Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70. No. JÜDISCHE RUNDSCHAU. die Juden zur revolutionären Betätigung drängt. Für 1 Russland braucht das garnicht bewiesen zu werden: j aber auch in Deutschland beispielsweise sind die Juden, die in guter Position sich befinden, nichts weniger als Umstürzler; sie sind in Wahrheit nicht einmal die Demokraten und Liberalen, als die sie gelten, weil sie sich notgedrungen den liberalen Parteien anschllcsscn mussten in einer Zeit, als lediglich diese ihnen als die Vorkämpfer ihrer Menschenrechte erschienen. Es sind auch unter den Juden nur dieselben Schichten, wie unter den Andersnationalcn, die den revolutionären Parteien angeboren, das Proletariat der Hand- und der Kopf-Arbeit. Und was soll das lächerliche Argument, dass die Juden die geborenen Kämpfer seien ״gegen jede Tradition“. Sogar der verbohrteste Antisemit pflegt, wenn er irgendwann einmal von den Juden etwas derart sagen muss, hervorzuhebeu, im guten oder schlimmen Sinne, wie die Juden so fest an ihrer Tradition hingen. Und es wäre psychologisch unerklärlich, dass jemand der die eigene Tradition hochhält, die des anderen zerstören sollte. Die Hochachtung, die der fromme Christ dem frommen Juden in dieser Hinsicht gewöhnlich entgegenbringt, beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Die Wahrheit ist auch hier, dass es eben bestimmte Schichten sind, die als die Vorkämpfer alles neuen, als die Kämpen gegen alles Alte am'trctcn, bei den Juden so wie bei den Deutschen auch. Dass das Eintreten der Juden für Gorki ihre Sympathieen für die Revolution gezeigt habe, diese Behauptung ist schon darum keiner Widerlegung wert, weil man ja von all den ungezählten Christen, die überall um das Schicksal des russischen Dichters besorgt waren, dasselbe sagen müsste, und vor allem, weil man sich natürlich nicht mit der KREUZ- ZEITUNG in eine Auseinandersetzung über die dichterischen Qualitäten Gorkis einlassen kann. Wie schlecht aber die jüdische Politik ist, wird vor allem daran gezeigt, dass die Juden es waren, die — man höre und staune! — den deutschen Liberalismus heruntergewirtschaftet haben. Bislang las man immer in der KREUZZEITUNG, dass eben der Liberalismus sich als politisches Prinzip überlebt habe und deshalb es auf absehbare Zeit zu politischer Bedeutung vorläufig nicht mehr werde bringen können — das ist eine, wie immer man selber stehe, unter den gegenwärtigen Zeichen der Zeit recht diskutable These, die durch die politischen Ereignisse keines einzigen Landes dementiert wird, also immerhin einen hohen Grad der Wahrxcheinlichkeit besitzt. Nim sind auf einmal die bösen Juden auch daran Schuld, und wenn nächstens das konservative Blatt wieder einmal die Lebeirsumähigkeit des Liberalismus demonstrieren wird, dann werden die liberalen Führer, die ״dem A s e m i t i s m 11 s huldigen״, d. h. ״keine Juden in Parteiämtern haben wollen", die KREUZZEITUNG vom so und so vielten gegen dieselbe vom dritten Februar dieses Jahres ausspielen und sagen: ״Nicht wahr, daran sind ja immer die Juden schuld; und letzt sind wir asemi tisch, also haben wir wieder Lebenskraft.“ Nein, den grossen grossen politischen Fehler, den die Juden tatsächlich gemacht haben, den haben sie nicht i tu Liberalismus gemacht, dem sie ihre besten Kräfte durch Jahrzehnte hindurch gewidmet haben und noch widmen, und der in seiner Glanzperiode zu seinen besten Namen nicht wenige jüdische zählen muss — diesen grossen Fehler haben sie begangen m i t dem Liberalismus, als sie sich ihm aui Zeit und Ewigkeit verschrieben, und sie werden noch lange leiden an diesem Fehler, dass sie sich selber so identifizierten mit dem Liberalismus, dass die immer notwendiger werdende Lösung des Bundes eine sehr langwierige und schmerzhafte sein wird. So sehr, dass eine Revoiutionierung des eigenen Ichs, wenigstens in der deutschen Judenheit, die notwendige Begleiterscheinung sein wird. Langsam sehen wir das sich vorbereiten. Und diese Revolution des Judentums in sich selber — auch die KREUZZEITUNG wird uns vorstehen — die wollen und fördern wir mit allen Kräften, denn es ist die Revolution von Sclbstvergcsscnheit zu Selbstbewusstsein, von deutschtiinielndem falschem Kosmopolitismus zu jüdischem Nationalismus, von innerlich hohlem ״Liberalismus“ zu jüdischer Freiheit. Ofe Schachor. Ludwig Philippson Wir Juden haben ein kürzeres Gedächtnis als andere Nationen, weil uns der historische Boden fehlt, an dem die Erinnerung haftet. Es ist darum doppelt angebracht, das Andenken von Männern testzuhalten, deren Wirksamkeit in der jüngsten Vergangenheit liegt, die Grosses für ihre Nation geleistet haben und die bei der zu Leben und Judentum aufstrebenden Jugend schon zu den Vergessenen gehören, weil sic von anderen Parteien als Zugehörige in Anspruch genommen werden, als sie verdienen. Ludwig Philippson, der Mann mit dem jüdisch-nationalsten Herzen unter den deutschen Rabbinern des verflossenen Jahrhunderts aber darf nicht an dem Massstab der Partei gemessen werden, umso• mehr als seine Gedanken und Gefühle so ganz andere waren, als sie jetzt in dem Blatte zum Ausdrucke kommen, das sich als die Fortsetzung seiner Allgemeinen Zeitung des Judentums aoschen zu dürfen glaubt. Der Begründer der jüdischen Journalistik, der die erste jüdische Zeitung gegründet und! mehr als ein halbes Jahrhundert selbst geleitet hat, verdiente ein besseres Denkmal als nur die stereotype Erwähnung auf dem Blatte, dessen Epigonentum ihm an die Stirn geschrieben Ist. Er darf nicht einseitig als ״liberaler“ Jude bezeichnet werden, — denn wenn er auch mehr als alle die andern, die sich jetzt so nennen, freisinnig war, so hing er doch mit allen Fasern seines Herzens an dem Judentum und( wollte keineswegs den hÜstori,sehen Faden, der das älteste Judentum mit dem jüngsten verbindet, zerschnitten und zerrissen wissen, sondern wollte die jüdische Geschichte im Vollbesitz aller Errungenschaftcn der menschlichen Geschichte fortgeführt sehen im Geiste des historischen Judentums. Aber wenn das ״liberal“ ist, so sind wir nicht minder liberal, im Gegensätze zu lenen, die vom Philippsorrschen Geiste nichts geerbt haben. Philippson hat für uns die Bedeutung eines der ersten, der es, auch ohne das Wort Nationaljudentum dafür zu finden, verstanden hat, in modernem Sinne am stammestiimlichcn Wesen festzuhaltcn, fern von aller religiösen Befangenheit und in voller Erkenntnis einer im Ueberkommencn wurzelnden Zukunft. Nur in diesem Sinne versteht man die Bedeutung des Mannes, der uns eine jüdische Zeitungswelt gab. Der Mann, der in seinem Magdeburg den unfruchtbarsten Boden beackern wollte, den es in jüdischem Sinne gibt, schuf dadurch zugleich ein breites und weites Arbeitsgebiet, das er flcissig und mit ausserordentlichem Talent anbaute. Der Name Philippson wird in der Reihe der reforwmm