete, unsere Sitten, — gerne würden sic auch die Nasen amputieren. — und rufen dann aus: Wo ist deine Sprache, — wo sind deine besonderen Kennzeichen? — und leugnen keck uns ins Gesicht unsere eigene Identität. Den! aber, der sich unberührt und unverfälscht erhalten hat, werfen sie dies noch entrüstet vor! — Selbst Herr Professor Geiger kann nicht leugnen, dass au gewissen unamputierbaren Eigenschaften der Jude überall leicht kenntlich ist. Aber, sagt er: verstaubten und versteinten Lande werden könnte, wenn ein europäisches Volk, das dem Klima gewachsen wäre, sicli an die Kultivierung dieses uralten Kulturbedens machen würde. Freilich ist auch das griechische und armenische Viertel besser als das deutsche, jedoch beweisen sie nur den Rciclittmi und die Macht dieser Nationen im hiesigen Lande, während der Deutsche durch seine Sauberkeit und Ordnung in dieser Stadt des Schmutzes und der Unordnung sich vorteilhaft auszeichnet. Leider ist ihnen das Klima sehr unzuträglich: und wenn auch die kernigen Naturen der Erwachsenen dem Fieber und allenfalls auch den häufigen Augenkrankheiten Widerstand zu leisten vermögen, so kann man kaum •von dem He ran wachsen einer neuen Generation reden, und über kurz oder lang werden die Templer den Beden des Heiligen Landes doch verlassen müssen. Dann wird die Kolonie, die heute wie eine deutsche Oase sich im orientalischen Wirrwarr ausnimmt, sich mehr und mehr der ebenso bunten wie ordnungslosen Umgebung anpassen und der Orient an die Stelle dieses Stückchens Occident treten. Eine Vertreterin des Orients ist Jaffa kaum minder als irgend eine andere Stadt des asiatischen Vorlandes. Der aus allen möglichen Nationen Vorderasiens gemischten Bevölkerung haben sicli die meisten Europäer so ungegliedert und angeglichen, dass die Stadt trotz ihrer Eigenschaft als Eingangshafen von Jerusalem doch stets jenen arabischen Anblick he wall rt hat, der den Europäer so fremdartig anmutet. Daran ändert auch nichts der Umstand, dass jetzt für die Armenier, welche die Absicht haben, sich liier festzusetzen, ein grosses Quartier gebaut wird, dessen schon fertiger Teil fast gänzlich leer steht. Zu dem orientalischen Aussehen der Stadt tragen mehr als die!,ahnen und Berbeneigen, mehr als die Orangen- und CJrauatbäume die grossen Scharen von Kamelen bei, die mit Glocken um den Hals die Stadt durchziehen und Lasten schleppen, die uns schier unbegreiflich sind. Mit langsam abgemessenem Schritte trägt ein Kamel die ganze Ausrüstung einer im Umzuge begriffenen Familie, während diese selbst oben darauf hockt und sich auf dem hohen Rücken des Kamels wiegt. Daneben trabt in hurtigem Laufe ein Eselchen, das uns besonders deshalb in die Augen fällt, weil drei halbwüchsige Burschen einer hinter dem andern sitzen. Neben einem Reiter trabt, imerinüdet durch einen mehrständigen Dauerlauf, dem gewöhnlichen Sport der Araber, ein armer Fellache und giebt uns Gelegenheit,

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