Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite US . . J1DISCHI: Herr von Einem bestätigte, er habe selbst in seinem Regiment tüchtige Jüdische Soldaten gehabt; gegen die jüdischen Soldaten sei überhaupt nichts zu sagen; er sei der Ueberzeugung, dass die jüdischen Soldaten im Frieden durchaus ihre Schuldigkeit tun und dass sie sic auch im Kriege tun würden; und die jüdische Religion könne unter keinen Umständen einen Gnmd abgeben, jemand nicht zu befördern. Und dann erzählte er die Geschichte von dem jüdischen Vater und dem jüdischen Sohne, der gern Reservelcutnant werden wollte. Er habe dem Vater, der zu ihm kam, den Rat gegeben, den Sohn an ein bestimmtes Bczirkskommandu zu schicken, wo das Reserve- und Landwehroifizierkorps zum grossen Teil aus Kauileutcn und Lehrern׳ ״Elementen der liberalen politischen Richtung“, zusanuuengesetzt sei. Cer Sohn wurde aber dort schlankweg abgelehnt mit der offenherzigen Begründung, weil er Jude •sei. ״Ich habe, sagt der Minister, sofort an den Kommandierenden General geschrieben und ihm gesagt, dass dies unmöglich ein Grund sei, um einen jungen Mann, der im übrigen das Qualifikationsattest habe, abzulehncn. Der Kommandierende General war sofort meiner Meinung: er hob die Wahl auf und ordnete eine Neuwahl an, sofern sich der betreffende junge Mann wieder zur Wahl stellen wollte. Er sagte zu. Meine Herren, dieses genannte, aus so verschiedenen Klassen zusammengesetzte O i i i ־ z i c r k o r p s hat nun den jungen M a n n einstimmig a b g e 1 c h 111." (Bewegung). Der Hohe Reichstag hat sich ganz unnötiger Weise ״bewegt.“ Ihr aber, deutsche Juden, könnt ihr denn wirklich diese ewigen Debatten und diese immer wiederkehrenden Geschichten mit staunender Wehmut anhören, statt euch in einem befreienden Lachen Luit zu machen und dann Euch endlich einmal zur Besinnung aufzu raffen?! Wozu erzählt der Herr Minister diese Geschichte? Um seinen guten Willen zu beweisen, und seine Ohnmacht, etwas an dem gegenwärtigen Zustande zu andem! Er konnte doch im Emst selbst nicht erwarten, dass das Ofiizierkorps, gerade dieses, den jungen Herrn wählen würde. Welches Oifizierkorps der Welt wird sich denn in den Augen der anderen Korps selber degradieren RUNDSCHAU No. U w olle 11? Und da in den anderen Korps nicht nur, sondern in der allgemeinen Achtung ihrer Standesgenossen die Aufnahme eines Juden in das Korps eine Selbstdegradatioii bedeuten würde, so ist es wirklich zuviel verlangt, dass gerade dieses Ofiizierkorps, das seiner ״liberalen Elemente“ wegen gewiss ohnedies nicht sehr angesehen ist ־ man kennt ja den Dünkel innerhalb der Offizierkcrps zur Genüge! einen Juden aufnelunen solle. Nicht einer, nicht ein einziges jener ״liberalen Elemente“ stimmte für die Aufnahme. Einstimmig wurd: der Jude abgelehnt. Und dagegen ist der Kriegsminister in der Tat ohnmächtig. Was bei Herrn Schönstedt eine Verlegenlieitsansredc war, das musste Herr von Einem als eine Tatsaclic mitteilen: ״Ich von meinem Standpunkt g'aube meiner Pflicht genügt zu haben, 1111*1 mehr können Sie von» mir nicht verlang״:׳" - so schloss der Minister seine Rede am zweiten Tage der grossen Judendebatte, und man wird dagegen nicht viel sagen können, denn dieses ״mehr“, auf das eben gerade alles ankommt, das kann man in der Tat nicht fordern. Man mag es wütisclienswert finden, aber kein »Minister handelt seiner Pilicht zuwider, wenn er es sich versagt. Er wäre vielleicht, ja wahrscheinlich auch dann noch olmmächtig. Denn in seiner Rede sagte der Minister noch etwas, das den deutschen Juden zu denken geben sollte, die iicch immer icstgcsclilosseiien Auges den Traum von der Gleichberechtigung weiter spinnen; er sagte: ״Sie werden doch z 11 g e b e n, dass nicht nur in den höher gestellten Kreisen, sondc rn bis tief in die Bevölkerung hinein ein Gegensatz zu den Juden b e ־ steht, dass der jüdische Kamerad nicht gefällt. Aberer muss ertragen werde 11.“ Und darauf löst sich das Hohe Haus in ״Heiterkeit“ auf! Arme Träumer, werdet ihr endlich zu begreifen beginnen, dass ein Recht heutzutage nicht mehr wert ist als die Macht gross ist, seine Anerkennung durJizusetzen? Und vielleicht werdet ihr dann auch begreifen, dass man Boden unter den Eiissen haben muss, um seine Macht wirksam zu entfalten; dass man zunächst einmal sich mit den Seinen verbünden muss, um als ein Ganzes überhaupt ernst genommen zu werden? Städtebilder aus Palästina (Nachdruck verboten.) I. Jaffa Der kleine phönizische Stamm, der sich vor vier Jahrtausenden auf den schrofien Uferfelsen ansiedelte, welche den WogenpraJI des mittelländischen Meeres von den palästinischen Gestaden brechen, hat wohl kaum je daran gedacht, dass er das Ein- und Ausgangstor eines der Menschheit Heiligen Landes zu schaffen bestimmt sei. Kein natürlicher Hafen lud die seeerprobten Phönizier zur Besiedelung ein, keine Bucht bot den Kielen Schutz gegen die hier so stark brandende See: eine schroffe Felsmasse allein schiebt sich ein wenig von der last gradlinigen Küste ins Meer hervor. Das stolze Schiff, das seine Passagiere hier ans Land setzen will, muss weit von dem Ufer seine Anker werfen, und arabische Boote nehmen den Reisenden auf, um durch die schmale Lücke zwischen den umbrandeten Klippen vorsichtig hindurch zu schlüpfen. An den Klippen erkennt man mit Mühe noch die Reste eines uralten Hafendam ms, eine Arbeit jener Phönizier, die zuerst die Sicherheit der örtlichen Lage erkannt haben. Innerhalb der Felsen bildet sich •ein Bassin, worin die Macht der Wogen, gebrochen durch den, KLippcnkanmi, weniger heftig brandet und braust. Indem wir mit dem Boote anlegen, betreten w׳ir mühsam einen schmalen, gepflasterten Steg, der zwischen den Häusern und dem Bassin einiieniilirt. Das Gepäck wird visitiert, wobei besonders auf ägyptische Zigaretten gefahndet wird, der Pass wird abverlangt, um das Visum 1 zu prüien, und wir folgen dem Gepäckträger ins Innere der Stadt. Die schmutzige Strasse, auf der es von Angehörigen aller Nationen wimmelt, ist teilweise überbaut. Wir beeilen uns, so bald wie möglich diesen Stadtteil zu verlassen, und die neueren Stadtviertel aufzusuchen. Da ist vor allem die Strasse Nedschub-Bustros, welche im schroffsten Gegensätze zur alten arabischen Stadt stellt. — Mit Mühe weichen wir einem Zuge von etwa 30 mit weissen Ueb erb äugen bedeckten, schwarz verschleierten Frauen aus, die ein durchdringendes Geschrei ausstossen. Sic bringen einer Braut Geschenke dar. Voran schreiten fünf oder sechs Neger, die auf ihrem Kopfe die Bündel von Shawls und Seidenstoffen tragen. Die beinahe völlig gerade gewordene Strasse hat ein fast europäisches Aussehen. Die Häuser haben