Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9, Seite 91. JÜDISCHE. RUNDSCHAU. f . der Sprache, Herr Geiger! 0 ü e r ni c i n e n Sie!׳. u r die Juden, die nicht Ihrer 1 i b e r alen allerhöchsten Gcmcindchcrrschaft Ordre parieren? Antworten Sie doch, Herr Professor! Herr Geiger geht aber über die Gesinnungssüiidc hinaus und wirft uns Verbrechen vor, die wir Zionisten materiell am Deutschtum begangen haben. Er weist aut die Stimmen hin, die wir dem deutschen Volke entzogen hätten durch die Gründung der Palästinabank, durch die Nationaliondsammhmgen und durch die Billcu für die Reise zu den Zionisten tagen. Herr Geiger muss Nachsicht mit uns haben. Wir sind nicht alle so reich, um unsere Gelder in russischen Staatspapieren aulegen, zu können, wie das ein echter liberaler Jude täte. Darum geben wir unsere ersparten Groschen gern auch für eine Sache hin, die der Jüdischen Nation und dem Deutschen Volke nicht minder nützt, das ist die Palästinabank. Wir sind nicht reich• und nicht liberal genug, *im unsere ^Sommerfrische am Nordkap •md den Frühling an der Riviera zu verleben, deshalb sparen wir gern von unserem geringen Ucberfluss, um zu den Zionistentagen zu iahren, und wir sind aucli nicht reich und nicht liberal genug, um Hüu.-er au Häuser zu erwerben und Paläste im!einen Westen zu bewohnen, und wir geben deshalb gern von unserm bischen Armut, um ein kodenreformcrischcs Heim denen zu verschaffen, denen die Ahlwardt, Piicklcr und Geiger der verschiedenen Länder die Staatsbiirgcrrechtc missgönnen. Doch, das ist für Sic, Herr Professor, eine Rätsel* 'spräche. Wir wollen daher deutsch mit Ihnen sprechen: Sie haben einen grossen Teil der deutsch״rügen Jtidenbcit in ihren Gefühlen wieder einmal verletzt, Sie haben unsere Vaterlandsliebe und unsere Treue zu König und Vaterland in Zweifel gezogen. Das taten Sic auf Grund falscher Voraussetzungen und unrichtiger Kenntnisse. Sie sind aber auch ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Verlassen Sie die Gemeindest 11 bc, in der kein Mann sitzen sollte, der die ungerechten Forderungen der Antisemiten zu den scinigen macht und sie noch übertrifft! Sic haben bewiesen, dass Sie vielleicht ״liberal“ sind — wir überlassen Ihnen und Ihrer Gcineindcfraktion das Urteil darüber, cb das liberal ist, was sie öffentlich vertreten. — aber zur Vertretung der Jüdischen Gemeinde haben Sie keine Eignung! -. t ר י י Die Kolonisation von al-‘Arisch Gegen Ende August 1903 diskutierte der in Basel tagende sechste Zionisten-Kongress das Anerbieten der englischen Regierung zur Errichtung einer jüdischen Kolonie mit autonomer Verwaltung unter dem hohen englischen Protektorat in einem Territorium des äquatorialen Afrika nahe am Viktoria-See. Der britische Vorschlag zielte nicht nur daraui ab, eine fruchtbringende Auswanderung nach einer Provinz des Reiches zu lenken, sondern auch darauf, den Einwandcrungsstrom armseliger Juden, welche — aut der Flucht aus Russland oder Rumänien — in London oder New-York das Leben und die Freiheit suchten, zurückzustauen. Aber, wenn auch die zionistische Bewegung ihre Hauptkraft aus einer ökonomischen Notwendigkeit herlcitet, so bcahsichtigt sic doch auch, die zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes in seinem alten, verheissenen Laude unter der Herrschart seines alten, melancholischen Gottes zu vereinigen: ein verzeihliches religiöses Streben für eine seit so vielen Jahrhunderten mit Fussen getretene und zum Gespött gemachte Rasse. Daher kam es. dass der Gedanke, das jüdische Proletariat nach einer Kolonie des äquatorialen Afrika zu leiten, viele heftige Gegner fand, und gerade die Alierbcdrücktesten und Armseligsten waren es. die den von England angeboteneu Zufluchtsort nicht annehmen wollten, selbst nicht als ein Provisorium und in Erwartung besserer Zeiten, weil er sie von dem Wege nach Jerusalem ablenkte. Die Opposition behauptete: ...Man müsse die jüdische Ei::* Wanderung nach der Stadt a!-*Arisch, welche den Grenzen Palästinas so nahe liegt, lenken“ und beschuldigte das Aktionskomitee. sich nicht ernstlich genug mit diesem Vorschläge befasst und ihn ohne genügende Studien fallen gelassen zu haben. Das Komitee rechtfertigte sich dmgegenüber, indem cs ausführte. ..dass es von der ägvptlschen Regierung eine günstige Entscheidung bezüglich des Entwurfes der Gewährung einer Charter auf einen Landstrich des Gebietes der Sinai- Haiinsel empfangen habe. Aber .nachdem eine zionistische Kommission die Gegend untersucht gehabt habe, und nach langen Verhandlungen, habe die ägyptische Regierung erklärt, dass cs ihr nicht möglich sei. an dem Einverständnis festzuhalten, weil das Gutachten der Sachverständigen sie davor gewarnt habe, dass man die Ebene nicht mit genügendem Wasser versehen und demzufolge der Kolonisation von al-‘Arlsch oder den anderen Teilen der Halbinsel kein Vertrauen ‘entgegenbringen könne .... Und das Projekt wurde aufeeeeben. da aus den abgeschlossenen Forschungen der nach al-’Arfsch gesandten technischen Kommission die Unmöglichkeit. eine atisrueichendc Bewässerung zu beschaffen, klar erhellte; auch das Regenwasser hätte diesem ernsten Erfordernis Der Flüchtling aus jerusaiem Von Ludwig Philippson. (Nachdruck verboten.) II. . . . Schüttelt eure breiten Acste, ihr Lorbeerbäume, schüttelt sie unwillig, dass ihr einem Fremdling Schutz und Schatten verleihet, ihr Lorbeerbäume heidnischer Gütler, die ich verfluche und die der Pöbelwitz Javaus und Roms für heilig erklärt. Ich bin nicht gekommen, bei euch Schutz und Rettung zu;suchen, habe mich nicht geflüchtet in euer törichtes Heiligtum: mau hat mich hierher gedrängt mit freundlicher Hand, wem danke ich cs? — Aus des Käfigs dumpfer Schwüle ward ich versetzt unter eure dichten Schatten, an die murmelnden Wollen des Orontes, wie geschah es?-- Eines Morgens erhob sielt das Eisengitter meines Nachbarn, des Löwen von Tadmor, wie von unsichtbarer Hand. Mit bedächtigem Schritt trat er vor, mit seinem Schweife peitschte er die Luft, er brülitc wie vor Erstaunen, dann hob er die Tatzen zu mächtigem Sprung, und in gewaltigen Sätzen rauschte er aus dem Käticht dttrcli de״ langen engen Gang, bis er im fernen Dunkel einer geöffneten Türe verschwand. Wieder hob sich ein Gitter, und sich schüttelnd entlief der Panther dem Gefängnis auf demselben Wege. Da rauschte es und rauschte vorüber, bald ein brummender Bär, bald eine schrillende Tigerkatze, bald ein heulender Wolf, ohn’ Ende . . . Ich wusste, was es bedeutete. Das Kampfspfel sollte beginnen, und Ich —- ein Spielgenosse der Löwen und Bären werden. Eine sanfte Wärme floss bei diesem Gedanken in meiner Brust empor, und hüllte das Herz mir ein; es ward lebendig inder versteinten Brust, leise rang ein Seufzer aus der Tiefe sich auf und drang als Träne durch das trockene Auge. Der Schatten meiner Marianne trat zu mir mit dem wieder genesenen Säugling, und ich weinte über ihre entgegengestreckte Hand; draussen standen mein Vater, meine Geschwister mit der ehrwürdigen Mutter, und winkten mir. und Schalom alechcm! rief’s aus meinem geöffneten Herzen — o, warum täuschtet ihr mich? Warum kam ich nicht zu euch? — Bald trat der syrische Knecht zu mir ein, fasste mich bei der Hand, und führte mich — den langen Gang, wo die Tatzen der Raubtiere ihre Spuren gelassen. Ich folgte ihm wilfig. und bald befand ich mich in ’der Badekammer. Ich wurde untergetaucht in erfrischendes