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Jüdische Rundschau · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 90, J Ü_SJACHE RUNDSCHAU _ No.?. Produkt des Antisemitismus sei. Das ist schon aus dem einfachen Grunde unmöglich, dass die Judenstaatsideen, das Nationaljudentum und der Zionismus zeitlich viel älter als der Antisemitismus sind, und dass un»5er Neujudaismus kein Produkt der Reaktion, sondern der Freiheit und der Zeit der Freiheit ist. Derselbe Mann, der zum ersten Male den Internationalismus des Prolctariats zur Grundlage seiner Emanzipation machen wollte, ist der Schöpfer des modernen Zionismus. Aber ein Professor der deutschen Literatur braucht nicht die jüdische Geschichte zu kennen. Und wir wollen nicht ungerecht sein. Aber wir können verlangen, dass ein Mann, der sich erkühnt, uns einen Mangel an Deutschtum vorzuwerfen, so viel sich in der deutschen Sprache umgetan hat, dass er den sehr scharfen Unterschied von Nation und Volk, von deutscher Nationalität und deutschem Staatsvolk zu machen versteht. Wenn er 'das nicht kann, so ist es seine Pflicht, zu schweigen oder sich erst zu belehren. Wir sind jederzeit gern bereit, jedem, der etwas lernen will, mit den nötigen elementaren Litcraturnachweisen an die Hand zu gehen. Wer ein Volk (Populus) nach der ״physischen Eigenart und der Sprache“ beurteilt, wer als Philologe die selbständige Fortbildung eines Dialekts tiir eine Sprach Verderbnis ansieljt, der kann nicht mit uns diskutieren darüber, *ob die Juden eine Nation (natio) sind. Herrn Geiger steht nach seiner eigenen Definiti^r. von Volk seine Absage an die Juden in Russland und ganz Osteuropa sehr wenig an. Unsere niederdeutsche Sprache, die viele von uns als Mutter• spräche sprechen, steht dem Hochdeutschen eigentlich doch recht viel ferner als das Mitteldeutsche, das die Juden Osteuropas als Muttersprache sprechen. Herr Geiger müsste nach seiner eigenen Definition die Juden Osteuropas genau so als Deutsche in Anspruch nehmen wie die deutschen Siebenbürgen und sicher mehr als die Deutschen in der Schweiz und um nichts weniger als die Juden in Deutschland. Aber das wäre logisch! Herr Geiger, der erst kürzlich, ohne die zionistische Literatur der Gegenwart zu kennen, sie in der KOELNISCHEN ZEITUNG heruntergekanzelt hat, befindet sich in dem Irrtum, dass kein Jude ir» Deutschland hebräisch spräche — ״wenn man vielleicht ein Dutzend Rabbiner oder hochgelehrter Privatleute ausnimmt“. Schreiber dieses ist kein Rabbiner oder dergleichen, aber auch kein Gelehrter, nicht einmal Professor der deutschen Literatur. Aber die hebräische Sprache wird in seinem Hause gesprochen, ohne dass freilich die deutsche Sprache und deutsche Staatsbürgertreue darunter leiden. Und damit kommen wir zu dem letzten Punkte, den Herr Professor Geiger gegen den Zionismus ausspielt. Herr Geiger, der stolz hervorhebt, dass der deutschjüdische Intellektuelle sich ״nur dem Namen nach“ von dem Deutschen unterscheidet — der ausdrücklich sagt, ״dass der deutsche Jude . .. wie er als Soldat, als Kaufmann, als schlichter Bürger oder als Beamter täglich und stündlich den Kampf für deutsche Ehre kämpft, jede Kränkung des Deutschtums als persönliche Kränkung empfindet“, dieser selbe Herr Geiger wagt es, unsern Patriotismus, der kein Patriotismus aus dem ״Do ut des“ ist, zu verdächtigen. Wie wagt es der Herr Geiger, unsere staatsbürgerliche Treue anzuzweifeln, er, der sich niemals zu unserm Standpunkt erheben kann, dasß Staatsbürgerpflichten und Staatsbürgerrechte korrelatc Begriffe sind, und dass diese nicht vom politischen Partei- Standpunkte abhängig sein dürfen. Wir können, weil wir nicht nötig haben, die Geschichte auf den Kopf zu stellen, 11 n!)/.־fangen der .deutschen Nation gegenüberstellen, ihre wahrhaft nationalen Ideale achten und ehren, ohne sie mit der Elle der Abwehr des Antisemitismus zu messen. Herr Geige״! Auch der Zionist ist Soldat und Beamter, und Sic hatten sich hundertmal es überlegen sollen, ehe Sie die Ungeheuerlichkcit begingen, die Treue zu verdächtigen, die diese dwn Staatsoberhaupte geschworen haben. Herr Geiger! Der jüdischstoiz-cste deutsche Jude, jener selbe Gabriel Riesser, dessen jüdisches Nationalgeiühi wir bewundern, war cs, der es im Parlament ausgesprechen hat: ״Wer mir meine deutsche Staatstreue antastet, den betrachte ich ais einen Mörder.“ Wir schränken das insofern ein. als wir nur den so betrachten, der gross genug wäre, um an sie heranzureichen. Aber vor Herrn Geiger haben ja längst die ungarischen Ra'ortmabbis in Deutschland uns auf die staatsgetreueste Anklagebank protestiert, indem sie mit einem frommen Blick nach oben unsere Staatsbürgerliehe 'freue in Zweitel zogen. Was ist also Neues in seinem Vorgehen? Freilich, die Herten Rabbiner haben schweigen gelernt. Die Jugend hat sie belehn. Als in iluen refonnfromnien Synagogen die Hüte immer mehr nur kahle Schädel deckten und die Jugend ihr Bedürfnis zum Judentum lieber bei den Zionisten befriedigte, da schwiegen sic, um nicht endlich vor ganz leeren Bänken zu sprechen. Aber Herrn Geiger ziert teutschcre Gesintumg als jene und sie kommt in seinen Worten zum Ausdruck. Man muss ihn buchstäblich und wörtlich lesen, um zu glauben, dass er das wirklich geschrieben hat, er, der Hauptvertreter und Wortführer des Liberalismus in der Jüdischen Gemeinde Berlins. Herr Geiger, nicht Grat Pückler oder Alilwardt, schreibt: ״Ich würde es für eine ganz konsequente Hatidlungsweise der Regierung halten, den Zionisten zwar nicht den Aufenthalt ln Preussen zu verbieten, — wie man es ja so oft mit lästigen Ausländern tut, — aber ihnen die staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen. So wenig ein Holländer oder Oesterrelclier, der In Deutschland wohnt, aktives oder passives Wahlrecht besitzt, so wenig hat ein Zionist, der ausdrücklich erklärt, einem andern Voke als dem deutschen anzugehören, darauf Anspruch zu machen. Diese Entziehung der staatsbürgerlichen Rechte halte ich für eine notwendige Konsequenz der deutschen Gesetzgebung gegen den Zionismus, die einzige Antwort, die das deutsche Volksbewusstseln dem Zionismus geben kann und muss.“ Wir müssen gestehen, diese Leistung hätten wir selbst dem Sohne Abraham Geigers nicht zugetraut. Das ist tatsächlich der Liberalismus, wie er schöner nicht durch Liebertnann von Sonnenberg, Pückler und Ahlwardt vertreten w erden kann. Das ist der Liberalismus des Herrn Geiger, den man in politischen Versanunhingen diesen Liberalen so lange auitischen muss, bis sie energisch diesen Mann abschütteln, der sich liberal nennt und die KREUZZEITUNG und ihre Freunde hinter sieh lässt. Vor wenigen Wochen hat Herr Geiger in der KOELNISCHEN ZEITUNG Juden, Ultromontane und Sozialdemokraten in den gleichen Topf geworfen. Sie sind ihm, der allein das echte ohnverfülschte Teutschtum trotz seiner ״physischen Eigenart und Sprache“ in Erbpacht genommen hat, alle gleich gefährliche Feinde des deutschen Volkes. Will er nun auch diesen das Staatsbürgertum entzogen sehen? Das wäre konscquent, von Masuren und Wenden, Kassuben und Lothringern, Polen und Dänen gar nicht zu reden I Heraus mit

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