Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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- Baku 2× ep/1000527
- Riga 1× ep/1000826
- Voltaire 1× ep/1025731
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No. 11. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 121. Arbeiterbewegung in Petersburg und die anderen Ereignisse in Russland aui die .,böswillige Agitation der Juden u*1d der Polen” zurückzuführen seien. Riga In Riga hat die Agitation gegen die Juden einen noch unheimlicheren Charakter angenommen. Dort wurden Proklamationen verbreitet, in welchen für die Ermordung der Juden Lohn und Danksagungen des Zaren versprochen wurden. Die Zeitschrift DER JURIST publiziert den Wortlaut dieser Proklamation. Es heisst darin unter anderem: ״Arbeiter! Schenkt denjenigen keinen Glauben, die zu euch kommen und euch gegen den Zaren aufreizen. Verjagt sie aus den Eabriken. wenn sie zu euch kommen, prügelt sic und schlagt sie tot. Der Zar wird euch dafür danken, Gott und die Kirche werden euch belohnen. Denn unsere Feinde sind die Juden, welche die Aufwiegler mit ihrem Gcldc bezahlen. Denket an , K i s c h i 11 e w und H o in c l! Die trockenen Meldungen sprechen eine so beredte Sprache, dass jeder Kommentar hier wirklich mehr als überflüssig ist. Sibirische Juden Eine Abordnung sibirischer Juden weilte, aui der Durchreise von Petersburg nach Paris begriffen, am Freitag und Sonnabend voriger Woche iii Berlin. Die Eiihrcr der Deputation, Kaufleute aus N'arscbinsk und dem von blutigen Unruhen betroffenen Tschita. haben in Petersburg bei dem Minister Witte Audienz gehabt, ihm die Wünsche der sibirischen Juden unterbreitet und beruhigende Zusicherungen erhalten. Da den Juden in Sibirien auch materielle llihe nottut. begeben sie sich nach Paris, uni bei dem Zentralkomitee der Alliance Israclite Universelle Unterstützung 1'iir ihre Schnlen usw. zu erwirken. Aus Home! Vicruuddreissig jüdische Einwoh.:er von Home! veröffentlichen folgenden Briet in den St. Petersburger NOWOSTl: ״Wir, die unglücklichen Opfer der Hotmler Zerstörung, wir, die wir ruiniert und verarmt sind, können d׳>dt nicht umhin, uns mit dem schrecklichen Schicksal unserer Genossen im Leiden, der Armenier in Baku, 7.1t beschäftiget:. Wie wir, haben sie au sich die Grausamkeit einer unwissende ו Menge erfahren, die von tückischen, im Hintergründe sich haltenden Machern ianatisiert und geleitet wurde. Wie wir beweinen sic ihre Väter, Mütter, Brüder. Schwestern und Kinder, die durch Kugeln und Dolche itt einer friedlichen Stadt, inmitten ihrer friedlichen Beschäftigung umgekommen sind. Friede der Asche der unschuldig Umgekommenen! Ihr Blut falle auf die Häupter der Anstifter dieses blutigen Gemetzels! Wir glauben dass die B.׳I:*׳er Sache allseitig erforscht und durch gerichtliche Untersuc. ung beleuchtet werden wird, dass sich eine so freche Vc-ictzung der Wahrheit, wie sie vor den Augen der ganzen Welt in dem ciomelcr Prozess verübt wurde, niemals mehr in Russland wiederholen wird. Die Bürgschaft für unseren Glauben ist die Bildung der Untersiichuugskonunission (in ,Baku), zu welcher Vertreter der Ge- Seilschaft und der Presse zugezogeti sind.” Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Homeler Gerichtshof sowohl gegen die NOWOSTl, wie geggp die vicruuddreissig Briefschreiber Klage wegen Amtsbeleidigung erhebt, bezw. dass der Justizminister diese Klage anstrengt. Jedenfalls ist dieser Brief sehr charaktcristisch für die Sprache, welche jetzt die russischen Blätter führen und für das Machtoewusstse';’. das die fort• schreitende Zersetzung der russischen Despotie sogar den bisher am elendesten gedrückten Juden gibt. Freilich werden wohl noch ihrer viele fallen״ ohne dass eine menschliche Macht es hindern könnte, aber es ist doch erfreulich, wenn so getretenc Kreaturen wenigstens sich zu wehren beginnen. Jüdische Forderungen Auch die jüdischen Gemeinden in Russland beginnen sich zu regen und sich auf ihre Existenz zu besinnen, ln Ani־etracht der voraussichtlich nicht mehr fernen Umgestaltung der Verhältnisse haben einzelne Gemeinden bereits ihre Eordcrungeii aufgestellt und sic dem Präsidenten des Ministeriums. Witte, mitgeteilt. So in Riga, so vor kurzem auch in J c k a t e r i n 0 & l a w. wo in einer grossen Versammlung unser Gesinnungsgenosse Ingenieur M. U s s i s c It k »ü die Unhaltbarkeit uns»'׳'׳•׳• bisherigen jüdischen Poetik in so wichtigen historischen Momenten beleuchtete. Am Schluss seiner glänzenden Rede schlug Usslschkin eine Resolution vor. die einstimmig angenommen u/1d dem Ministerpräsidenten telegraphiscli übermittelt wurde: sie hat folgenden Wortlaut: ״Die Vertreter der jüdischen Gemeinde in Jekatc rin os law finden in Anbetracht der schweren und anormalen Lage der Juden in Russland, dass ihr Aufenthalt seit Generationen und ihre Teilnahme an aller! bürgerlichen Pflichten, ihnen das moralische Recht gebe, vollständige p o l i t i s c h e und h fl r g c rliehe Gleichberechtigung zu fördern, und sie ersuchen Sc. Exzellenz., dem Ministerkotnitcc diese Bitte um Gleichstellung der Juden mit allen Bürgern des Reiches zu unterbreiten.“ Wir halten es gegenüber leisetreterischen Abmahnungen eines hebräischen Blattes, die sich ein demokratisches Mäntclchcu umhängeu, für höchst erfreulich, dass es unsere Gesinnungsgeitossen sind, die auch in Russland eine zielbewusste jüdische Politik zu inaugurieren beginnen. Wenn irgendwcni» so ziemt den Zionisten eine von kleinlichen Motiven diktierte Zurückhaltung nicht, und andere mit der Vertretung jüdischer Interessen zu betrauen, hat schon jetzt die schlimmsten Erfahrungen gezeitigt, wie man gerade in Warschau doch wissen sollte. Von der obigen Resolution gelte: vivant seuuentes! Neue Lessing-Interpreten ta antisemitischen Zeitungen war kürzlich eine erbauliche Geschichte zu lesen. Lcssiug. der Dichter des ״Nathan” und der ״Juden‘*, soll in seinem Innern ..ein ganz böser Antisemit‘' gewesen sein. Und woher beziehen die Antisemiten diese neue Erkenntnis? Da ist jüngst eine, wie man sagt, recht verdienstliche Forschung publiziert worden ..Voltaires Rechtsstreit mit׳ dem Königlichen Schutzjuden Hirschei 1751. Prozessakteu des Königlich Preussisohcn Hausarchivs. Mitgeteilt von Dr. Wilhelm Mangold. Mit einem Anhänge uugedruckter Voltaire-Briefe etc.־• An die Spitze dieses Buches hat der Autor das Lcssingsche Epigramm, das sich auf den gleichen!־all bezieht, gestellt, weil seine Ergebnisse mit der Meinung Lessings iibereinstimmeii. Die ::lauptstcüc besagten Epigramms lautet: ..Warum die List. Dem Juden nicht gelungen ist. So füllt die Antwort olmge’ähr: Herr V (Voltaire) war ein grösserer Schelm als er.“ Wen nun aber im Anfang dieses Gedichtes die Zeilen stehen: ״Den! schlauesten Hebräer in B(eriin). Dem kein Betrug zu schwer, kein Kniü zu schimpflich schien» Dem Juden, der im Lügen. Im Schachern und Betrügen, Trotz Galgen und Gefahr, Mehr als ein Jude war.״ Deshalb soll Lessing ein Antisemit gewesen sein! Dass die Verbohrtheit unserer antisemitischen Blätter nicht genügt, das Lcssingsche Epigramm zu verstellen, das sie übrigens erst durch die Mangoldschc Publikation kennen gelernt zu haben scheinen, nimmt uns nicht weiter Wunder. Aber Interessant ist. wie sie sich den ״Nathan" ins Ant'semitische übersetzen. Natürlich haben sie Lessings Antisemitismus ..nie bezweifelt, denn in seinem ״Nathan“ und den ״Juden" ist die stark ironische Pointe doch die: ..״Ja, wenn die Juden so wären!”” Sie sind's aber nicht setzt der aufgeklärte Mitteleuropücr in Gedanken hinzu. Und so hat es Lesstug auch gemeint.‘* Herr, vergib ihnen.— —! Eine kleine Denunziation In einem unscheinbaren kleinen Artikelchen von knapp sechzig Zeilen, das ganz harmlos aussieht, aber auf eine ganz bestimmte Wirkung hin gesell riehen ist, denunziert die KREUZZEITUNG (vom 9. März 1905) den ״Hilfsvcrcin der deutschen Juden” hei der Regierung bezw. bei einer bestimmten hohen Stelle, der Interesse fiir den Verein nachgesagt wird. Das Blatt schreibt u. a.: ..Der Verein ist in Wirklielikeit ein Verein zur Unterstützung der Juden im östlichen Europa und in Asien, wo er Kindergärten, Schulen und andere Uiitcrrichtsaustalten gegründet hat oder noch gründen will.” Bezüglich der Regelung der Auswanderung heisst es: ״Bei dieser seiner Tätigkeit wird der Hilfsverein der deutschen Juden hoffentlich nicht ausser acht lassen, dass eine Zuwanderung der osteuropäischen Juden nach Deutschland vermieden werden muss ut!d unter keinen Umständen gefördert werden darf.” Weiter heisst cs: ״Nicht unbedenklich erscheinen die Bemühungen des Vereins, in Galizien neue Industriecn zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung einzufiihren. Wie erinnerlich, waren es gerade jüdisch-ireisinnige Blätter, die es als eine Schädigung deutscher Interessen erklärten, dass deutsche Eabrikaiiten infolge der Zollerhöliungcii der neuen Verträge jenseits der Grenzen, namentlich auf österreichischen! Gebiete. Zweigfabriken errichten würden, um die iremdeu Märkte nicht ganz 7u veriieren. Nunmehr ist aus dem Berichte des Hiltsvcreins dcutscher Juden zu ersehen, dass dieser Verein mit dem Geldc deutscher Juden in Galizien neue Industricen einführt. Mindestens entspricht ein solches Vorgehen nicht der kon- ו ■ x