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Jüdische Rundschau · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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\ Seite 114. JÜDISCHE RUNDSCHAU. historischen Zusammenhang mit ihren Vorfahren nicht zerreissen vollen, die glauben, dass ihren Nachfahren noch einmal im alten Heimatlande eine Zukunft blühen wird. Nimm, o Grosskönig, ihnen die Bürgerrechte, die nur wir Reichen und Satten, wir, die Verwalter der Jüdischen Gemeinden, wir, die liberalen Perser mosaischer Koniession, verdienen.“ So verworfen waren selbst diese Juden nicht, von denen die Bibel sich wohl hütet, ihnen den Namen ״Jehudi“ beizulegen. Sie hätten auch erwarten müssen, dass der Grosskönig ihnen sehr deutlich die Absage geben und sie darauf hinweisen würde, dass die erste Bedingung der Freiheit und Gewissensfreiheit ist, dass die Förderer sie selbst üben sollen. Zu den Zeiten des Königs Achaschwerösch waren es nur die Erzfeinde der jüdischen Nation aus anderem Stamme, die wie Haman die ludcnschait oder Teile derselben denunzierte, ״dass sie den Gesetzen des Königs nicht gehorchten•־. Aber wohl grade darum halten die ״liberalen Gelehrten“ der heutigen Zeit den Achaschwerösch iiir eine ״mythische" Person. Gewiss, die Zeiten sind anders geworden. Das Golus und die geistige Verkrüppelung durch die Golusassimilation sind weiter fortgeschritten. Man wechselt jetzt die ״Religion wie ein schmutziges Hemd" und erwirbt dadurch die Qualitäten des Ehrenmannes und des ehrenwerten Mannes. Da kann es nicht fehlen. Gewiss, die Zeiten sind anders geworden. Aber* auch w i r sind andere und anders geworden. Unsere Jugend fängt an, den Wert eigener Freiheit und eigener Ehre zu schätzen. Der jüdische Student, dessen Vater noch einer Generation angehörtc, die cs iiir nötig erachtete, sich des Judentums zu entäussern, hat begriffen, dass es keine Ehre gibt, als die eigene. Er beginnt, sich auf sich selbst zu besinnen. Und er bückt sich nicht mehr vor seinem Feinde und macht ihm nicht mehr die Reverenzen. Er wendet sich ab von dem ״fremden Dienste“ und wird wieder ein Jude. Denn ״ein Jude ist, der sich nicht bückt in fremdem Dienste“. Das jüdische Selbstbewusstsein erwacht in der Jugend, wie es in jenem Mordechai erwachte, ״der sich nicht vor Haman• bückte“, sondern ihm frei und mit offenem Visier entgegentrat. Es liegt etwas von Mordechai in der neuen No. 11. jüdischen Jugend. Sic ist noch im Golus und hat noch manches an sich vom Golus, wie das nicht anders zu erwarten ist. Aber ihr Selbstbewusstsein ist erwacht, jener Stolz, der in der Brust jedes Adelsinenschen lebt, und der sich ebensowenig zum Kriechen u!!d Bücken herbeilässt, w ie er sich zum Denunzieren eignet. Die jüdische Jugend fühlt wieder für jüdische Ehre und erkennt, dass es eine jüdische Nation gibt, die zu verleugnen zugleich eine Schande und eine Dummheit ist. Sie wendet mit Entrüstung jenen Leuten den Rücken, die glauben, Führer zu sein, tmd die willenlos den Weg vorangehen, der zu jenem Wasser führt, in dein Haman den Makel abwascheu kann, den die Geburt aus dem Volke mit sich bringt, das der Menschheit eine Bibel gegeben hat. Die jüdische Jugend hat sich bereits bewusst von der Assimilation abgewandt und jenen den Scheide- Brief gegeben, die das Judentum dazu missbrauchen, seine Kraft in ״fremden Dienst“ zu stellen. Sie hat iiir stell das Wort Jude in Anspruch genommen, wie jener Mordechai. von dem die Bibel als einzigen Ruhm zu melden weiss, dass er vor dem Feinde nicht auf dem Bauche gelegen hat. dass er nicht vor den Machthabern gekrochen ist, und den sie deshalb einen Juden nennt, weil er sich nicht dazu hergegeben hat, sein Judentum durch einen fremden Dienst zu verfälschen. Darum hat es der grosse Gegner des Judentums in Wittenberg so gut erkannt, dass ihm das Buch Esther ״zu viel judenzet"; denn er empfand es richtig, dass dam Purimfest zwar nicht das Fest der jüdischen Freiheit ist. aber das Fest des jüdischen Nationalismus unter dem Drucke des Golus. Heinrich Sa c b s e. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Die Geschälte des Nation alionds und der Zentralbureau-Kasse haben einen derartigen Umfang erreicht, dass unser Schatzmeister Herr Max Wöllstein er die Arbeit nicht mehr,allein bewältigen kann. Derselbe sucht daher einen freiwilligen Mitarbeiter, der mit Bureauarbeiten Bescheid weiss. Die Der Flüchtling aus Jerusalem Von Ludwig Philippson. (Nachdruck verboten.) 4. So umgebt ihr mich noch einmal, Kampf und Bclagerung, denen ich auf immer entrückt mich wähnte. Wieder bedeckt der Helm das Haupt, umschliesst der Panzer meine Glieder, füllt, das Schwert die Faust. Am Fusse der schützenden Mauer wühlen die feindlichen Massen, der Widderkopf zerschlägt das Gestein, die Katapulte und Ballisten schleudern ihr Geschoss. Ich stehe droben, und schaue ruhig ihr Arbeiten. Was traurige Erfahrung, w׳as sinnende List an die Hand gibt, volKühre ich. Hcrabgclassenc Säcke bindern die Gewalt der Stösse, siedendes Oel strömt auf die Köpfe der Stürmenden, brennende Pechkränze fliegen auf die Schultern der Herandrängenden. Ich stelle mich an die Spitze erlesener Jünglinge, in der Stille der Nacht öffnet sich eine Pforte, und hinaus stürme ich, das Schwert in das Herzblut der Feinde senkend. Mit Erfolg gekrönt kehren wir zurück. Do *״׳״ ייht für Juda kämpfte ich. nur für Juden. Kein höheres Gut, nicht das göttliche Heiligtum, nicht der Freiheit Hochgefühl, nicht des Stammes Selbständigkeit — nur das nackte, traurige Leben und die glühende Rache erstreit’ ich. Dennoch wohl mir! Ich habe mich wieder gefunden! Als ich heraustrat an der Hand Schulamith’s aus dem untcrirdischcn Gange in den erleuchteten Hof, als die Brüder mich erkannten und in Freudengeschrei ausbrachen, als ich die wütenden Feinde erblickte, die unsre Mauern rasend utnjagteu, als sie Scheiterhaufen uns gegenüber errichteten, und unter Spottgesängen die gefangenen Frauen, Kinder und Greise verbrannten, als die Tausende innerhalb der Synagoge in einem Schrei um Rettung riefen: da wachte es auf in meiner Brust, cs zersprang das eherne Band, das mein Herz umschlossen und zusammengepresst, cs schwoll die alte Wut wieder herauf, die Sehnen des Armes spannten sich, Feuer cntspriilue den Augen, und die Zähne knirschten zusammen. Ich [ bin wieder Mensch geworden zu Menschen. Ich w i 11 wieder, mit aller Spannkraft der Seele. Und dennoch, w׳as wollen wir? Die Not ist aufs höchste gestiegen. Drei Tage sind unter unaufhörlichen Kämpfen, unablässiger Abwehr verflossen, die Feinde! rücken vorwärts, wir zurück. Die Speise ist ausgel gangen, die Cysternc leer, der Arm erschlafft. Sie habe 11 X

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