Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 7. Seite 73. JÜDISCHE RUNDSCHAU. d. 11. zweckdienlich für sich lösen diese Mächte die Juder.frage zwischen dem Minimum, dass sie brutale Ausschreitungen gegen die Juden niederhalten und dem Maximum, dass sie die Emanzipation praktisch bis zu dem gewissen Prozentsatz der Aufnahmefähigkeit von Juden an den Bereich privater und öffentlicher Positionen gestatten. Zwischen diesen beiden Polen gibt es für die Mächte hundert grössere ״egoistische” Sorgen als die Lösung der Judenfrage. Freilich. Herz! supponierte dem Egoismus immer bewusst oder tinbewusst seine sittliche Forderung: Die Mächte müssten ״mit dem verschleppteil Stück Mittelalter" unzufrieden sein. Aber leider ist die Supposition nicht identisch mit Staatsräson, und das Mittelalter wird zur Not bemerkt, wenn cs ein Könitz oder Polna gibt, und bald darauf gibt's wieder keine Judcuuot mehr, wenigstens für die Regierungen. Zweitens hätten diese Regierungen 11(1 r dann egoistischen Anlass, dem Zionismus näherzutreten, wenn er ihnen wirklich Massen von westeuropäischen Juden.״ seien es Proleten, seien es gefährliche Kämpen in der Wirtschafts-Konkurrenz, abnehmen könnte. Aber weder kön- »en die Mächte an diese Möglichkeit glauben, noch wir selbst, die wir endlich schon wissen sollten, dass es keinen Massen- Export von Menschen geben kann und dass auch bei einem eventuellen allmählichen kleinen Abfluss der freigewordene Raum durch Nachgeborene gefüllt werden wird. Nur zwei europäische Mächte könnten ein egoistis c 11 e s Interesse an einer territorialen Lösung der Judenfrage haben: Russland und England. Russland, das seine Paupers gerne los wäre und England, (dasselbe gilt von Amerika), das sie nicht aufnelmien möchte. Ich sagte aber ausdrücklich: an einer ״territoriale n” Lösung, die absolut keine zionistische sein muss — wie man ja aus 'Englands Uganda-Angebot am besten sicht. Auch da aber ist Voraus- Setzung, dass wir alle englischen Emigranten im Judcngebict aufnelmien — etwas, was wir nicht können, nicht dürfen, wenn •nicht jede systematische, gesunde Kolonisation von vornherein durch den Massenzuüuss zufälliger Elemente unmöglich gemacht werden soii. Wo aber bleibt Englands (oder Arnerikas) Interesse, wenn das Hauptkalku! von uns nicht akzeptiert werden kann. Und Russland? Nur wer Plchwe traute, wird wirklich glauben, dass die Regierung mehr will als ihre im eigenen Land gequälten Juden los werden. Die Ruhestörer nach Osten, die Armen über die Grenze nach Westen, das ist genug. Sie noch mit einem Land zu versorgen aus ״egoistischen” Gründen, dafür darf man bei ihr keine Neigung voraussetzen, und selbst warn eine erwachte. — so basierte auch sic auf der sofortigen Aufsaugung der Masse der Emigrauten durch ein Land. Der wesentlichste Grundirrtutn der Zlocisä'schcn Auffassung aber beruht darauf, dass er etwas Zeitweiliges — die Emigration und die krasse Not der russisehen Juden — als Grundlage der Politik des Zionismus setzt, die doch einen konstanten Zug — selbst auf Generationen hinaus — haben muss. Es ist kein Zweifel, dass die Revolutä'011 in Russland, ja selbst nur eine teilweise Reform, wie sie sicher in absehbarer Zeit zu erwarten ist, den Juden das Mass der Freizügigkeit, (selbst wenn auch nicht volle Gleichbcrcchtigung) geben wird, das ihnen eine, nehmen wir. nur an, be• scheddene Entfaltungsmöglichkeit in dem gesundenden Riesenreiche geben wird. Damit wird die Emigration zu Ende sein. Wir bekommen schlimmstenfalls einen Zustand, der dem der Juden Oesterreich-Ungarns annähernd entsprechen wird — und in diesem Augenblick entfällt auch der Rest ״egoistischen” Interesses für Russland, England oder Amerika. Das alles ist meiner Meinung nach so einfach und klar, dass es auch einer, der wie ich, keine Neigung und keinen Beruf hat, dilettantisch diplomatische Weisheit zu künden, beruliigt als politische Wahrheit hinstellen kann. Daraus aber folgt: Wenn die Zionisten Politik bei den Mächten mit Erfolg treiben wollen, so müssen sic. andere Grundlagen haben als nur Jude 11 not und Egoismus. Ich kann es hier nicht ausführlich begründen: aber ich meine, die Grundlage u.aserer Politik bei den Mächten kann nur etwas eminent Sittliches sein, ein Positives, das möglichst machtvoll in die Erscheinung tritt, die kraftvolle D ok umentierung unserer historischen» k u 11 ur eilen, unserer freiheitlichen Forderungen und Rechte — eben jenes also, was Zlocisti als ״historisch-romantisch" aus der Bewegung bannen möchte. Ob die europäischen Mächte für die Grösse eines sittlichen Postulates empfänglich sein werden, wenn wir uns anstrengen werden. diese Grösse zu schaffen und ihnen vorzuführen, — dafür will-ich allerdings kein Prophet sein. Soviel .aber ist sicher, dass unsere Politik vor allem die Regierungen für unsere Interessen wird gewinnen müssen, nicht ihren vermeintlich bestellenden Interessen sich untcrordnen darf. Nun bleibt die eigentliche Macht übrig, die Türkei, die in der Zlocisti’schcn Politik leider sehr schlecht wegkommt, und, wie ich glaube, von Anfang bis zum Ende mit Unrecht. Ist cs an und für s.icli verfehlt, die politische Intervention der Regierungeu aus ihren innerpolitischen Gründen heraus zu eri warten, so steigert sich das geradezu zur Verkehrtheit, von den Regierungen zu erwarten, dass sie um ihrer Judenfragc willen daran gehen sollten, die nach Zlocisti's Meinung bestellende Abneigung der Türkei gegen unsere Pläne gewaltsam zu ״brechen.*‘ Den Souverain. den Protektor zuerst z w i n g e n wollen, um ihn dann zu besitzen — wenn das Politik, wenn das die Einleitung gesunder Verhältnisse ist. dann müssen wir wirklich von' Grund aus umstudieren. Aber es soll und wird zu dieser, man mag sagen, was man will, gewaltsamen Intervention der Regierungen nicht kommen. Sie haben keinerlei Grund und Kraft dafür übrig, und die Türkei hat keinen Grund, sich solchen Zwang zu fügen. Hüben wie drüben kann alles nur in Ruhe, in Güte und im Zeichen unseres idealen Planes geschehen. Was aber die Türkei besonders betrifft, so kann und muss unsere'Politik ihr und nur ihr gegenüber sich überdies auf den stärksten Pfeiler aller Politik stützen: Auf das ״Do. ut des.” Einer Leistmg von ihrer Seite müssen wir eine Leistung von unserer Dann schwirrte mit schwarzem Gefieder die Zeit über ihre Häupter hin und schlug in helles Hohnlachen auf, und sie versanken allesamt, Hörer und Sprecher, in die Tiefe. Die Säulenschafte ringsum, die liegenden und stehenden und halbgcsunkenen, sahen mich trauernd an und sprachen: ״Das haben wir alles auch gesehen, und vieles mehr; sie haben uns zurückgela,>sen als Zeugen, aber die Barbaren haben unsere Zunge gelähmt, und die Fremdlinge kommen noch heute und zerschlagen uns, und tragen uns fort über das Meer, von unseren! blauen Himmel in dunkle Zimmer, kindischer Neugier zum Spielwerk!‘‘ Da drängte es mich, sie zu beruhigen. Ich sprach: ..Klaget nicht. Sehet, ich bin eine lebende Ruine eines Volkes, und ihr seid nur tote. Ich kann reden, und was hilft es? Euch holet man, und mich verjagt man. Hier stehe ich, ein Jude, auf den Trümmern der Hellenen, Trümmer auf Trümmern. Wisset ihr noch, wie Grieche und Jude sich kennen lernten? Ihr werdet davon gehört haben. Wir waren zuvorkommend und freundlich wie nie gegen Fremdlinge. Wir lernten eure Sprache und Sitten, und wurden ihnen zugesinnt*). Aber Javau kam mit dem Schwerte des Unterdrückers und zerschnitt unseren *) Makkab. 2 B. 4, 13ff. I Vorhang, entheiligte unser Heiligtum, schändete unsere Jungfrauen, und zündete den Scheiterhaufen für unsere Witwen und Kinder. Da flammte das alte Feuer Juda’s, des Löwen, in uns auf, und wir wiesen euch wacker aus unseren Gauen. Da rangen wir mit einander fortwährend, bis — wir beide Sklaven wurden. Seitdem bluten unsere Wunden, ihr aber seid tot und stumm.“ — Da vergass ich endlich meine Zuhörer und sprach in mich hinein: ״Wie? Grieche und Jude sind auferstanden. Er aber ist sich untreu geworden, wir sind uns treu geblieben. Der Grieche ist längst nicht mehr Hellene. Mit allen Horden hat er sich vermengt. Hunnen und Afrikaner, Goten und Syrer, Römer und Gennauen, Asiaten und Kreuzfahrer haben einen Bastard aus ihnen gemacht, dem, statt Gesinnung und Geisteskraft, nur eine verkümmerte Sprache von seinen hohen Vordem sich vererbte. Der Jude ist aber Jude geblieben; obgleich in aller Welt, blieb er ausser Hatte er keine Empfindung für die Reize kein Gefühhl für die Pracht und die Ehren Wogte es in seinen Jünglingen nicht, sich zu ׳stürzen in den Rausch des Lebens, und dessen ganzen Kelch zu leeren? War die asiatische Glut nicht mit unter Deutschaller W’elt. der Welt? der Welt? ״W.. •vws.il t.u ».Mi U1V. U31U 1131111; VJIUk II1U hinübergewandert unter die Oelbäume Granadas, die Trauben des Vesuv’s, unter die Eichen De!