Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 11. JÜ DIS CHE RUNDS CHA U. Seite 119. Massenauswanderunß ineli Amerika gegeben. Obgleich die Jahresbeiträge bei dem grossen Budget der Alliance eine verhaltnismässig geringe Rolle spielen, könne sic natürlich immerhin mehr leisten, je mehr Einkünfte sie habe, und die Propaganda iür sie in Deutschland sei. abgesehen von ihrer rühmvollen Vergangenheit und ihren bedeutenden Leistungen in der Gegenwart, auch deshalb erforderlich., um den universellen Charakter der Alliance aufrecht zu erhalten. An den Vortrag schloss sich eine Diskussion, an welcher namentlich die Herren Dr. Bernteld. Nathan und Rechtsanwalt Mendel tcilnalunen. Die ausgelosten Mitglieder des Komitees, nämiieh die Herren Heinrich P. Goldschmidt. R.-A. Dr. Hantke. Dr. mod. Lehfeidt und Louis Rosenbaum. wurden wiedergewählt. Aus der Bewegung Berlin. Am Donnerstag, dem 9/März, sprach in ev er Mitgliederversammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung Dr. B i r a 11t über ..Don J o s e i von Naxos und sehie Palästinabestreblingen‘*. Leider hatten sich zu diesem hoch• interessanten Thema kaum sechzig Person01־ eingcfunUcn. An der Diskussion b־.-tcil!gten sich 11. a. die Herren Dr. Klee, Davis T r i e t s c!1 und M. T ä 11111 e r. — Diesen Donnerstag, den 16. März, spricht Dr. Sonderling: ..Der Zionismus ur.d das religiöse Prebiem“. Lokal: Königssäle. Neue Königstr. 26 י Mingnig \\ ad/vCkstrasse). Berlin. Am Dienstag dem H. Mär/, sprach in einer öiier.tliehen Versammlung der B. Z. V. Rechtsanwalt Dr. G r o!1 e ־ m a n n - Hannover über das bekannte Pamphlet Prof. Geigers gegen den Zionismus. Der Vortrag fand den lebhaftesten Beifall der äussers: zahlreich besuchten Versammlung. Nach einer Diskussion, an der sich der Vorsitzende der Versammlung Dr. Klee, sowie die Herren Dr. Ludwig Locwc. Dr. Citron. Dr. Heinrich L o e w e 11. a. beteiligten, wurde mit allen gegen vier Stimmen eine Resolution angenommen: in der das Verhalten Geigers auf das Entschiedenste zurückgewiescn wird, ebensowohl vom zionistischen wie vom allgemein-jüdischen und staatsbürgerlichen Standn'unkt aus. Zwei Herren, die gegen die Resolution gestimmt hatten, gaben die Erklärung ab. dass sic deshalb die Resolution verwerfen, weil sie nicht scharf genug sei. EH ז vorzügliches Schlusswort Dr. Gronemanns beschloss die Versammlung. Berlin. Der Verein zionistischer Kaufleute ״Theodor Herz 1". veranstaltet eine Reihe von Diskiissionsabeiülen, zu denen Gesinnungsgenossen und Oesin,״.ungsgeiossinneii freundliehst .eingeladcu sind. Am Sonnabend, dem IS. Mürz abends neun Uhr. spricht Herr Dr. Bernhard Kahn über: ״Ein jüdisches Auswanderungs-Amt.” Lokal: Bremers Test- Säle. Alte Schönhauserstr. 23/2-1. Allenstcln. Der Verein ״Chewra Kadischah" hielt am letzten Sonntag sein Jahresiest ab. ln der in der Synagoge gehaltenen Festpredigt gedachte Herr Rabbiner Dr. 01 i t z k i des irn vergangenen Jahre daliingeschiedenen Dr. Theodor H e r z l und des jüngst verstoßenen Konsuls Simon. Dr. H e r z 1 habe die zerstreuten Zweige Israels gesammelt und ein Werk begonnen, dessen Weiterführung uns allen eine heilige Herzenssache sein müsse. Königsberg 1. Pr Die Königsberger zionistische Vereinigung veranstaltete am Donnerstag Abend im grossen Saale der Bürgerressource eine öffentliche Versammlung, die zahlreich besucht war. Elias Auerbach -Berlin sprach über ״Jüdische V o 1 k s p o 1 i t i k”. Redner skizzierte zunächst die sogenannte Jitdenirage, deren wesentlichster Kern in der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes zu suchen sei, und schilderte dann in lebhaften Farben die Gefahren des Antisemitismus. der sich jetzt in Deutschland breit mache, den Antisemirisnius der Gesellschaft, der es sich zum Ziel gesetzt habe, den Juden aus dem öffentlichen Lenen und der Gesellschaft zu verdrängen. Gegen diese seelische Not. so meinte der Redner, könie den Juden niemand helfen. Denn nicht die gesetzliche Gleichberechtigung fehle ihnen, sondern die innere Gleich- Stellung. Trotz des redlichsten Bemühens der Juden, ohne Unterschied sich den Anschauungen und der Arbeit der Mehrheit anzupassen, habe sich eine unsichtbare Schranke auigerichtet, die im öffentlichen und im gesellschaftlichen Leben den Juden abs<»ndert. Es sei verfehlt gewesen, dass die Juden die Beseitigung dieses Zustandes von einer politischen Parte» erwarteten: denn Gesetze Hessen sich vielleicht erzwingen, aber Liebe nicht. Neben der sittlichen Judeanoi in Westeuropa sei es die materiell•.• des Ostens, die dringend einer Lösung harrt. Die planlose Auswanderung oder die zerstreute Kolonisierung kleiner Teil könnte diese Lösung r.iclit bringen: sie verschleppte nur die Judenfrage in andere Länder. Denn der Grund der die Juden Minderheit Judennot allerorten bildeten. in allen ihren Formen eine erkennbare ur.d Die Politik des j!:d!5 liege darin, dass darum gedrückte eben Volkes zur der Judenfrage müsse also dahin gehen, eine Konzen- Lösung tratiou jüdischer Massen herbeizuführen in einem Lande, das die Möglichkeit einer j ii dfsclin Majorität gibt. Dieses Land könne aus geschichtlichen und ideellen, wie aus praktischen Gründen nur Palästina sein. Noch eine zweite Lösung sei denkbar: Das Verschwinden der Juden unter den Völkern. Aber dies sei praktisch undurchführbar und es moralisch verwerflich, weil das jüdische Volk noch heute brauchbarer Kulturiaktor sei. — So ist der Zionismus, die richtung einer gesicherten jüdischen Heimat in Palästina, ausweichlich geboten. Alles, was inzwischen geschehen k: sei ein Erunm und muss, sei nur Notstandsarbcit: Der Kampf gegen den Ar.tisernitismus. die Leitung der Auswanderung, die Organisierung der Wohltätigkeit, der Kampi gegen den Abfall im Innern. — Der Redner legte dann eingehend die politischen und "Ärganisatorischcn Aufgaben dieser jüdischen Volkspolitik, des Ziorismus. dar. und wies nach, dass es reale, keine utopischen seien. Der bisherige Erfolg sei überraschend gross für die kurze Zeit. — Die Ausführungen des Vortragenden fanden starken Beirall. In der Diskussion nahmen er und Dr. Pelz Gelegenheit, die erhobenen Einwünde sachlich zu erörtern und zu Wie aus diesen Gedankenstrichen ersichtlich ist. Rah es am nächsten Tage •rn ganzen Schttschau kein Blut, das nicht erstarrt gewesen wäre. Bei sämtlichen Räten bedeckten sich die Glatzen mit grauen Haaren, man bebte, mau zitterte. Alles ging tunber und dachte nach. Und das soll sehr schwierig sein, wie ich gehört habe. Warum feiern die Juden Purim, warum feiern die Juden Purim? Die Antwort: ״Warum sollen sie nicht Purim feiern?*‘ wurde immer wieder abgelehm, so oft sic auch aunauchte. Die Räte teilten sielt sofort in zwei Lager, in die einen, die nichts wussten, und die andern, die gar nichts wussten. Zwischen ihnen bestand eine furcht• bare Feindschaft, die sich in grossen Zeitungsartikeln Luit machte. Herr Dr. Bisesa von der ersten Gruppe führte die Thesen seiner Partei beredt und scharf durch:; er wisse zwar nichts (0), aber dieses gründlich, während j die andern gar nichts (0,0) wüssten, und auch das noch; durchaus unvollkommen. Dr. Bigsa aber von der | gegnerischen Seite brandmarkte jene als unwisscnschaft-! lieh, ja als ״Idealisten“, was schon damals das grösste Schimpfwort war. Bisesa habe schon lange gezeigt, ' dass er zu sehr Schwärmer sei, der nur in den höchsten Regionen schwebe und jeden festen Boden unter den Füssen verloren habe, wie er ja auch demnächst wieder am Galgen beweisen werde. — — Beiden Räten wurde am nächsten Tage Gelegenheit geboten, sielt über die ihnen zugefiigte Behandlung int Grabe herumzudrehen. Es war eine furchtbare Zeit. Der König grübelte und sann, und seine einzige Zerstreuung bildete die allabendliche Aufknüpfung seiner Räte. Jede andere noch so unschuldige Vergnügung lehnte er ab. Endlich schien es. als ob ein Umschwung ciutreten sollte. Ein neuer Gelehrter, der zum Vortrage befohlen wurde, bew ies, dass die Juden überhaupt kein Purim feiern könnten. Er war Mathematiker und sagte: Am Purim isst matt Kuchen. Angenommen, cs gibt zehn Millionen Juden, so isst man an dem Tage zehn Millionen Kuchen. (Beifall.) Wir leben etwa in! Jahre *100 vor der üblichen Zeitrechnung, haben also bis 1900 rund -300 Jahre oder 23 000 Millionen Kuchen zu essen. Wenn das Stück nur!0 Pfennige, kostet, so ergibt das 230D Millionen Mark, was bei *« ierprozentiger Verzinsung einem Kapital von fast 60 000 Millionen entspricht Wie sollen die Juden dies Kapital aufbringen?