Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Judentum und Revolution Die Phrase von dem durch und du reit von rcvolutionärem Geiste erfüllten Judentum ist bereits älteren Datums, und es war daher nicht mir iiicbtverwunderlidj, sondern selbstverständlich, dass sie auch anlässlich der jüngsten revolutionären Ereignisse jenseits und diesseits unserer östlichen ürenzpfählc würde gehört werden. Das war umso natürlicher in Anbetracht der in jedem Falle an diesen Vorgängen stark interessierten grossen jüdischen Massen, die ebenso natürlich den verschiedeneu revolutionären Parteien ihren Tribut an Menschen und intellektueller Kraft abgeben. In Russland selber ist ja nun die Formel für solche Fälle eine absolut konstante und rein auf praktische Wirkung abzielende — die Juden sind die ewigen Feinde des Zartums und des Riisscritums, und darum hetzen sie das gutmütige und zufriedene russische Volk gegen seine Behörden; also geschieht ihnen nur recht, wenn diese nun das Volk ein bischen auf die Juden hetzen, ״um sich über einige schwierige Tage hinwegzulieifen“, wie das mit einem sogar in Russland seltenen Cynismus neulich von dem Polizeimeiiuer von Moskau gesagt wurde. Das gibt eine neue Judenhetze — die Regierung hat vor dem Volke eine Zeit laug Ruhe. Und weiter denkt der russische Tschinownik nicht. Anders seine Gesinnungsgenossen in den sögenannten zivilisierten Ländern des Westens. Dort empfindet selbst der rückwürtselnde Politiker das Bediirfnis, für seine Anschauungen eine Art von logischer Draperie zurecht zu machen, eine Theorie zu haben. Fs ist das eine Konzession an den Geist der Zeit, die ein konsequenter Reaktionär nicht machen sollte, da sie die schädlichen Folgen der Halbheit eines jeden Kornpromisses notwendig nach sieh zieht und so der eigenen Sache schadet. Das wird die KRFUZZF1TUNG wieder einmal erfahren müssen, wie sie es so oft erfuhr. Nur tut es uns dieses Mal fast leid, ihr das zeigen zu müssen, denn sie hat mit der Behauptung, die bisherige jüdische Politik sei schlecht, nicht so ganz unrecht. Aber warum treibt sie der Khrgeiz, das begründen zu wollen; warum muss sie der modernen Sucht verfallen, gleich eine Theorie dazu zu machen! Es soll nämlich bewiesen werden, dass die Juden immer und überall Revolutionäre seien, doch natürlich nicht solche, die offen und frei an die Spitze einer Revolution treten würden, sondern, immer seien sie nur die Schürer und Hetzer, die politische und religiöse Leidenschaften anstacheln, ״alles zu dem Zwecke, hinter den Kämpfenden in Ruhe ihre Geschäfte machen tmd schliesslich als die gebietenden Herren des Handels, der Industrie und des Grundbesitzes die Peitsche über ein Volk von Geld- Sklaven schwingen zu können.״ Wir wollen nicht den Unsinn beleuchten, der darin liegt, solcher Art von bewusster jüdischer Politik zu sprechen, als gäbe es Organisationen, die eine solche Politik des Judentums beschlössen, oder als sei gar diese sogenannte Politik jedem Juden angeboren. Es braucht hier auch nicht auf den sogar der KREUZ- ZEITUNG nicht würdigen Vergleich Gorkis und — des Grafen Pückler eingegangen zu werden; diesen haben die Witzblätter in seiner Bedeutung durchaus entsprechende Behandlung genommen. Und vollends die KREUZ- ZEITUNG als Prophetin des zukünftigen deutschen Dichters, der einmal unter dem Verdacht, eine antijüdische Revolution angezettelt zu haben, verhaftet werden wird — das ist mehr Komik, als in einem politischen Artikel gestattet ist. Wir glauben, dass die ״weltgeschichtlichen Gesetze“ eine andere Tendenz haben. Die revolutionären Neigungen der Juden beruhen, w׳ie das Blatt meint, auf der instinktiven Erkenntnis, dass es für das geschäftliche Vordringen der Juden von Nachteil ist, wenn unter der Bürgerschaft der von Juden bewohnten Länder ein gutes Einvernehmen mit der Staatsgewalt herrscht. Dieses zu zerstören sei also das A und 0 aller jüdischen Politik. Deshalb förderten die Juden angeblich alle Dekompositionsprozesic im Kulturleben der Völker, jede Auflehnung gegen die Tradition, alle religiösen Zw istigkeiten und vor allem jede Auflchntmg gegen die Staatsgewalten. Man wird es dem Blatt der evangelischen Orthodoxie kaum beweisen können, wenngleich es nichtsdestoweniger Tatsache ist, dass die Juden sich nie und mrgeuds in die religiösen Streitigkeiten ihrer Mitbürger gemischt haben, aber wissen sollte es als ein konservatives Organ, dass die Juden von Natur einer konservativen Auffassung weit näher stehen als einer destruktiv-revolutionären. Es sollte aber auch gelernt haben, dass. w׳ann und wo die Juden in der Geschichte als Revolutionäre auftraten, ihre eigene Lage es war. die sie dazu brachte, die bitterste Notwendigkeit, gegen die sie unterdrückenden Gewalten anzukunipfen. Fs ist vielleicht gar nicht richtig, wie es da geschieht, dem Juden Mitleid mit jedem Opfer staatlicher Disziplin zuzuschreiben, es ist fast überall der ureigenste Selbsterhaltungstrieb, der