Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651404--02141-2659031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 98 die Machthaber sich zweifellos beeilen würden, nach dem ofterprobten Rezept die Volkswut auf die Juden abzulenkcn. Wenn wir. uns ein Bild von dem vermutlichen Endergebnis der kommenden russischen Revolution machen wollen, wird es zweckmässig sein* die folgenden Ausschnitte aus einem vor vier Jahren in den PREUSSISCHEN JAHRBÜCHERN erschienencn Artikel des Herausgebers, Prof. Hars Delbrück, zu beachten: *Es gibt nur ein einziges russisches Ideal, das ist die Ausdehnung der Herrschaft des rechtgläubigen Volkes, die Vereinigung mit den grossen Völkern Asiens, die wie die Russen die Unterwerfung unter die Staatsautcrität. das Selbsthcrrschertum als den Inbegriff menschlicher Vollkommenheit ansehen. Die PREUSSISCHEN JAHRBÜCHER haben in den letzten Jahren eine Reihe von Beiträgen gebracht, in denen verschiedene Federn die grotesken Formel dieses neubelebten russischen Nationalbewusstseins wie die UnermessFchkeit seiner Ansprüche und seines Ehrgeizes gezeichnet haben. China wie Indien werden als Glieder des zukünftigen'grossen russischen Mutier reichs in AnSpiüch genommen; Persien gehört selbstverständlich dazu, während die europäische Türkei, auf die so lange die begehrlichen Blicke gerichtet waren, jetzt ganz zuriiekgetretea •:st.— ״--— -— ״Die exklusive Herrschaft des Staatsgedankuis hat 11 Russland ihren Gegenpol hervorgebraeht: Die völlige Beugung des Rechts des Staates, den absoluten Individualismus, den Anarchismus, Nihilismus. Reformieren lässt sich der russische Staat niebt, er lässt sich nur vernichten. In Leo Toistoi hat dieser Nihilismus einen mächtigen Propheten gefunden. Wie soll ein Staat bestehen, wenn seine gebildete Jugend von solchen Ideen ergriffen wird? Schon beginnen die Regierenden den Glauben ivi sich selbst zu verlieren: sie wagen es nicht, die Strafgesetze gegen den Propheten in Anwendung zu bringen und haben sich begnügt, die Exkommunikation über den Ketzer aussprechen zu lassen. W ie ratlos muss man schon in Petersburg sein, dass man auf ein solches Auskumts־ mittel verfallen 'ist!'’ — -- — -- - — — — — -- ״So ist das russische Leben in einen verhängnisvollen Zirkel cingeschlossen. Bleibt Russland das mit der Staats- Kirche identische, so bleibt cs der Todfeind jeder höheren geistigen Bildung. Jedes Strebens zu wahrer Menschlichkeit und wahrer-Menschenwürde. Die Idee der ״Selbstherrschaft" und der Unterordnung unter die Autorität erstickt jede andere. Löst sich der russische Staat von seiner Verbindung mit der russischen ^Kirche, so hat er sein eigenes Wesen aufgehoben, so hat er keinen Existenzgrund, keine Existenzberechtigung, keinen Inhalt mehr. Der Widerspruch der Ideen In diesem Reiche Ist tmausglelchbar, nichts Fruchtbares kann aus dieser unnatürlichen Vereinigung hervorgehen, nur ein Wechsel zwisehen Lethargie und Krämpfen. —- ־—” So schreibt der beste deutsche Journalist im Januar 1901, als der Sieg Japans noch nicht seinen ireen Blick mit einer gelben Wf01ke umnebelt hatte. Wir aber müssen befürchten, dass jener Delbrück im Recht bleiben wird gegenüber dem heutigen, der in Russland den Vorkämpfer des höhereu Europäertums gegen die ..affenähnlichen" Japaner sieht. Und die Lehre, die *wir daraus zu ziehen haben, beisst, dass v'r uns durch trügerische Zukunftsbilder nicht verleiten lassen dürfen, das Schwert und die Maurerkelle des Zionismus aus der Hand zu legen, dass nach wie .vor der einzig mögliche W’eg zur Rettung und Erhaltung des jüdischen Volkes ist und hiebt, die Schaffung einer öHcntüch-rechtllcD gesicherten Heimstätte in Palästina. E. Simonson. Aus ״des Herrgotts Kanzlei“ Man schreibt uns aus Magdeburg: Zur Beleuchtung der hiesigen Zustände diene folgender Berieht. Am Dienstag dem 21. Februar, tagte hier — nachdem seit der letzten Zusammenkunft ungefähr ein Jahr verstrichen war - - wieder einmal die Versammln ׳g des ..Gemeinde- Vereins", der einzige!!, (zirka neunzig Mitglieder zählenden) Grupep. welche sich die Behandlung von Gemeinde-Angelegenheiten zur Aufgabe gemacht hat. Es handelte sielt in erster schlaggehendcr Bedeutung für die gleichfalls bevorstehende Linie um die Stellungnahme zur Reoräsentantcuwahl. die diesmal schwer in die Wagschale fällt. Der Vcrcinsvorsitzciide. desseit Neuwahl gleichfalls auf der Tagesordnung stand, entwickelte unter Bezugnahme hierauf seit» sogenanntes ..Programm", eine Blütenlese absolut ocrsönlichcr Expcctoratimtcu. zwischen welchen der wohlwollendste Interpiet mit allem Scharfsinn von grundsätzlichen Punkten einzig und allein die beiläufige Betonung des demokratischen W'alilprhzipes und den Wunsch, die Kinder von der Ueberbürdung durch den hebräischen Unterrkht (nebbich!!) beireit zu sehen, heraiiszuhüren vermochte. Int weiteren Verlaufe der Verhandlung entpuppte N0. 9. sich dieser Tribu t jedoch seihst als ein nicht geringer Autokrat. der erst die Weitergabe einer wichtigen Resolution des Vereins bezüglich der — übrigens als eine ganz atisschiiesslieh budgetaire Angelegenheit behandelten — Rabbincrwalil an das Rcprüsentantcn-Kollegium aus eigener Machtvollkommenheit unterdrückt. dam aber, nachdem Vorstand und Kollegium einen dieser Resolution widersprechenden Beschluss gefasst hatten, sofort in echt demokratischem Eifer ohne jegliche» ihm erteilte Mandat eine Immediat-Beschwcrde hierüber an den . Regierungspräsidenten" gerichtet hat. Trotz der ihm mit Recht hierfür 11 ׳d auch aut persönlichem Gebiete ztt Teil gewordenen scharfen Rügen seitens einer ganzen Reihe von Vere'nsmitgliedcrn und. ohne dass irgend eine Stimme ausser seiner eigenen sich zu seinen Gunsten erhob, endete die Farce mit — — seiner einstimmigen Wiede rwähl zum Vereins-Vorsitzenden!! *־■ da - - nach der Aeussorimg eines Redners sic!! nicht leicht eine ande.c passende Persönlichkeit finden würde. - - Wer aber glaubt, dass das Magdeburger jüdische (•emeindelebei somit bereits seinen letzten Zuckungen anheinigefallen sei, der konnte sich auf dem neulich gefeierten Stiftungsfeste des Synagogen-Gesnugvcrc'ns eines Besseren belehren lassen. Der grosse Festsul war von einer schier erdrückenden Menge durchwogt, die sich bei Tanz und Gesaugsvorträgeu köstlich unterhielt und mit Andacht den zwbehendureh ertönende•! erbauliche!! Strophen lauschte: ..Der Herr sprach: The Netze lasst bangen, jetzt wollen wir .Menschen fangen!” Wo das Gemein Jeleben in seinem Kerne ..so amüsant" verlauft, wird der eine «»der andere sich auch einmal im .hl: re eine Sttvde abziimassigen nicht er-׳ein. um sich mit den herzlich widerw artigen, :!!!er mm einmal nicht zu um gehenden I Degen der Gemeinde-Verwaltung zu befassen. Damm keine Furcht für Magdeburg: noch is: Juda nicht ver!o:e! - solange d׳c anderen uns freuudwühg nicht a!:f ihren Vergnügungen dulden. Neue Judenverfolgung In Russland Wie Moskauer Zeitungen berichten, hat in Fcouosia pnlässüch eines Arbdterausstandes eine Judenschiägere; stattgefunden bei der fünfzig Juden getötet und verwundet wurden. Während einer Ansammlung auf den Strassen ertö te plötzl'ch der Ruf: ..Schlagt die .luden!" und dieser Weckruf hat bei dem russischen Mob noch immer verfangen und wird noch oft sc’nc Wirkung tun. Aber cs gibt ja immer noch, besonders auch in Russland, unter den Jude.: Leute, die es nicht eiiisehen wollen, dass die. Juden die Zeche zahlen werden, gleichviel, ob das Wik eine Verfassung oder ob die Oberen Bomben erhalten werden. Kulturhistorisch interessant bleibt es aber, dass die europä 1scheu Mächte keinen Finger an den Hexenkessel Russland rühren mögen 'obgleich er doch nachgerade eine Gefahr für alle anderen zu werden beginnt. Ja. wenn das beim kranken Mann am goldenen Horn wäre, oder wein es ein zweites Polen oufzutreiben gäbe, da würde die lmhe P«>litik sich ra.‘cl1 auf ihre ,.sittliche Pilicht" besinnen. Der offizielle russische Telegraph lügt natürlich auch in diesem Falle mit einer unglaublichen Ungeschicklichkeit. Verfrühte Freude Abermals hat sich e.in liberaler Hoffnungsschimmer als trügerisch erwiesen. Zwei Tage lang glaubte man in Berlin W. an den Wiederbeginn des goldenen Zeitalters: ein jüdischer Vize’cldwel'el sollte zum preussischeu Offizier ernannt worden sein. Man denke: ein Jude, ein veritabkr imgetaufter Jude als oremvsisclier Offizier! Damit wäre der Beginn einer neuen Kulturepoche für Preusse.•• Deiibcb'anJ charakteristisch eingeleitet worden. Die STAATSBÜRGERZEITUNG sollte bereits mit Trauerrand erscheinen: der deutsch-nationale ״Zentralverein" hatte eben die Anstalten zur Vorbereitung eines Solenneu Festessens getroffen, da «feilt sich heraus, dass der Verbreiter jener Nachricht sich lediglich >.־!! Datum des Durin:- festes geirrt hat. Der neugebackene Leutnant beeilt sich, zu erklären, dass er ..von Kindheit an" evangelisch sei. ..Von Kindheit an" bereits dem zersetzenden Einflüsse des Judentums entzogen -- da wird er wohl die nötige Reife 7.11m preussischeu Offizier• haben. Christliche Humanität ln der Sitzung des Wiener Stadtrates vom 23. Februar wurde nach dem Referat eine:: Stadtrates, der das Schächten der Schlachttiere ohne vorherige Betäubung als eine grausame T ierquälerei bezeichnete, das Verbot des Schächte n’s einstimmig beschlossen — Natürlich ist das nicht etwa Antisemitismus! Alliance Israelite Universelle Berlin. Am f>. .März findet im Saale des Brüdervereins. Unter den Linden Ja. abends 81 •1• Uhr. die ordentliche Gene r a!versa m tu I u 11 g der hiesigen Mitgliedschaft der