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Jüdische Rundschau · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Schon die talmudische Zeit lässt in Lehre, tmd Exegese ihre besondere Vorliebe iiir die Geschehnisse des Estherbuches durchklingen, wenn es auch eine Zeit gegeben hat, wo eine reit;religiöse Richtung das Estherbueh aus dem Kanon heiliger Schriften der Judenheit ausgeschlossen wissen wolite. Es ist das Verdienst des nationalsten Rabbh des Talmud, dies Buch gerettet zu haben, indem er ihm für das Verständnis der weniger Nationalen und deshalb vermeintlich Frommen eine Deutung gab, die es scheinbar seiner nationalen Sphäre entrückte und es dem religiösen Sinn näher bringen sollte. Die späteren Generationen der talmudischen Zeit waren sich darüber einig, dass Mordechai und Esther zu den verehrt, :gswürdigsten Gestalten des biblischen Judentums zu rechnen wären. Der Satz des Jeschaja: ״Statt des Dornbusches wird sich die Zypresse erheben und statt der Brcnnessel die Myrte“, sollte nach ihrer Deutung nichts anderes besagen, als: ״Statt Hamans wird sich Mordechai erheben und an XVasehtis’ Stelle Esther“. Hadassa (Myrte) war ja der hebräische Name der Esther, und so nahm man in diesem Zusammenhänge ohne weiteres an, dass BerOsch (Zypresse) der eigentliehe Name Mordecliais war. Dass Esther der Name der alten babylonischen Göttin Istar und Mordechai die Nisbeiorm zu dem Namen des babylonischen Hauptgottes Marduk ist, war den Talmudisteu sehr wohl bekannt, machte ihnen aber weit weniger Kopfschmerzen als den heutigen Forschern, die gar zu gern die Esthergeschichte in das mythische Gebiet verlegen möchten. Sie reden damit jenem grössten Manne des Deutschen \01kcs aus dem Herzen, der ja ein rechter Judenfeind war, und vom Buche nur das eine zu sagen wusste, dass es ihm all zu sehr ״judenze“. Mit dem ״Judenzen“ ist es freilich nicht zu weit her. Die andern Bücher der Bibel sind unendlich viel mehr als gerade das Buch Esther mit jüdischnationalem Geist durchtränkt. Aber was Martin Luther doch richtig empfunden hat, ist das, dass in den Juden dieses Buches!ms keineswegs die stolzen Gestalten früherer Geschlechter und der alten Heimat entgegentreten, sondern die geschwächten Glieder des zerstreuten Volkes, denen ebenso das Vertrauen zu ihrem alten Gott wie zu sich selbst verloren gegangen war. Hier ist nicht der starke Simson der Held mit dem kecken Recken mute, nicht mehr das ״Schwert Gottes und Gideon“, hier erwartet man Hilfe ״von einer anderen Seite“. Eine jüdische Masse lebt in grossen Gemeinden im ganzen Orient zerstreut, in der Meinung, assimiliert zu sein und nicht als etwas besonderes erkannt zu werden, und nur ihr grimmiger Feind ist es, der sie erinnert: ״Da ist ein Volk, zerstreut und zersprengt unter alle Völker und in allen Landen, deren Gesetze anders sind denn jeglichen Volkes“. Sie selbst halten sich für Perser, für vollgiltige Perser mosaischen Glaubens, und sind sogar in den von den Persern unterworfenen Ländern anderer Nationalität die einzigen, die sich persischnational fühlen. Rabbi Jochanan, der zuweilen nationaler war, als sich mancher seiner Verehrer träumen lässt, gab dafür, dass Mordechai aus dem Stamme Benjamin, ein Jehudi genannt wird, die bündige Erklärung ab, dass er deshalb so heisse, weil er sich nicht an der Assimilation, am ״Dienste“ beteiligt habe. Jude ist der, sagt Rabbi Jochanan, der die Assimilation ablehnt.*) Es fragt sich' nur, was wir unter fremdem Dienst, unter Assimilation verstehen sollen. Ist wirklich nur das ״Abodah zarah“, wenn man seine ״Religion wechselt wie ein schmutziges Hemd"? Gewiss, das ist eine der verächtlichsten Formen, die sie annimmt. Alhin wird uns von den Juden der Estherzeit zwar nichts sonderlieh Rühmenswertes mitgeteilt, so wird doch von keinem Einzigen berichtet, dass er sich auf diese Weise das Recht erworben hätte, als freisinniger Vertreter in eine persische Volksvertretung einzuziehen. Nein, man begniigte sich mit dem Gedanken, dass das Judentum aufgehört habe, eine selbständige Kuhurgemeinschaft zu bilden, man ahmte und äffte manches nach, was andere taten, man nahm aus der wirklich ״freisinnigen“ Lichtreligion des Zarathustra einige Lehren phraseologisch herüber, In denen man einen Fortschritt gegenüber dem alten Mosaismus sah, und die im persischen Gewände ganz schön waren und sich nur lächerlich machten, wenn man sie in die Synagoge iibcHrug. Aber es wird uns nirgends davon berichtet, dass sich ein persischer Staatsbürger und Schriftgelehrter mosaischen Glaubens zu der gemeinen Denunziation hergegeben hätte, etwa der persischen Königsgewalt zuzurufen: Dort sind Juden, die national denken und fühlen, die den *) Megilläh 13a. . v f

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