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Jüdische Rundschau · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 129 Drösche halten sollte. Um es ihm leicht zu machen, wählte! man folgende Frage: Warum fasst man den Lulaw unten an,; wo er dick ist und nicht oben,, wo er dünn ist? — Die An:- wort sollte lauten: Der Lulaw sticht doch! — Als er aber so weit kam, lernte der Knabe: Warum fasst man den Lulaw unten an, wo er dick ist, und nicht oben, wo er doch sticht? — und es gab weiter keine Antwort! Herr Professor Geiger hat für die notleidenden Juden das gleiche Mitleid über, das er für deutsche Kinder un•! Frauen besitzt, die in eniem amerikanischen Schüfe untcrgegangen sind. Da er vor einer Betätigung dieses Mitleides in dein einen, wie dem andern Falle warnt, brauchen wir uns nicht־ darüber aufzuregen, dass er erst nach dem Untergang Interesse an den unglücklichen Landsleuten zu nehmen anhingt. Er ist gegen jede Hilisaktion, da einmal oft nur Faule unterstützt und ״wirkliches Elend vernichtet wird,“ — eine W endung, deren Sinn mir nicht verständlich ist, -- da aber ferner auch, — man höre, — Schulen, die errichtet werden, verbrannt, Lehrer, die man anstellt, massakriert werden können. Ich glaube nun zwar, dass mit ähnlicher Argumentatlon mau dazu gelangen könnte, das Unternehmen jeden Dinges, sei es eine p<11׳ tische Unternehmung, oder die Veraustaltung einer Skatpartie zu vereiteln. — man könnte weder eine Orgelsynugoge lauen, denn sie könnte aus Mangel au Besuchern eingelten, ::och einen (lemcindebibliothekar ansteiieu, denn er könnte sch taufen lassen, ־ aber andererseits liegt in dem Gedanken, dass durch Wohltätigkeit und Vereinsmcicrci den Juden nicht zu helfen ist, doch etwas sehr richtiges. Aber es mutet seltsam an, das gegen uns zu verwerten. Das ist es ja, was wir predigen. Ich vermute tat. der Herr Professor hat diese Kleinigkeit übersehen, sonst würde er unseren Spruch nicht zitiert haben. — So klingt cs ganz gut zionistisch, wenn er fortfährt, dass jede Nation nur Rettung, durch sich selbst erlangen kann, -- sonst sei sie wert, zu Grunde zu gehen. -— Er spricht zwar nicht von einer Nation, sondern setzt dafür ״jeder Bruchteil einer Nation;“ was aber für den Teil gilt, muss gewiss fürs Ganze gelten, — denn sollte etwa argumentiert werden, dass gerade nur die Aufteilung das Heil bringe, käme man dazu, zu sagen, das kleinste Bruchteil, d. i. jedes Individuum allein sich helfen müsse, sonst des Unterganges wert sei, -- käme man zu einem Leugnen aller sozialen Grundlagen unserer Weltordnung, kämt man mit dieser Logik buchstäblich In die Brüche. ״Der Zionismus bedeutet keine innere Entwicklung des Judentums, sondern ist eine Folgeerscheinung des Antisemitismus.“ Das ist der erste Leitsatz des Autors! — Dass dieser Satz irrig ist, werden wir bald sehen. — Zunächst aber ein Anderes: ich vermisse in dieser These den Gegensatz. Konnte der Zionismus nicht, selbst w c n n er eine Folgeerscheinung des Antiscmit'smus wäre, nicht doch eine innere Entwicklung bedeuten. Kann irgend etwas in der Welt sich nur aus innen heraus entwickeln, — sind nicht vielmehr von aussen kouimende Einflüsse bestimmend aui die Entwickelung? Ist der deutsche Einheitsgedanke hinfällig, muss das deutsche Rcicii sich auflösen, weil die Kaiscrkröming zu Versailles eine Folgecrscheinung des Angriffskriegs Frankreichs war, Selbst dem Zufall, — .um dies unsinnige Wort zu gebrauchen, — danken wir manches! Wenn die Taute von James Watt auch Tee gckocht hat, ohne irgend welche Gedanken an Erfindungen, — benutzen wir die bei der Gelegenheit erfundene Dampfmaschine doch; — wir erkennen das Gravitationsgesetz an, wenn der Apfel auch ohne besondere Intentionen Newton auf den Schädel gefallen wäre. Berthold Schwarz suchte den Stein der Weisen und criand das Schicsspulver, — und cs ist ein Glück, dass er es tat, der Herr Professor hätte, da er nicht express zu dem Zwecke in das Laboratorium gegangen war, wohl von der Erfindung abgesehen. Es lohnte sich, einmal ernstlich das Verhältnis von Antisemitismus und Zionismus zu erörtern. ־ - Herr Professor Geiger will absolut das Eine als Ursach.:. das Andere als Folge aufgefasst wissen. Hier ist der Am:־ semitismus die Ursache, der Zionismus dessen Folge, — im weiteren Verlaufe seiner Darlegung aber dreht er auf einmal die Geschichte um; da ist der Zionismus gefährlich, weil er geeignet ist. Antisemitismus zu erzeugen!! — Schon aus diesem Widerspruch, ist ersichtlich, dass cs sich um einen circulas vitiosus handelt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Verhältnis der beiden Ideen doch nicht so einfach zu kcnnzcicnnen. -- Der Zionismus, sagt Geiger, ist eine Frucht des neuesten Antisemitismus! Und zum Beweise — weist er darauf hin, dass das ganze Mittelalter hindurch es nur des kleinsten Aastosses bedurfte, um messianische oder nationale Hofinungen zu heller Flamme aufbrechen zu lassen. — Daraus ist doch, sollte man meinen, das gerade Gegenteil zu schliessen, dass nämlich in allen Zeiten und unter allen Umständen der . nationale Zionsgedanke im jüdischen Volke lebte, dass das Decurlonen hindurch, wurde ich geführt in das Speisezintmer des Casars. Auf bogenförmigem Ruhebett, um eine runde, mit Speisen beladene Tafel, lag Titus mit seinen Gästen, ihre Häupter waren mit Kränzen geschmückt, ihre Hände umschlossen goldene Becher, in denen der Wein aus Chios perlte. Als ich cingetreten, erhob sich Titus mit halbem Leibe, und blickte mich lang an. ״Du bist einer der Zcloten, welche den Brand jenes Tempels verschuldet, den ich dem Jupiter weihen wollte, der den Namen meines Vaters tragen sollte.‘־ ״Ich habe mein Volk, meinen Herd und meinen Glauben verteidigt, so lange ich es vermochte." ״Warum bist du nicht hcrausgekommen auf meine Aufforderung mit den Edelen, die icli nach Gophna sandte?" ״So lange der Kampf noch währte, gehörte ich ihm. Ich hatte ihn nicht angelangen, konnte ihn nicht beenden, aber entziehen durfte ich mich ihm nicht, ich musste bei ihm bleiben." ״Ihr habt eure Hände mit dem Blute eures eigenen Volkes befleckt. Du bist des Todes schuldig.“ ״Meine Hand ist rein geblieben. Ich habe nur gegen Römer gefachten. Was andere taten, mögen sie selbst vertreten. Aber wo der Kampf entspannen ist um sein Dasein, sein Recht und seinen Gott, wer kann da sagen: *0 weit und nicht weiter. Dann ist der Tod so nahe an mir vorübergegangen, ich habe ihm die Hand brüderlich entgegengestreckt, warum sollte ich sie jetzt nicht ergreifen, wenn sie mir geboten wird?" ,.Ich habe mir erzählen lassen die wundersame Weise, wie dich der Löwe im Kampfspiel verschont. Ich habe jetzt ein anderes mir dir vor.“ ״Was du beschlossen, es geschehe, so du cs ausiiihren kannst.“ ״Du sollst leben bleiben bis — zu meinem Triumphzug. Mit Simon ben Gioras sollst du dem Zuge der 130־ siegten in Traucrkleitlern vorangehen. Dein Leben stehe dann in der Hand meines Vaters. Bene imperatori, Freunde!“ Und sic tranken das Wohl des Kaisers in gemischtem Chierweinc bei meinem Schmerze. ״Was meinst du?" ״Schmeichler nennen dich den Grossmütigen, Titus, erwiderte ich. Und du bist kein Menschenschlächter, das weiss ich, wie die Meisten deines Volkes. Aber mir hast du deine Grosöituit nicht erwiesen.“ ״Könige gingen schon vor dem Triumphwagen des Römers, und waren stolz darauf, und du findest es unbequem, du Unbedeutender?“

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